Zeitung Heute : WM-SPOT(T)

Früher gab es in den Reiseführern nur den "Bauch von Paris" - die legendären Markthallen.Jetzt jedoch muß auch auf den "Ball von Paris" hingewiesen werden: Er hat einen Durchmesser von 4,27 Metern und hängt in der großen Kuppel-Halle des berühmten Einkaufs-Domes Lafayette.Das Lafayette am Boulevard Haussmann im IX.Bezirk ist das Kaufhaus mit der größten Parfümerie-Abteilung der Welt.Doch in diesen Tagen nun hängt der Geruch von Männer-Schweiß in diesen heiligen Hallen - symbolisch natürlich nur, angesichts dieses riesigen Fußballes, der plötzlich die gesamte Atmosphäre des Lafayettes bestimmt.Jener Riesen-Ball mag zugleich symbolisch für die gesamte Stadt sein: Ganz Paris scheint ein einziger Ball zu sein.Ein Fußball-Stadtteil-Fest jagt das andere.Im innersten Kern der Metropole laufen täglich happening-artige Straßen-Aktionen zum Thema Kicken.

Nur in Saint-Germain-des-Prés herrscht heilige Ruhe.Es ist dies jenes Arrondissements von Paris, über welches der Reiseführer behauptet, daß es hier das wahre Paris zu sehen gebe - freilich nur für den, der hier lebe.Cathérine Deneuve und Jean-Paul Belmondo etwa.Hier - im VI.Bezirk - liegen die gesamten wichtigen Literaturkneipen und Jazzkeller sowie die hochpreisigsten Galerien, Boutiquen und Stilmöbel-Salons, in denen man Schränke aus dem 18.Jahrhundert kaufen kann (was sich aber heutzutage nur noch ein Fußballspieler leisten kann).Hier existiert kein Fusselchen von dieser WM.So daß jene Pariser und Pariserinnen, denen der Kick-Trubel allmählich auf den Geist zu gehen beginnt, sich in immer größerer Zahl in die Metro Nr.4 setzen, in St.Germain drüberhalb der Seine aussteigen, einen kleinen Schwarzen im weltberühmten Café de Flore zu sich nehmen und klaglos 30 Franc (rund 8,20 Mark) dafür hinblättern - nur, um ihre Ruhe vor dem Ball zu haben.Das Café de Flore war in Kriegszeiten der Zufluchts-Ort von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre.Heute ist es der Zufluchts-Ort vor der WM.

Denn der große Ball scheint manchen ein wenig allzugroß geraten.Und erinnert sie ein bißchen an den großen Diktator, jenen Film von Charlie Chaplin, in dem er, Hinkel alias Hitler verkörpernd, Fußball spielt: mit einer großen luftgefüllten Weltkugel.Er kickt sie hin, er kickt sie her - und dann zerplatzt die Weltkugel.

Aber das wird mit der FIFA-Weltkugel wohl nicht passieren.Denn auch sie ist - wie jeder weiß - nur mit Luft gefüllt.Mit ganz, ganz heißer.Und nicht viel mehr.jus

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