Zeitung Heute : Wissenschaftliche Detektivarbeit

Archäologen entschlüsseln mithilfe archäometrischer Verfahren Geheimnisse vergangener Jahrtausende

Aliki Nassoufis
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Aus Fundstücken zusammengesetzte Kostbarkeiten. Foto: Privat

Was Michael Meyer da in den Händen hält, sieht für die meisten Betrachter nach einer gewöhnlichen Tonscherbe aus: gerade einmal so groß wie eine Hand, von gräulicher Farbe und etwas schmutzig. Doch für Professor Meyer vom Institut für Prähistorische Archäologie der Freien Universität Berlin verrät der kleine, matt-glänzende Ton-Rest viel mehr. Mithilfe naturwissenschaftlicher Methoden können der Archäologe und sein Team erkennen, wo das Gefäß einst hergestellt wurde, welche Materialien dabei verwendet wurden und wohin es schließlich verkauft wurde. Auf diese Weise untersuchen die Berliner Forscher Fundstücke der vergangenen Jahrhunderte bis Jahrtausende – und entschlüsseln dabei das Alltagsleben längst vergangener Kulturen.

Das ehrgeizige Projekt der Berliner Archäologen ist Teil eines interdisziplinären Forschungsverbundes, der im Jahr 2007 im ExzellenzWettbewerb des Bundes und der Länder ausgezeichnet wurde. Seitdem wird das Exzellenzcluster Topoi – The Formation and Transformation of Space and Knowledge in Ancient Civilisations“ (vom griechischen Topos, der Ort) für mindestens fünf Jahre gefördert.

An Forschungsobjekten mangelt es Meyer nicht: Ungezählte Kisten und Kartons voller Tonscherben stehen ihm für seine wissenschaftliche Arbeit zur Verfügung. Immer wieder durchsucht der 50-Jährige sie nach neuen Objekten. Immerhin gibt es allein in Brandenburg rund 300 000 archäologische Fundstellen – die Anzahl der bis zu 15 000 Jahre alten Fundstücke ist noch einmal weitaus höher. „Das Potenzial dieser Funde ist riesig“, sagt der Archäologe. „Schließlich können die Tonscherben und anderen Fundstücke so einiges über unsere Vergangenheit erzählen.“

Michael Meyer will herausfinden, an welchem Ort im früheren Brandenburg es eine zentrale Produktionsstätte für spezielle Keramiken gab. Sobald die Besonderheiten dieser Produktionsstätte entschlüsselt sind, kann er im nächsten Schritt nachverfolgen, wohin die Schalen, Teller und anderen Formen gelangt sind, wie also die Handelswege der Region vor mehreren hundert Jahren aussahen. „Das Spannende ist, dass es über den damaligen Handel keinen Schriftverkehr gibt, wir ihn heute aber doch noch nachvollziehen können.“

Wie das geht? Professor Meyer und seine Teamkollegen Gerwulf Schneider und Malgorzata Daszkiewicz arbeiten in der Archäologie mit modernen Methoden. Dabei ziehen sie vor allem naturwissenschaftliche Analysen heran. Diesen Einsatz von Naturwissenschaften in der Archäologie nennt man Archäometrie. Verfahren unter anderem aus der Chemie, Biologie oder Geophysik sollen helfen, den Fundstücken versteckte Botschaften zu entlocken. Das war bei der berühmten Nofretete übrigens ähnlich. Als Forscher die Büste der ägyptischen Königin vor einiger Zeit unter der Leitung eines Wissenschaftlers der Charité - Universitätsmedizin Berlin mit Röntgenlicht durchleuchteten, fanden sie unter anderem heraus, dass selbst die schöne Nofretete Falten im Gesicht hatte.

Im Exzellenzcluster Topoi gehen die Forscher um Michael Meyer anderen Fragen nach: beispielsweise, ob ein bestimmter Töpfer der damaligen Zeit organische Materialien wie Gras oder Kalkstücke in den Ton gemischt hat. Anhand von Scherben anderer Fundorte, die dieselbe „Töpfer-Handschrift“ tragen, könnten die Wissenschaftler die Handelswege der Ware nachverfolgen. Mithilfe der sogenannten Isotopen-Analyse (Isotope sind Atome desselben Elements, aber mit unterschiedlichen Massezahlen) wollen Forscher des Clusters außerdem den Zahnschmelz prähistorischer Lebewesen analysieren, um festzustellen, wovon sich Menschen und Tiere aus welchen Regionen damals ernährt haben. Wieder andere „schauen“ mithilfe geophysikalischer Messgeräte unter die Erdoberfläche und können so alte, verschüttete Mauerreste, Gräben und ganze Siedlungen orten. Die Naturwissenschaften helfen also, archäologische Funde zu „durchleuchten“.

Mit ihren Arbeiten passen Professor Meyer und sein Team bestens in den Exzellenzcluster „Topoi“. In dem Forschungsverbund untersuchen Wissenschaftler der Freien Universität, der Humboldt-Universität und weiterer Forschungseinrichtungen in Berlin den Raumbegriff in der Antike im weitesten Sinne. Ihre Arbeiten drehen sich dabei um äußerst unterschiedliche Fragen, wie die Rekonstruktion antiker Landschaften oder ihre Beschreibung in Bildern und Texten.

„So ein interdisziplinärer Ansatz hat große Vorteile“, sagt Archäologe Meyer. Durch die unterschiedlichen Fachrichtungen kämen ungewöhnlich viele Ideen und Herangehensweisen zusammen, die jedem Wissenschaftler einen neuen Blick auch auf das eigene Fachgebiet eröffneten. Meyer hätte ohne seine naturwissenschaftlichen Kollegen nicht so viel über die frühere Keramikproduktion in der Region Brandenburg erfahren, da ist er sich sicher. Und die riesigen, noch unerforschten Scherben-Schätze versprechen zahlreiche weitere Erkenntnisse: „Wir haben noch jede Menge zu tun!“

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