Zeitung Heute : WM-SPOT(T)

"Pecunia non olet", grinste einst der römische Kaiser Vespasian voller List, "Geld stinkt nicht" - und verordnete eine Steuer auf öffentliche Toilettenanlagen.Um das von seinem Vorgänger Nero abgebrannte Rom zu sanieren.Die Idee hat sich bis heute glänzend bewährt, nur, daß es rund 2000 Jahre später nicht mehr "Steuer", sondern "Unkostenbeitrag zur Sauberhaltung" heißt.Und nicht mehr der Staatshaushalt wird saniert, sondern der Familien-Haushalt der Toilettenfrau.Nur die abgebrühtesten Typen der Gesellschaft wagen es, unter dem strengen Blick der Toilettenfrau das stille Örtchen zu verlassen, ohne lautstark eine Münze in ihren Teller klimpern zu lassen.

Auf der ganzen Welt ist das so.Auch in ganz Frankreich.Wirklich in ganz Frankreich? Nein - in einem winzigen Reservoir des Landes wird die Toiletten-Welt auf den Kopf gestellt: im WM-Pressezentrum von Paris.Dort prangt ein unübersehbares Schild: "Trinkgeld verboten!" Ein Schild, das die gesamte Medien-Welt baff macht.Jeder Reporter hier hätte lieber die paar Franc Trinkgeld gespendet, statt einen mittelfristigen Kleinkredit aufnehmen zu müssen, um sich ein Telefon mieten zu können.

Ansonsten freilich ist bei dieser WM die Trinkgeld-Welt in Ordnung.Die französischen Kellner nehmen gerne und am liebsten ist ihnen viel und sie lächeln sehr charmant dabei, was Schreiberlinge wie uns immer an unser großes Idol Ernest Hemingway denken läßt, der in einem seiner Romane (war es "Fiesta?") von Spanien nach Paris kommend feststellte, welche Wohltat doch die französischen Kellner seien: Man gibt ihnen Trinkgeld, und schon kauft man sich damit eine Portion reelle Freundlichkeit.Einem spanischen Kellner hingegen könne man ein Haus schenken, er lasse sich damit dennoch nicht bestechen, ein wenig zu lächeln beim Servieren.

Die Toilettenfrauen rund um den Globus dürften, um auf das Ursprungs-Thema zurück zu kommen, demnach alle Spanierinnen sein.Oder hat irgendjemand schon jemals eine Toilettenfrau lächeln sehen? Jene im Pariser WM-Pressezentrum jedenfalls verrichten ihre Reinigungsarbeiten auch nicht gerade fröhlich.Und gelegentlich gucken sie sogar richtiggehend grimmig.Und zwar exakt immer dann, wenn sie das Schild reinigen mit der Inschrift "Trinkgeld verboten". jus

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