Zeitung Heute : WM-SPOT(T)

Der französische Verkehr ist der schönste.Allerdings nur auf der Autobahn.Kein Auto weit und breit zu sehen.Absolut freie Fahrt.Die meiste Zeit wenigstens.Begünstigt wird diese Highway-Leere durch die geradezu unanständig hohen Gebühren, die der Staat für die Benutzung der Autobahnen kassiert.Nur wer nicht anders kann, benutzt als Franzose diese Fahrwege.Und heute ist mal wieder so ein Tag, an dem man nicht anders kann: Denn heute abend, um 21 Uhr, steigt das große Finale der Equipe Tricolore gegen Brasilien.Und da gilt es, so rasch wie möglich nach Hause zu kommen.Koste es, was es wolle.

Oder es gilt, nach Paris zu kommen - denn dort, im Vorort St.Denis, findet dieses Finale statt.Aus allen Himmelsrichtungen werden sie wie bei einer Sternfahrt auf den Autobahnen zum Landesmittelpunkt Paris strömen, um dabei zu sein.Natürlich nicht im Stadion, denn die begehrten Finaltickets sind schon seit langem ausverkauft.Aber dabei zu sein in einer der zahllosen Bars mit dem obligatorischen Fernseher oder vor einer der Großleinwände, die sie in Paris an etlichen Plätzen aufgestellt haben - das ist immer noch interessanter, als zu Hause im kleinen Dorf irgendwie im Abseits zu stehen.Und anschließend dann, die große Fête auf der berühmten Avenue des Champs-Elysées - da muß man einfach dabei gewesen sein! Und es wird so chaotisch sein wie vielleicht noch nie.Denn

Der Pariser Verkehr ist der schlimmste.Rund 1,2 Milliarden Arbeitsstunden gehen in der französischen Hauptstadt jährlich nur dadurch verloren, daß man statt bei einer kreativen Tätigkeit vielmehr äußerst untätig in einem von jenen 4,4 Millionen zugelassenen Autos des Großraumes Paris sitzt - und zwar festsitzt: im Verkehrsstau.

Natürlich, keine Frage, es ist idiotisch, als Auswärtiger mit dem Auto nach Paris zu fahren.Schon alleine deshalb, weil man einerseits eine Unmenge an Falschpark-Knöllchen kassiert (wo zum Teufel soll man die Karre hinstellen? Es gibt einfach keinen legalen Platz in dieser Stadt!).Und weil man andererseits immer irgendwie mit einem halben Bein im Gefängnis steht: Wer beispielsweise eine Busspur blockiert, kann mit einem Bußgeld in Höhe von 30 000 Franc (rund 9000 Mark) belegt werden und muß darüber hinaus mit einer Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren rechnen.

Doch heute abend ist dies alles egal.Denn es wird keinen einzigen Flic geben, der Zeit haben wird, Jagd auf Parksünder zu machen.Der Flic wird fernsehen - garantiert.Und wer die Busspur blockiert? Wird auch nicht abgeschleppt werden.Sondern einfach aus dem Weg geschoben.Vom Bus.Wie von einem Schneeräumfahrzeug.Denn der Busfahrer hat es entweder eilig, weil er so rasch wie möglich seinen Dienst beenden will, um dabei zu sein.Oder er guckt in seinen kleinen Fernseher, den er rechts auf dem Armaturenbrett aufgestellt hat, um das große Endspiel zu verfolgen.

Und wenn Frankreich gewinnt? Dann wird der Verkehr endgültig zusammenbrechen. jus

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