Wissenschaft und Kunst : Von den Musen geküsst

Für Faulkner war Inspiration zu 99 Prozent Whisky und zu einem Prozent Schweiß. Wie sich der Begriff der Inspiration im Laufe der Jahrhunderte verändert hat.

Ernst Osterkamp
Verknüpft. Installation „Triangulations“ im Akademiegebäude am Gendarmenmarkt.
Verknüpft. Installation „Triangulations“ im Akademiegebäude am Gendarmenmarkt.Foto: Tinka Bechert

Von Thomas Alva Edison stammt die nüchternste Definition von Genie: „Genie ist ein Prozent Inspiration und neunundneunzig Prozent Transpiration.“ Was mit Transpiration gemeint ist, lässt sich leicht sagen: unermüdlicher Fleiß, Beharrlichkeit, aufopferungsvolle, zielgerichtete Arbeit; nur sie führen den Wissenschaftler wie den Künstler nach Edisons Erfahrung zu neuen Erkenntnissen und Entdeckungen und damit zum Erfolg.

Was aber ist Inspiration? Von dem großen amerikanischen Schriftsteller William Faulkner, der genau wusste, wovon er sprach, wird der wenig nüchterne Ausspruch kolportiert: „Die chemische Analyse der sogenannten dichterischen Inspiration ergibt 99 Prozent Whisky und ein Prozent Schweiß.“ Auch wenn dies in Faulkners Falle zutreffen mag, wird man sich begriffsgeschichtlich und auch lebenspraktisch dennoch nicht mit dieser Definition zufrieden geben wollen. Denn wohl jeder Künstler und auch jeder große Wissenschaftler (von denen nur die wenigsten auf die inspirierende Kraft des Alkohols vertrauen) wird die Erfahrung gemacht haben, dass ihm plötzlich unter nicht kontrollierbaren Umständen Ideen, Einsichten und Einfälle zugewachsen sind, die nicht seinem Bewusstsein entstammen und die dennoch oder gerade deswegen von entscheidender Bedeutung für seine Arbeit waren. Dieser rational schwer erklärbare Augenblick der Kreativität wird bis heute gern mit dem Begriff der Inspiration bezeichnet.

Was dabei in der Regel vergessen wird, ist die theologische Herkunft des Begriffs; er verdankt sich der Überzeugung, dass alle Kreativität göttlichen Ursprungs ist. Wie Gott die Welt geschaffen hat, so bedarf es auch göttlicher Hilfe und Eingebung, um sie zu erkennen; göttliche Inspiration und wissenschaftliche Forschung waren deshalb bis ins 17. Jahrhundert hinein eng miteinander verbunden. Inspiration: dies ist die Einatmung des göttlichen Geistes, eine Mitteilung von Seiten Gottes an den Menschen durch seinen Anhauch und damit ein gottbegeisterter Zustand. In diesem Sinne wurden die in der Bibel zusammengestellten heiligen Schriften als Werke der Inspiration verstanden, als Aufzeichnungen, die vom Geist Gottes diktiert worden sind.

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