Zeitung Heute : WM-SPOT(T)

In jener Zeitung, hinter der immer ein kluger Kopf steckt, stand dieser Tage auf der Wirtschaftsseite folgende kleine Meldung: "Dr.Rolf Bierhoff, Vorstandsmitglied der RWE Energie AG und Vater eines der derzeit erfolgreichsten deutschen Fußballstürmers, ist als erster Deutscher zum Präsidenten der Eurelectic, dem Verband der Stromversorgungsunternehmen in der Europäischen Union, gewählt worden".Solche kurzen Nachrichten aus der gehobenen Wirtschaft sind nie mehr als nur Personalien: Wenn man sich beim nächsten Mal trifft, kann man sich alles Gute wünschen zum neuen Vorstandsposten oder auch zum runden Geburtstag.

Dem Dr.Bierhoff werden sie wahrscheinlich demnächst wie gewohnt in aller Form zum europäischen Präsidentenstuhl gratulieren.Was aber macht man, wenn einem plötzlich als Adjektiv ein Sohn umgehängt wird, der auf einem ziemlich anderen Gebiet als der europäischen Stromversorgung erfolgreich ist? Wahrscheinlich unterscheidet sich der Vater Bierhoff da gar nicht so viel von anderen Vätern: Ein bißchen stolz wird er schon sein - andererseits wäre der Hinweis auf den saisonbedingt gerade einmal berühmten Sohn nicht unbedingt nötig gewesen.Man könnte die Geschichte ja auch umdrehen, so daß sie auf die Sportseite der Zeitung paßt; dann würde es heißen: Oliver Bierhoff, Fußballstürmer und Sohn des neuen Eurelectic-Präsidenten, und so weiter und sofort - ein bißchen komisch wäre das sicherlich.

Was nichts daran ändert, daß bei Bierhoffs zu Hause demnächst wahrscheinlich ein bißchen gefeiert wird.Es ist selbstverständlich nicht auszuschließen, daß der 30jährige Oliver Bierhoff und sein wahrscheinlich ungefähr doppelt so alter Herr Papa die Angelegenheit aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und so auch zu verschiedenen Beurteilungen kommen.Der Papa, von dem anzunehmen ist, daß er einst die sportlichen Ambitionen des Jungen mit Stirnrunzeln betrachtete, könnte vor sich hindenken: "Was hat der Bengel mit meinem Präsidentenstuhl zu tun?" Der Sohn könnte genauso dagegenhalten: "Wieso wird der Alte da mit meinen Toren geschmückt?"

Gesetzt den Fall, der Oliver Bierhoff hätte einen Bruder, der als erster Geiger bei den Philharmonikern einen großen Ruf genießt: Hätte man die Wahl des Herrn Papa zum obersten Stromversorger Europas dann ebenfalls mit dem Nebensatz geziert - "Vater eines der größten Violinisten Deutschlands"? Dabei spielt natürlich auch etwas anderes eine Rolle: Der kopfballstarke Fußballspieler Bierhoff, der unter anderem für ein Haarwaschmittel wirbt, sieht selbst nach den schlimmsten Schlachten immer so adrett aus, als habe er die Dusche gar nicht nötig.

Die kleine Meldung in jener Zeitung, hinter der immer ein kluger Kopf steckt, beweist übrigens weiter nichts, als daß sie dort im Wirtschafts-Ressort einen Fußball-Fan sitzen haben. U.K.

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