Zeitung Heute : Wissenschaftler, die die Welt verändern

Vom Augenspiegel bis zum Klopapier: Was unternehmerische Humboldtianer erfunden haben

Stefan Gilles

Wer hat nicht schon einmal daran gedacht, die Welt zu verändern, ihr einen eigenen Stempel aufzudrücken? Dass die Hauptstadt eine wahre Fundgrube an Ideen ist, beweist vor allem ihre erste Universität. Die Humboldt-Universität hat in den 200 Jahren ihres Bestehens zahllose Innovationen für Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft hervorgebracht. Ehemalige Studierende, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Professorinnen und Professoren und mancher Rektor und Präsident der Universität glaubten daran, mit neuen Erfindungen die Gesellschaft verändern zu können.

Humboldtianer entwickelten im Verlauf der letzten 200 Jahre Ideen, die Geschichte machten: von Augenspiegeln, spazierenden Erdplatten bis hin zu einem Reiseservice für Menschen mit Behinderung oder einem Online-Nachhilfeportal. Welche Rolle morphiumabhängige Katzen für den Erkenntnisgewinn der Menschheit spielten, wieso wir das Klopapier dieser Universität zu verdanken haben oder weshalb kalbende Gletscher Ziel und Gegenstand großer Unternehmungen waren – all das offenbart das Buch „Humboldts Innovationen“. Studierende am Institut für Geschichtswissenschaften haben das Buch unter der Leitung von Alexander Schug in Zusammenarbeit mit der Humboldt-Innovation GmbH geschrieben und herausgebracht. Unterstützt wurde das Projekt von der Humboldt-Universitäts-Gesellschaft.

„Für uns war die Arbeit an einem eigenen Buch eine echte Abwechslung“, sagt Steffi Becker, die über den Afrikaforscher Heinrich Barth schrieb. „Das breite Publikum zu erreichen, war unser Ziel. Das bedeutete vor allem: Hausarbeitendeutsch adé, das Lesen unserer Portraits soll unterhalten und gleichzeitig Wissen vermitteln“, erklärt Daniel Kirchhof. Das Buch präsentiert 17 Kultur- und Sozialunternehmer, Wissenschaftsunternehmerinnen und Querdenker, die an der Humboldt-Universität studiert oder dort gewirkt haben. „Es ist eine Einladung zum Unternehmertum und Innovationsgeist“, sagt Daniel Klink von der Humboldt-Innovation GmbH, der Wissens- und Transfergesellschaft der Humboldt-Universität.

Das Buch identifiziert „Innovationen“ als eine treibende Kraft der Universität, unternehmerisches Denken – auch im sozialen oder kulturellen Sinne – als Übersetzung akademischen Forschens. Die Porträts machen auch eines klar: Zahllose neue Ideen wuchsen zwar in den Köpfen von Lehrenden und Studierenden heran, deren Umsetzung erforderte jedoch oft Mut, Überzeugungskraft und Hartnäckigkeit. „Wer als Jude, wie Louis Lewin, oder als Frau, wie Alice Salomon, auf die Welt kam, brauchte im größten Teil der zweihundertjährigen HU-Geschichte mehr als nur Talent, Wissen und Ideen“, beschreibt Henriette Schulz eines der wichtigen Ergebnisse der Untersuchung.

Vielen der vorgestellten „Unternehmern“, wie Alfred Wegener, Theodor Mommsen, Heinrich Barth oder Alexander Mitscherlich, liefen die Unterstützer und Geldgeber nicht hinterher, sie mussten Rückschläge erleiden und verfolgten ihre Idee ohne Rücksicht auf eine gesicherte Existenz – und manchmal auch in offener Opposition zur Universität. Stefan Gilles

Humboldts Innovationen: Soziales, wissenschaftliches und wirtschaftliches Unternehmertum an der Humboldt-Universität zu Berlin, herausgegeben von Martin Mahn, Daniel Klink und Alexander Schug, Vergangenheitsverlag 2010, 13,90 Euro (200 S., Klappenbroschur, mit zahlreichen Abb., ISBN 978-3-940621-16-0).

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