Wissenschaft und Kunst : Die neue Dimension des Unheimlichen

Die Synthetische Biologie hat sich nach der Gentechnologie und der Nanoforschung auch der Kunst angenähert.

Horst Bredekamp,Hans-Jörg Rheinberger
Kunst lebt. Für seine Serie „Bakterium-Vanitas“ (2000/2001) nutzte der Künstler Edgar Lissel Bakterienkulturen, die unter Lichteinfluss wachsen und so in einem quasi-fotografischen Verfahren vor der Lichtquelle befindliche Gegenstände in einer Petrischale abbilden.
Kunst lebt. Für seine Serie „Bakterium-Vanitas“ (2000/2001) nutzte der Künstler Edgar Lissel Bakterienkulturen, die unter...Foto: Edgar Lissel

Leben aus der Retorte, das war der Traum der frühneuzeitlichen Alchemisten. Parallel dazu begleitete der Anspruch, Lebendigkeit mit den Mitteln der Kunst zu erzielen, die Malerei und Bildhauerei der Renaissance. Die Rede von agil blickenden gemalten Augen, atmenden Metallmedaillen und schwitzenden Marmorstatuen war mehr als nur eine Floskel, und das enorme Ansehen von Künstlern lag auch darin begründet, dass sie die Schöpfungstat zu wiederholen schienen.

Der Streit darüber, auf welchem der beiden Wege dem Leben näherzukommen sei, zog sich über Jahrhunderte. Die Ansicht, dass Leben etwas sei, was sich der wissenschaftlichen Synthese von Menschenhand grundsätzlich entziehe, setzte sich erst in der Biologie des 19. Jahrhunderts durch. Sie ist untrennbar mit dem Namen Louis Pasteurs verbunden.

Die Büchse der Pandora blieb aber nur kurze Zeit verschlossen. Jeder größere Durchbruch in der stürmischen Entwicklung der Lebenswissenschaften im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde begleitet von Stimmen, welche die Beherrschung des Lebens durch seine gezielte Herstellung und Veränderung am Horizont heraufziehen sahen. Seit gut zehn Jahren, als sich das Projekt der Entschlüsselung des menschlichen Genoms seinem ersten Höhepunkt näherte, breitete sich der Begriff der synthetischen Biologie wie ein Flächenbrand aus. Der allgemeine Eindruck ist: Es wird am Leben gebastelt.

Craig Venters Totalsynthese des Genoms eines Bakteriums mit dem sprechenden Namen Mycoplasma laboratorium wurde in der Presse weltweit als entscheidender Durchbruch auf dem Weg zur künstlichen Herstellung von Leben sowohl gefeiert als auch von entsprechenden Befürchtungen begleitet. Die von Venter als Verkündigung inszenierte Präsentation seiner Ergebnisse erzeugte eine derart überschüssige Resonanz im Aufrufen des Schöpfungsmythos, dass mehr im Spiel zu sein schien als nur die Würdigung einer neuen rein technischen Errungenschaft.

Die Selbststilisierung Venters als Künstler war dabei weder zufällig noch spontan. Seit dem Beginn des 20.Jahrhunderts haben die künstlerischen Utopien des italienischen Futurismus davon geträumt, neue Geschöpfe aus organischen und anorganischen Materialien zu erzeugen, welche die Grenzen der gegebenen Schöpfung hinter sich lassen würden. Der synthetische Kubismus und die Kunstform der Collagen haben das Prinzip der schöpferischen Kombinatorik zu einem so nachhaltigen Prinzip der Gestaltung werden lassen, dass sie wiederholt als Künder der Gentechnik erachtet worden sind. Vor diesem Hintergrund haben sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder Künstler und Künstlerbewegungen wie GeneArt, BioArt oder transgene Kunst als Partner, Kritiker, aber auch als Avantgarde der Biowissenschaften empfunden.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!