Zeitung Heute : Wo, bitte, geht’s zum nächsten Krieg?

Vietnam, Israel, Kongo, Nigeria, Indien: Wo es krachte, war auch Randy Braumann. Der „Stern“–Reporter war der Mann an der Front. Er war zum Tode verurteilt, überlebte eine Bombenexplosion, entkam Scharfschützen. Die Geschichte eines mörderischen Jobs.

Jürgen Schreiber

Wie oft Randolph Braumann hätte tot sein müssen, wissen allein die Götter. Doch der langjährige Kriegsreporter des „Stern“ sitzt quicklebendig in seiner Hamburger Wohnung, kramt im Archiv, staunt selbst ein wenig, „wat hier alles liegt“.

Er wedelt mit einem Fernschreiben vom 25.September 1970: Um 15 Uhr 25 kabelte der Bonner Krisenstab seiner Redaktion die mit „eilt“ versehene Nachricht, Braumann sei von einem Revolutionsgericht in Amman zum Tode verurteilt „und bereits hingerichtet worden“. Bei dpa hieß es, „er sei tot“. Sogar „Le Matin“ in Port-au-Prince notierte, Braumann sei in Jordanien verschollen.

Moment, der 68-Jährige braucht die Brille für vergilbte Bilder vom 15.September 1971 aus dem Saigoner Tu-Do-Club. Eine Bombe explodierte auf der Tanzfläche, 36 Besucher starben. Braumann ist beim Anschlag im Gespräch hinter einer Säule, „ich blieb unverletzt“. Anhaltend traumatisiert, hat er die philippinische Kapelle mit der Schiwago-Melodie noch immer im Ohr, sieht bläuliches Detonationslicht aufblitzen, „der Knall verfolgt mich bis zum heutigen Tag“.

Totgesagte leben länger. Zigmal löste er das Ticket ins Verderben, Vertreter eines Journalisten-Genres, das es im Zeitalter elektronischer Kriegführung nicht mehr gibt. Freiwillig suchte er den Kitzel der Gefahr, schlüpfte durch Fronten, ging aus Chronistenpflicht über Leichen. Irgendwie haben ihn die Kugeln stets verschmäht: an der Hauptkampflinie Biafras, im Israel-Krieg mit den Syrern in Gräben auf der Golan-Höhe, „die hatten so viel Angst, die krochen nur“. Oder auf der Cambodian Route 1, Panzerwagen schützten den Konvoi auf dem Weg zur vietnamesischen Grenze. Braumann witterte eine tolle Story, sah schon die Überschrift „Nachts kam Victor Charly“, der Codename des Vietcong im Funkverkehr. Doch der Fotograf beharrte in Erinnerung an seine Kriegsgefangenschaft in Murmansk darauf umzukehren. „Ich habe auf dem Rückweg nur gemeckert“, berichtet Randy, „tickerte dann einen langweiligen Bericht heim, der unter der beknackten Überschrift ,Elefanten gegen Granaten’ erschien.“ Erst später erfuhr er vom spurlosen Verschwinden zweier Kollegen (andere Berichte sprechen von fünf) bei der Tour, darunter Sean Flynn vom „Time Magazine“, Sohn von Hollywood-Star Errol Flynn. Braumann wollte sich Sean – Typ Easy Rider auf einer Honda – partout anschließen. Was immer es zu bedeuten hat, Vater Flynn spielte in „They died with their boots on“ mit.

Die Frontmänner

Damals gab es noch keine Satellitenschaltung, „Fernsehen spielte kaum eine Rolle. Das war unser Vorteil.“ Romanfiguren wie Braumann bürgten ihren Blättern für eine unter die Haut gehende Zeugenschaft in Breitwandformat. Die Ästhetik des Schreckens trug viel zur Zwei-Millionen-Auflage des „Stern" bei. „Wenn es hoch kam“, erzählt der Veteran und streicht die weißen Strähnen zurück, gab es 20 Kollegen meines Schlages. Die Frontmänner: Reporter von „Epoca“, „Paris Match“, „Sunday Times“. Und er: Hemden mit Schulterklappe, Schmalzlocke, üppige Koteletten, der Schnauzer gab ihm die selbstgefällige Anmutung eines Kolonialoffiziers. Selbst in Nordgrönland, er düste nach dem Absturz eines mit Atomwaffen bestückten Bombers dorthin, von Strahlenschutz war keine Rede, rasierte er sich nass mit Eiswasser. Zu Interviews mit Despoten trug er Manschettenknöpfe und Schnallenschuhe, hielt die Beine hübsch artig wie ein Tanzschüler, auf Fotos mit dem Schah gut zu sehen.

Der internationale Tross traf sich, wo immer es krachte; Saigon, Beirut, man kannte Braumann als Stammgast der Luxushotels Continental Palace oder Phoenicia. Selten verirrte sich eine Kollegin wie die berühmte Oriana Fallaci in den Männerklub, der den Machismo in Reinkultur verkörperte. Raubeine, die den Katastrophenmorgen kaum erwarten konnten, sich im Feld etwas zu beweisen hatten, Saufrituale pflegten, die Marketenderinnen im Gefolge der Soldaten nicht verachteten.

In der handverlesenen Gruppe von „First-front-line“-Chronisten war Braumann ein Alpha-Tier, sechssprachig einschließlich Afrikaans, dekoriert mit dem nicht ganz geheuren Nom de Guerre „Kongo-Randy“, ersatzweise „Brandy-Randy“, was ihm weniger gefällt. Das Kriegskind hatte bei Fliegerangriffen in Bochum gelernt, dass der Tod nicht nur Alte und Kranke holt. Nun schmeckte er wieder den brandigen Geruch, sah von Minen Zerfetzte in ihrem Blut liegen. Er berichtete von den Guerillas im Himalaya, zog mit der südafrikanischen Armee gen Angola – ohne Handy, auf der abgewandten Seite der Zivilisation, „meist bei den Verlierern“, fern der Redaktion, was ihm zupass kam. Die News, angeschleppt von einem Dutzend Kriegsschauplätzen Afrikas, Asiens und des Nahen Ostens, „brachten mir Ehre und Bewunderung ein“.

Man muss ihn sich vorstellen unter der sengenden Sonne Äthiopiens, die ihm die Nase ein für allemal verbrannte. Wie er das Firmament absucht nach dem Kreuz des Südens, mit Gespür für die Gefahr auf Geräusche des Dschungels lauscht. Wie er in die Stille horcht, nachdem Scharfschützen ihn gleich einem keuchenden Tier durch Ammans Straßen getrieben hatten. Er hat nicht gezählt, wie oft man ihm für ewige Sekunden „eine Kalaschnikow in den Bauch bohrte“ und er nur hoffen konnte, die Milizionäre würden dem Schildchen „German Press“ glauben. „Ja, doch“, bekennt Braumann beim Erdnussknabbern, „ich war ein Draufgänger“, schlug sich auf eigene Faust durch. Es schüttelt ihn bei der Vorstellung, mit weiteren 250 Kollegen am Flughafen Kabul der Dinge zu harren, „das ist doch lächerlich“.

Gefahr war sein Geschäft, er schwärmt vom „Traumjob“. Seine Eltern hätten „nie mehr als zwei Kilometer vom Geburtsort entfernt gelebt“. Sie verstanden nicht, dass ihr Junger in der Wildnis auf eine andere Identität aus war. Im süchtig gesuchten Risiko versteckte sich der Ehrgeiz des Autodidakten, der die Kaufmannslehre hinschmiss, um Journalist zu werden. Sein Fernweh war dem Vater suspekt, nie wurde ein Wort darüber verloren. Nach dem Tod der Mutter fand Randy in einem Kästchen die säuberlich ausgeschnittene Meldung über sein Verschwinden in Amman. Ein merkwürdiger Zufall, in derselben Zeitung stand, der Antikriegsautor Erich M. Remarque sei gestorben.

Kongo-Randy störte es nicht, dass die im Büro sitzenden Serienschreiber mehr verdienten als er mit wagemutigen Schilderungen des ausufernden Elends in Biafra, „haufenweise lagen die Leichen herum“. Seine Berichte klagten die nigerianische Regierung des Völkermordes an den Ibo an. Idi Amin persönlich organisierte seinen Transport zur blutigen Rebellion im Südsudan, „in Kampala war ich oft zu Gast bei ihm“. Unterwegs hatte der Reporter gern eine Dünndruckausgabe von Thukydides’ „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“ im Gepäck, las womöglich just Seite 323: Niemand lasse sich aus Furcht abbringen vom Krieg, „wenn er nur einen Vorteil verschafft“. Auch Nietzsche gehörte zur Reiselektüre, laut dem Philosophen macht Krieg „den Sieger dumm, den Besiegten boshaft“. Die friedliche Stimmung von Stifters „Nachsommer“ mochte er gleichfalls nicht missen.

In der Vorhölle

Schreiben, wie er es verstand, war ein Innehalten im Unglück. Er traf Mobuto am Kongo-Ufer, tief prägte sich ihm das Bild der Leichen ein, die er im Wasser hatte treiben sehen, und notierte: Es gebe keinerlei Gewissheit außer jener, dass der Strom „breit und mächtig aus dem Herzen der Finsternis zum Atlantik fließt“. Er sah tote Schwarze in der Hitze „ganz weiß werden“. Eine sensationelle Geschichte des indisch-pakistanischen Kriegs riss er mit dem Satz auf: „Der Tag, den ich im Bihari-Ghetto von Mohammedpur verbrachte, war der schrecklichste in meinem Leben.“ Als Rotkreuzhelfer getarnt, kam er mit Fotograf Jay Ullal in die Vorhölle, enthüllte ein von Bengalis begangenes Massaker. Sein Artikel beschäftigte die UN. Bewusst parteiische Reportagen bewegten ein politisiertes Publikum, provokant schrieb er für die Sache der Palästinenser, sorgte mit Schlagzeilen wie „Allah ist mächtiger als Amerika“ für Aufsehen, „ich wurde von Leserbriefen überschüttet“. Bei redaktionellen Vorbehalten entschied Henri Nannen, „hier gilt, was der Reporter schreibt“.

Neun Monate im Jahr war er draußen, gerüstet mit Malaria- und Kopfschmerzpillen, probatem Mückenmittel und Talisman mit frommem islamischen Spruch. Bis zu 5000 Dollar steckten im Brustbeutel, Bares für Flugzeug-Charter. Beim Nachttrip von Libreville zum nur von Fackeln beleuchteten „Uli-Air-Strip Biafra“ (einer schmalen Landebahn im Wald) steuerte der Pilot des ermordeten Tschombé die Rumpelkiste. Sein Passagier saß zwischen Fässern hoch oktanigen Düsenjägerbenzins und Munition. Beim Beschuss über nigerianischem Gebiet tastete Randy den Rumpf mit Blicken nach Löchern ab und wusste, „im Ernstfall bleibt keine Spur von mir übrig“. Mehr als einmal malte er sich in Gefahr und Not aus, nach einem Absturz werde sich das Blätterdach des Urwalds öffnen nur für den Moment, der ihn verschlinge, „und sich sofort schließen über mir“. Er hätte dies dem Ende im ewigen Eis vorgezogen.

Braumann wäre nicht die an Journalistenschulen zitierte Legende, hätte er nicht schon früh Saddam Hussein aufgesucht. Er eilt wieder an das von einer venezianischen Uhr dominierte Bücherbrett. Da ist es, ein Foto mit dem damaligen Vizepräsidenten, „er war noch der Liebling des Westens“. Der Diktator trägt einen groß karierten Anzug, Zigarre in der Rechten. Hinter ihm steht ein üppiger Gladiolenstrauß. Nicht im Bild das rote Telefon, in das er Randys Reisewunsch bellte; Braumann spielt die Szene vor. „Er half uns sofort.“ Der herbeibefohlene Hubschrauber brachte ihn in das umkämpfte kurdische Grenzgebiet. Auf der Rückseite des Bildes vermerkt seine energische Handschrift: 18-8-1974, Bagdad.

Wo, bitte, geht’s zum nächsten Krieg? Der Abenteurer konnte nie Nein sagen, nicht von ungefähr gab er das Buch „Auf den Spuren von Karl May“ heraus. Ohne mit der Wimper zu zucken, unterschrieb Braumann im Vietnam-Krieg den Amis die Erklärung, sich in eigener Verantwortung durch die Todeszone zu bewegen. Der Mann vom anderen „Stern“ war in Saigon mit dem Wunsch vorstellig geworden, dorthin zu wollen, „wo die Kacke richtig am Dampfen ist“. Man staffierte ihn mit Kampfanzug, Stahlhelm, Revolver und Offiziersrechten aus. Auf dem eingeschweißten Ausweis stand „non combattant“. Das hätte nicht viel geholfen, wäre er „Victor Charly“ in die Hände gefallen. Braumann brach mit dem Panzertrupp durchs Gelände, nachts gruppierte man die Tanks zur Wagenburg. Der Reporter grub das Latrinenloch. Mehrere GIs fielen auf Patrouille.

Im Helikopter saß er bei offener Tür dem MG-Schützen gegenüber. „Suchoperationen“ führten durch Wälder, die mit Napalm entlaubt waren, „eine Mondlandschaft, kaum zu beschreiben“. Randy schob Posten mit einem Leutnant, Sprechfunk knisterte, Artillerie wurde gerufen, nachdem ein halbes Dutzend Vietcong an ihrem Versteck vorbeigekommen war. Dann ging im entsprechenden Planquadrat ein Bombardement nieder, „das keine Maus überleben konnte“.

Kriegsreporter ist kein Lehrberuf. Früh hat sich seine Fantasie an der Zeitschrift „Stadt Gottes“ der „Steyler Mission“ erhitzt, die er bei Tante Marie und Tante Fina verschlang. Bald ist der Stammesführer der Pfadfindergruppe Kondor trampend mit Felltornister unterwegs. Den Großvenediger besteigt er mit geliehenem Seil. 17-jährig sieht man ihn in kurzer Lederhose auf der Suche nach der Fremdenlegion in Tunesien. Mit 16 Zeilen über ein Handballturnier fängt er beim „Bochumer Anzeiger“ an. Friedhelm ist sein richtiger Vorname, „kein Reportername“, meint der Chef, tauft ihn in Randolph um: „Ich wäre sonst nie geworden, was ich geworden bin“, Kongo-Randy.

„Wenn es einen erwischt“

Der war heiß auf Aufreger, hätte sich nicht gescheut, für eine Exklusivstory mit Hannibal die Alpen zu überqueren. Ihn trieb „der absolute Ehrgeiz nach außergewöhnlichen Geschichten“. Einigermaßen beschämt erklärt er: „Man muss eine Sau sein in diesem Job. Ich war ein anderer Mensch unterwegs.“ Er verdrängte Konkurrenten von Wartelisten, düpierte sie und paktierte mit Teufeln, etwa Haitis Papa Doc. Der Experte für Heikles reiste mit diversen Pässen, einem für Israel, einem für arabische Länder. Auch für seine Stoffe galt der donnerstägliche Redaktionsschluss, verdoppelte die Plage des Schreibens, warf im hintersten Kurdistan die Frage auf, „Deadline, Deadline, wie kommt unser Material nach Hamburg?“.

Offiziell galt die Marschorder: kein Risiko eingehen. Das „Frontschwein“ deutete die Anweisung stillschweigend als Aufforderung, Äußerstes zu wagen. Braumann akzeptierte das ungeschriebene Gesetz, man könne sich einen Flop leisten, aber nicht zweimal ohne Hammergeschichte zurückkommen. Das entsprach der Zocker-Mentalität des Rennpferdbesitzers. Indem Randy für einen Scoop ins Stahlgewitter ging, verschaffte er auch Hilferufenden ein Echo, ehe die traurigen Tropen sie verschluckten. Er habe sich „auf Seiten der Armen, Betrogenen und Beschissenen gefühlt“, das Empfinden sei jedesmal stärker geworden. Rascher Wechsel zwischen den Welten steigerte die ihm bis heute gebliebene, auffallende Heimatlosigkeit.

„Ich war ein Fatalist.“ Jeder andere hätte es als Fingerzeig genommen, wären drei Flugzeuge abgestürzt, auf die man gebucht war. Er jedoch hielt es mit dem arabischen Kismet: „Wenn es einen erwischt, Schicksal, dann erwischt es einen. Ich habe immer damit gerechnet.“ Es habe Phasen gegeben, „da hatte ich sogar so einen Wunsch“, einen selbstzerstörerischen Hang, vom Feuer verzehrt zu werden. Oder es direkt darauf angelegt, vom Vietcong gefangen zu werden, „das wollte ich provozieren“. In der treibenden Unrast meldete er sich von der Altersversorgung ab, war in Kampfzonen gegen allfällige Unglücke lediglich durch eine Zusatzversicherung gefeit. 1970 sollte es ihm in Amman an den Kragen gehen, da hatte der „Stern“ vergessen, den Vertrag für ihn abzuschließen.

Die „Volksfront für die Befreiung Palästi- nas“ setzte den Journalisten im Hotel Philadelphia fest. Zehn Tage und Nächte peinigte Randy der Gedanke, „du hast einen kleinen Sohn. Jetzt musst du hier krepieren.“ Draußen sorgte derweil sein spektakuläres Interview mit Terroristenführer Georges Habbach für Furore, vom „Stern“ mit der falschen Überschrift „Wir wünschen uns den Dritten Weltkrieg“ aufgemotzt. Daraufhin verurteilte ihn Habbach zum Tode. Ununterbrochen sei geballert worden, ein Raketentreffer durchbohrte die Fassade. Glück im Unglück, die Verbindung zur Außenwelt war abgeschnitten, die Bewacher erfuhren nicht, dass er liquidiert werden sollte. Sein Kollege Gerd Heidemann organisierte unter Lebensgefahr Randys Rettung. Doch das ist ein eigener Thriller.

In Klarsichthülle bewahrt Braumann eine Serviette mit Golddruck aus dem Hotel, dazu die Liste der mit ihm Eingeschlossenen: „Wolfgang Stockklausner, Spiegel, John Mosmann, Daily Telegraph, James Watson, Evening News, Bob Richards, Newsweek.“ Die für den Heimkehrer in der Redaktion gespannten Festgirlanden hingen noch, da schrieb der Verlag, er sei ja „noch einmal glücklich der Hölle entronnen“. Ob er gemerkt habe, dass man ihm „im September viel zu viel Geld überwiesen habe“?

Der kühle Blonde galt als harter Hund. Die professionelle Maske verbarg seine Zweifel, war seine Art, der Beklemmung zu wehren. Nein, geweint habe er nie; der Lunch mit Ei und Brot schmeckte ihm auch neben Leichen. Ihn bewegte unsentimentales Erbarmen, Empörung und Verzweiflung über namenloses Sterben, bei dem die Worte versagen wollten. Wenn es eine Moral seiner Geschichten gab, dann war es die, der Mensch ist des Menschen Feind. Die Tragödien hinterließen bei ihm das deutliche Gefühl einer Bringschuld. Braumann gründete das Kinderhilfswerks für die Dritte Welt mit, trieb Geld für Leprakranke auf, sammelte Medikamente für die Ärmsten. Mit einer von Gaddafi geschenkten goldenen Rolex bestach er den Zöllner in Addis Abeba. Dann erst ließ der die vom „Stern“ beschafften Hilfsgüter ins Land.

Die Story seines Lebens verdankte er der Reiseschreibmaschine, der Olivetti-Valen- tine. Beflügelt von Pernod, entwarf Randy im kongolesischen Bukavu die Unabhängigkeitserklärung für die „Republik“ der Söldner, „auf Briefpapier des Brüsseler Hilton getippt“. Ihre „Gegenregierung“ wurde sogleich im Radio ausgerufen, „die Meldung lief in der ganzen Welt“. Er war mit dem Hinweis auf ein „Blutbad“ in Marsch gesetzt worden, die von den Legionären attackierten Streitkräfte hatten eben elf Italiener in Stücke geschnitten, aufgegessen, den Rest fraßen Hunde. Nie wieder habe er solche Angst gehabt. Bei der späteren Flucht der Söldner, Braumann ist dabei, fielen 200 Menschen.

Er kam in die Jahre, wechselte die Front, „es wurde schwieriger, auf Panzer aufzuspringen“. Heute schreibt Randy über Pasolini im Friaul und Rennpferde von Ölscheichs. Hat die Menschheit aus den geschilderten Gräueln gelernt? Im Gegenteil: „Es ist alles noch schlimmer.“ Wo säße er in Erwartung des Irak-Kriegs? „In einem kurdischen Dorf. Ich würde warten, was sich tut.“ Wieder auf der Verliererseite, „da ist die Geschichte“.

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