Zeitung Heute : WM-SPOT(T)

Die Botaniker unter uns kennen 46 Gattungen und rund 2000 Arten von Ananas.Um eine davon geht es morgen: um die Goldene.Also um nichts.Die PR-Strategen der Südfrüchte-Companies werden nun zwar wieder mal künstlich erregt dagegen protestieren, daß ausgerechnet die "Goldene Ananas" als Synonym für "nichts" herhalten muß.Aber der dritte Platz bei einer Fußball-Weltmeisterschaft, der morgen im Pariser Prinzenparkstadion ausgespielt wird, ist nun mal nicht viel mehr.Der dritte Platz ist ungefähr so wertvoll wie ein Lotto-Fünfer: Der Gewinner müßte sich ja eigentlich an dem Geschafften erfreuen, aber kann es dennoch nicht so recht.Da doch das "ganz Große" nur um eine einige Zahl auf dem Tippzettel respektive um ein einziges Tor auf dem Kick-Feld verfehlt wurde.

Der dritte Platz ist demnach nichts weiter als der Trostpreis für den Sieger der Verlierer.Sicher - jede der 28 Mannschaften, die bereits vor dem Halbfinale ausgeschieden sind, würde sich die Finger nach dem dritten Rang ablecken.Aber für die tragischen Ausgeschiedenen ist dieses Dritt-Platz-Match nichts weiter als eine unendlich lästige Pflichtübung.Benutzt wird sie deshalb von den meisten Trainern dafür, all jene Spieler zum Einsatz zu bringen, die bis dahin noch keinen WM-Auftritt hatten.Es wäre - gewissermaßen - die große Stunde des Steffen Freund.Aber weil dessen Freunde ausgeschieden sind, darf der Dortmunder nicht einmal da mit ran.

Natürlich ist es unfair, einen dritten Rang als "nichts" zu bezeichnen.Denn ein dritter Rang ist im Grunde großartig.Und wer Dritter im beispielsweise 100-Meter-Lauf wird, gilt als Auserwählter, der es auf das Treppchen geschafft hat.Aber Dritter im Fußball, wo schon der Zweite traurig ist, daß er nicht den Ersten bezwungen hat: Das ist eben nur die Goldene Ananas.Psychologisch ist dies im übrigen leicht zu erklären: Der Sportmensch lebt von der Hoffnung auf den Sieg.Doch für die Halbfinal-Verlierer ist diese Hoffnung bereits nicht mehr erfüllbar.Das Spiel um den dritten Rang ist sozusagen drittrangig.Es gibt nur eine Möglichkeit, das Match aufzumotzen: Es müßte "wirklich" um etwas gehen.Wenn etwa der Gewinner des dritten Ranges automatisch die Teilnahme an der nächsten WM geschafft hätte.Dann wäre es eine heiße Partie.Und es ginge nicht um die Goldene Ananas.Sondern um das Golden Goal.

Vielleicht sollte die Südfrüchte-Industrie eine Kampagne starten.Oder zumindest einen Preis aussetzen für den Gewinner des dritten Ranges: einen riesigen Goldklumpen - in Form einer Ananas.Und dann wäre sie endlich ihr Nichts-Image los. jus

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