Zeitung Heute : Wo Besucher auf die Folter gespannt werden

Der Tagesspiegel

Brandenburg (Havel). Am alten Konsum ist schon das U von der Fassade gefallen, im toten Schaufenster beim Klempner werben mehrlagig Plakate für eine Techno-Party. „Beata’s Kaufladen“ hat immerhin eine Reihe Bierflaschen als Dekoration, ist aber geschlossen, obwohl es noch mitten am Tag ist. Nur Bestattungsinstitut und Parkscheinautomaten warten in diesem Teil der Brandenburger Altstadt noch auf Kundschaft. Es scheint, als fehle nur noch ein Folterkeller oder dergleichen, um das Grauen zu komplettieren. Und siehe da: Jetzt gibt es einen.

Im hinteren Teil eines graugrünen Reihenhauses wartet neuerdings ein Folter- und Hinrichtungsmuseum auf Besucher, die das Inventar teilweise sogar selbst ausprobieren dürfen. Gut, die Schneide der Guillotine ist festgeschraubt, obwohl daneben sogar ein Körbchen für den Kopf bereit steht. Aber der dornenbesetzte Stuhl beispielsweise lädt, wenn man so will, zum Probesitzen ein.

Detloff Henke – „Henke wie Henker“ – schreitet gerade mit einem gewaltigen Beil auf der Schulter durch den schwach beleuchteten Folterkeller. Bis zu seiner Pensionierung hat der 65-Jährige das Rechtsamt von Berlin-Tiergarten geleitet. Mit der Einrichtung des „rechtshistorischen Kriminalmuseums für spätmittelalterliche Strafverfolgung“ hat er also im weitesten Sinne seinen Beruf zum Hobby gemacht. Aber es geht ihm, wie er sagt, weniger um die Lust am Grusel als um die Mahnung, dass Folter heute weniger brachial, aber nicht minder grausam sein kann als zu Zeiten der Inquisition. Deshalb gehört zum Museum neben dem Keller auch ein Vortragsraum, in dem Henke kenntnisreich und leidenschaftlich über den Irrsinn von Hexenverbrennungen, „Missionierungsfanatismus der Christen“ und die Verdienste der toleranten Preußenkönige referiert, die bekanntlich jeden nach seiner Fasson selig werden ließen.

Henke stellt das Beil an seinen Platz zwischen Streckleiter und der „Eisernen Jungfrau von Nürnberg“, einer Art rundem Schrank mit Dornen an den Innenseiten. Durch allmähliches Schließen der – ebenfalls dornenbesetzten – Türen konnten die Ankläger jedes gewünschte Geständnis bekommen. Die reich verzierte Holzbank, auf der einst die Richter thronten, steht gleich gegenüber. An der Ziegelwand dahinter hängen allerlei stachlige Ketten, Zangen, Schlaufen, Hämmer und Sägen. Man kann sich den Keller als Handwerksmuseum vorstellen; das macht es ohnehin leichter. Kinder unter 14 Jahren sind hier übrigens unerwünscht.

„Erzählen kann man über Strafrechtsgeschichte auch in der Universität. Aber anschaulich wird es erst beim Anfassen“, sagt Henke. Das Gros seiner Sammlung stammt aus dem 16. bis 19. Jahrhundert, aber eines der Geräte – eine Holzklemme für den Hals plus Hammer – sei selbst vom spanischen Diktator Franco noch benutzt worden. Da ist sie wieder, die Mahnung, nicht von zu weit oben und mit zu viel Distanz zurückzublicken.

Die Sammlung hat Henke einer Familie in den Niederlanden abgekauft. Er bezeichnet sie als „historisch gesehen vollständig“, so dass eine Erweiterung nicht notwendig sei. Allerdings soll in den nächsten Wochen noch eine Ausstellung von 300 pathologischen Präparaten eingerichtet werden. Das inzwischen geschlossene Krankenhaus Moabit hat Henke die Sammlung überlassen. Der pendelt in Zukunft täglich zwischen Berlin und Brandenburg, um seinen Besuchern etwas zum Gruseln zu vermitteln. Stefan Jacobs

Das Museum in der Bäckerstraße 38 / Ecke Altstädtische Wassertorstraße im Zentrum von Brandenburg (Havel) hat täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt: 9 Euro.

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