Zeitung Heute : Witwen wissen mehr

KEVIN CLARKE

Wagner-Régeny-Abend mit Frieder Zimmermann im BEVON KEVIN CLARKEDas Anhängsel am Namen hat er sich erst später zugelegt.Als er nach Berlin kam.1926.Es bedeutet: Der Mann aus Regen (Siebenbürgen).Und diente Rudolf Wagner-Régeny (1903-69) dazu, sich von seinen zahllosen Namensgenossen abzuheben.Besonders von jenem einen.Dem Übermächtigen.Dem Großen.Doch während Richard W.nach wie vor überall gespielt wird, ist es um Rudolf W.-R.still geworden.Auch hier in Berlin, wo er von 1950 bis 1968 Professor für Komposition an der Musikhochschule (Ost) war.Wo er, mit wenigen Unterbrechungen, all die Jahre in Adlershof lebte.Wo seine Witwe Gertie heute noch wohnt.Kaum jemand kennt mehr die vielen Lieder, Opern, Ballette und Bühnenmusiken, die er schrieb.Uninteressant? Einer würde widersprechen: Frieder Zimmermann.Über Paul Hindemith und Bertolt Brecht kam er 1996 zu Wagner-Régeny - und blieb hängen.Rief die Witwe an.Durchforschte alles Material, dessen er habhaft werden konnte.Und stellte ein Programm zusammen: "Zum Erstaunen bin ich da - eine musikalische Biographie".Mit dem Streichorchester Quohren und den Sängerinnen Grit Kaspar Diáz de Arce wie Doreen Seidowski-Faust präsentiert er einen Querschnitt der Werke, die Wagner-Régeny in Zusammenarbeit mit Brecht schrieb.Gemischt mit einigen von Thomas Wendrich gelesenen Briefexzerpten.Atmosphärischer Lichtregie.Einem eingespielten O-Ton Wagner-Régenys am Schluß.Und etwas Musik von Zeitgenossen wie Paul Dessau, Hanns Eisler und C.René Hirschfeld.Damit kamen Zimmermann und Co., nun schon zum zweiten Mal, ins Berliner Ensemble.Witwe Gertie, die andächtig am Rand der 1.Reihe saß, war beeindruckt: "Viel besser als zuletzt.Damals hatten sie keine Zeit zum Proben.Jetzt haben sie es richtig einstudiert und erweitert." Doch recht überzeugen kann der Abend dennoch nicht.Die Musik klingt zu unprägnant.Zu allerwelthaft, um zum wiederholten Hören anzuregen.Und die beiden Chanteusen waren weder von der Stimme noch vom Temperament her geeignet, dreiunddreißig Titel ohne Pause fesselnd vorzutragen.Obwohl sie sich Mühe gaben. Für eine wirkliche Ehrenrettung Rudolf Wagner-Régenys bedürfte es überwältigender Persönlichkeiten auf dem Podium: Vielleicht schafft es das Berliner Ensemble bei einem dritten Anlauf, die Gesangspartien mit hochkarätigen Hauskräften zu besetzen? "Schließlich wurden die meisten der Lieder ursprünglich für Schauspieler geschrieben", sagt Gertie.Und die muß es ja wissen.

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