WISSENSHUNGER : Fett durch Fernsehen

Kai Kupferschmidt .

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Das Fernsehen hat bekanntlich nicht den besten Ruf. Was dem Zuschauer dort angeboten wird, ist im Großen und Ganzen, da sind sich Deutschlands Kulturkritiker einig, billige, nährstoffarme, kaum unterscheidbare Massenware. Fast Food eben.

Vermutlich wollten Deutschlands Fernsehverantwortliche auf diese Kritik antworten, als sie jeden Kopf mit einer weißen Mütze ins Abendprogramm zerrten, um beim Promi-Brutzeln in Endlosschleife Avocadoschaumsüppchen und Schweinebraten nach Großmutters Rezept zu produzieren. So fad das Gefasel der austauschbaren Aushilfsköche auch sein mag, zumindest produzieren wir kein Fast Food, werden sie sich gedacht haben.

Wie gesund die Rezepte in den Koch-Shows wirklich sind, haben britische Forscher jetzt erstmals untersucht – und ihr Ergebnis ist ernüchternd. Die Wissenschaftler verglichen 100 zufällig ausgewählte Rezepte aus Fernseh-Kochbüchern mit 100 zufällig ausgewählten Fertiggerichten der großen Supermarktketten in Großbritannien. Das Ergebnis: Die Fertiggerichte entsprachen eher den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation als die Rezepte. Fast in allen Kategorien schnitten Fertiggerichte besser ab: Sie enthielten weniger Kalorien, weniger Zucker, weniger Fett, weniger gesättigte Fettsäuren und mehr Ballaststoffe pro Portion. Im britischen Ampelsystem wäre die häufigste Farbe für die Fertiggerichte grün gewesen, für die TV-Rezepte wäre sie rot.

Einzig beim Salz schnitten die TV-Köche besser ab. „Das könnte allerdings daran liegen, dass wir den Salzverbrauch bei den Rezepten systematisch unterschätzt haben“, sagt der Mediziner Martin White von der Universität Newcastle, einer der Autoren der Studie. Die meisten Rezepte enthielten nämlich keine Mengenangabe für das Salz. Dort hieß es lediglich: „Salzen Sie nach Geschmack.“

Natürlich hat die Studie einige Schwächen: Die Bücher wurden aus der Bestsellerliste von Amazon am 20. Dezember 2010 ausgewählt. So kurz vor Weihnachten könnten Bücher mit besonders schweren Festtags-Rezepten hoch im Kurs gewesen sein. Ob sich die Ergebnisse einfach so auf Deutschland übertragen lassen, ist fragwürdig. Zudem sagt die Studie nichts über Konservierungs- und Farbstoffe oder Vitamine aus.

Trotzdem zeigt die Studie eindrücklich, wie viel von dem, was wir über Essen zu wissen meinen, nicht stimmt. Im Gegensatz zur Medizin, wo Medikamente aufwendig geprüft und Behandlungsmethoden miteinander verglichen werden, sind die meisten Diskussionen über Essen und Ernährung immer noch genauso faktenarm wie eine durchschnittliche Polittalkshow.

Nun soll diese Erkenntnis niemandem die Lust am Kochen verderben. Im Gegenteil: Wem es tatsächlich um eine gesunde Ernährung geht, der kann sich TV-Köchen gegenüber skeptisch verhalten und ansonsten besonders gesunde Rezepte heraussuchen. Für alle anderen gilt: Es gibt viele gute Gründe zu kochen, auch wenn man deshalb nicht automatisch gesünder lebt.

Ich habe mir fürs neue Jahr jedenfalls vorgenommen, wieder häufiger zu kochen. Das mag nicht gesünder sein und länger dauert es auch, aber es macht immer noch mehr Spaß als fernzusehen.

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