Zeitung Heute : WM-SPOT(T)

Die Botschaft hatte das Motto ausgegeben: einfach jubeln, egal, was passiert.Für die deutsche Vertretung in den USA, die sich bekanntlich um diplomatische Rücksichtnahme kümmern muß, war das Spiel der deutschen gegen die amerikanische Mannschaft ein leichtes.Wer für die USA jubelte, war höflich zum Gastland, wer für die Bundesrepublik trillerte und tutete, sympathisierte mit dem Gastgeber.Diplomatisch gesehen eine unverfängliche, eine ideale Situation, solange es kein peinliches 6:0 gibt.

Fast 200 hier lebende Deutsche, Botschaftsvertreter und US-Gäste waren der Einladung ins Auditorium der Vertretung gefolgt.Das Spiel war zwar nicht besonders aufregend, aber der Jubel der Deutschen war echt und die Trauer der Amerikaner gemäßigt.Ein US-Bürger, den "soccer" sonst nicht so interessiert, stellte erstaunt fest: "Das ist ja doch fast wie Football!" Da war in Zeitlupe gerade zum elften Mal gezeigt worden, wie die transatlantischen Partner sich gegenseitig an die Wäsche gingen.

Das US-Fernsehen überträgt jedes WM-Spiel live und ungekürzt - "soccer" gilt wieder einmal als Geheimtip und ist der Sport, der momentan eine Vielzahl Jugendlicher anzieht.Professionell gaben sich auch die US-Kommentatoren."Die Deutschen sind wirklich überall", meinte der eine, und die Botschaftsgäste antworteten mit einhelligem Johlen.Jürgen Kohler bekam attestiert, der härteste Abwehrspieler der Welt zu sein."Wo der hintritt, wächst kein Gras mehr", meinte der zweite US-Kommentator.

Das gemeinsame Fernsehen war so etwas wie vorbeugende Völkerverständigung - für den Fall, daß die Freundschaft auf dem WM-Rasen in die Brüche gegangen wäre.Da die Recken nahezu untadelig auftraten und die Fouls sich in Grenzen hielten, war diplomatisches Kitten kaum nötig.So wurde es einfach ein netter Nachmittag mit Bier, Bratwurst und Senf, den zum Spiel passenden Nationalflaggen in drei Größen und der derzeit in Amerika obligatorischen Spielunterbrechung für die aktuelle Tornadowarnung.

Ausgeräumt wurde unter anderem der Verdacht, der Nordamerikaner an sich verstünde nichts vom Fußball, der Deutsche dagegen sehr viel.In der Pause wurde ein Zentralpunkt des Regelwerks erklärt.Nein, nicht das Abseits.Wann und warum es eine Ecke gebe, wollte jemand wissen, dem auch prompt geholfen wurde.Der Frager war kein unkundiger Ami, es war ein netter Mensch von "dpa audio".Das ist die "Deutsche Presseagentur".Roman Herzog hat eben doch recht, wenn er von der transatlantischen Lerngemeinschaft spricht. rvr

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