Zeitung Heute : WM-TRAUM WIRD ZUM ALPTRAUM: Skandalöse Kartenverteilung

PARIS (sid).Fußball-Fans in aller Welt müssen offensichtlich die Zeche für die immer skandalöser erscheinende Eintrittskartenverteilung der WM-Organisatoren zahlen.Gipfel des Skandals: Die Firma ISL, offizieller Marketing-Partner des Weltverbandes (FIFA), soll nach Informationen der französischen Nachrichten-Agentur AFP über eine Tochterfirma WM-Karten verkauft haben, die nie in den Besitz der eigentlichen Käufer gelangten.

Aufgrund der verworrenen und undurchsichtigen Absatzkanäle beim Ticketverkauf ist der Traum vom WM-Live-Erlebnis für Fans vor allem aus Deutschland und Japan sowie auch aus England, Schottland, Belgien, Brasilien, Venezuela und Kamerun schon kurz nach WM-Beginn zum Alptraum geworden.Vor dem Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Schottland erhielten Tausende von Anhängern beider Lager ihre angeblich in Paris abholbereiten Tickets nicht.Ähnliches erlebten vor der Abreise nach Frankreich auch schon über 23 000 Fans in Japan, 40 000 Engländer und Schotten sowie mehrere tausend Belgier.

Auch in Deutschland soll rund 25 000 WM-Touristen das gleiche Schicksal drohen."Bei uns gehen immer mehr Beschwerden über nicht gelieferte Karten und gefälschte Tickets ein", bestätigte Wolfgang Wolfgang Niersbach, Pressechef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), die Problematik.Beim Absatz der über den DFB verteilten rund 8000 Karten gab es allerdings keine Schwierigkeiten.

Aufgrund des Chaos hat der Düsseldorfer Veranstalter Vieten Tours bereits eine für Sonntag für 1500 Fans geplante Reise zum ersten WM-Spiel der DFB-Elf am Montag gegen die USA in Paris absagen müssen, der Trip zum zweiten Match des deutschen Teams am 21.Juni in Lens gegen Jugoslawien ist ebenfalls gefährdet."Der mögliche Schaden bewegt sich in mehrfacher Millionenhöhe", erklärt Geschäftsführer Wolfgang Vieten.

In noch größerer Not befindet sich der Kölner Ticket Service: "Wir sind dabei, die von Kunden bezahlten Gelder zurückzuerstatten.Wir hoffen, daß wir nicht konkurs gehen", bangt Geschäftsführerin Ingrid Winkelbach.In Japan erwägen einige Veranstalter in ihrer Verzweiflung nun sogar den Kauf von Tickets auf dem Schwarzmarkt."Wir haben alle Tickets pünktlich an unsere Vetriebspartner ausgeliefert und dies per Quittung auch bestätigt bekommen", weist Mediendirektor Bruno Travade vom WM-Organisationskomitee (CFO) die weltweiten Vorwürfe gegen die französischen Veranstalter zurück.

Ursache des Karten-Skandals ist aber wohl die Vergabe der Verkaufsrechte für die frei verkäuflichen WM-Tickets durch CFO und FIFA an weltweit insgesamt 17 Agenturen: Diese Firmen wiederum veräußerten ihre Karten (400 000 von insgesamt 2,543 Millionen) über zum Teil dubiose Zweit-, Dritt- oder gar Viertfirmen, zu denen auch die irische ISL-"Tochter" Continental Contracts gehören soll, an nationale Reiseveranstalter.Zugleich jedoch boten die Agenturen die Tickets nochmals in verschiedenen Ländern an.

Die Verantwortung der WM-Macher hätte in der Kontrolle der 17 offiziellen Agenturen und deren Partner gelegen.Denn diverse "schwarze Schafe" unter den Zwischenhändlern sind der Knackpunkt des Chaos.

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