Zeitung Heute : Wissenschaftler können Gas geben

MAURICE SHAHD

Deutschland mit derzeit schnellstem NetzVON MAURICE SHAHD

Die Datenautobahn in Deutschland wird ausgebaut.Während andernorts noch über die Notwendigkeit leistungsfähigerer Datennetze geredet wird, wurden in Deutschland bereits die Voraussetzungen für die Digitalkommunikation im 21.Jahrhundert geschaffen: "Die Übertragungsgeschwindigkeit des deutschen Wissenschaftsnetzes ist in der Welt einzigartig", meint Gudrun Quandel vom Verein zur Förderung eines Deutschen Forschungsnetzes (DFN-Verein).Ein wichtiger Standortfaktor, der deutschen Forschungseinrichtungen im internationalen Vergleich beste Voraussetzungen schafft und so auch der deutschen Wirtschaft dient. Bereits seit Jahren werden in der Bundesrepublik leistungsstarke Glasfasernetze verlegt, in Sachen Telekommunikationsinfrastruktur hat Deutschland eine Vorreiterrolle übernommen, auf die andere Länder neidvoll blicken.In den Rechenzentren entwickeln Wissenschaftler bereits fieberhaft an entsprechenden Anwendungen. In den verschiedensten Bereichen schießen Multimedia-Anwendungen aus dem Boden, deren sinnvoller Einsatz Hochgeschwindigkeitsnetze erfordert."Typische Anwendungen sind Online-Publishing, Telelearning und -teaching oder die Telemedizin", erklärt Stephan Krauß, Forschungskoordinator in der Prozeßrechnerverbund-Zentrale der Technischen Universität Berlin.So entwickeln die TU-Wissenschaftler derzeit ein System namens Medias, das zur Darstellung, Bearbeitung und Archivierung medizinischer Bilddaten genutzt werden soll.Mehrere Ärzte können in einer Videokonferenz am PC gleichzeitig Röntgenbilder aus verschiedenen Perspektiven betrachten und ihren Befund besprechen.Ein Prototyp des Systems wird an der Charité erprobt.Ermöglicht wurde diese und andere Anwendungen durch das Übertragungsverfahren ATM (siehe Glossar), auf dessen Basis das neue Breitband-Wissenschaftsnetz (B-WiN) des DFN-Vereins funktioniert. Doch nicht nur die universitäre Forschung kommt in den Genuß der neuen Errungenschaften.Auch die Forschungsabteilung des Berliner Pharmakonzerns Schering kann das Wissenschaftsnetz vor allem für Literatur- und Patentrecherchen nutzen."Die Datenleitungen dienen als Schnittstelle zu anderen Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen in Japan und den USA", erläutert Pressesprecher Mathias Claus.Bei der Übertragung sensibler Unternehmensdaten verlasse man sich aber lieber auf ein internes Netz. Beim Deutschen Wetterdienst werden ständig große Datenmengen bewegt."Das Zentralamt in Offenbach versorgt die regionalen Außenstellen über das WiN mit den aktuellen Wetterdaten", erläutert Dirk-Wolfram Koß, Sachgebietsleiter beim Wetteramt Berlin."Die Fernwartung von Computern und das Überspielen von Software erfolgt ebenfalls über das Wissenschaftsnetz." In Stoßzeiten komme es allerdings immer wieder zu Überlastungen des Netzes, dann könne real nur die Hälfte der Daten übertragen werden. Ein Problem, das auch Gudrun Quandel vom DFN-Verein sieht, da noch nicht alle Einrichtungen an das neue Breitbandnetz angeschlossen sind.Bis zum Jahreswechsel sollen aber alle Nutzer des alten Wissenschaftsnetzes in das B-WiN integriert werden.Zudem arbeite man kontinuierlich an einer Erhöhung der Übertragungsgeschwindigkeit. Gegründet wurde der DFN-Verein 1984 mit tatkräftiger, vor allem finanzieller Unterstützung des Forschungsministeriums.Aufgaben des Vereins "sind die Bereitstellung, der Betrieb und die Weiterentwicklung des Deutschen Forschungsnetzes".Allerdings mache der DFN-Verein nicht alles selbst, sondern vergebe meist Aufträge an Dritte, so Quandel.So betreibt in den nächsten zwei Jahren die Telekom das B-WiN.Andere Netzbetreiber wie die Deutsche Bundesbahn oder die Stromversorger wären ebenfalls in Frage gekommen, hätten aber im Moment noch nicht das nötige Know how, so Quandel.Ein Zustand, der sich mit zunehmender Liberalisierung der Telkommunikationsmärkte bald ändern könne. Mitglieder des Vereins sind hauptsächlich Hochschulen und öffentliche Forschungseinrichtungen aber auch Wirtschaftsunternehmen.Sie zahlen für den Anschluß an das Netz eine Nutzungsgebühr, die einen Teil der Bereitstellungskosten deckt.Den Rest subventioniert das Bundesministerium für Forschung und Technologie mit immerhin 80 Millionen Mark in den nächsten drei Jahren. Die gemeinsame Nutzung von Ressourcen und die staatlichen Subventionen geben den öffentlichen Forschungseinrichtungen Planungssicherheit, zumindest für die nächsten drei Jahre.Um auch "Kleinnutzern" aus dem Bereich Bildung und Wissenschaft, aber auch forschungsorientierten Unternehmen die Vorteile des Wissenschaftsnetzes zu verschaffen, bietet der DFN-Verein den WiNShuttle an.Der Zugang zum Wissneschaftsnetz erfolgt über das Telefon, egal ob analog oder per ISDN.Damit können dann sämtliche Internet-Dienste genutzt werden oder in hoher Geschwindigkeit Software und andere Daten geladen werden."Das Angebot richtet sich vor allem an Schulen, Bibliotheken, forschungsorientierte Unternehmen; aber auch Wissenschaftler und Studierende können den WiNShuttle für die Arbeit am heimischen PC nutzen", meint Quandel.Wichtig ist, daß zu jeder Zeit und von jedem Ort auf die Daten zugegriffen werden kann.

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