Zeitung Heute : Wo bitte geht´s zum richtigen Job?

„Durchstarten 2003“– Teil I: Ein Angestellten-Vertrag ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Start der Ich-AG

Regina-C. Henkel

Die Arbeitslosenquote ist schon wieder gestiegen. In Berlin wird im Januar mit mehr als 300 000 gemeldeten Arbeitslosen die höchste Zahl seit dem Mauerfall erreicht. Doch auch wenn jeder Arbeitslose einer zuviel ist: Die Botschaften der Bundesanstalt für Arbeit bedeuten noch lange nicht, dass sich auf dem Arbeitsmarkt alles nur ins Negative bewegt. „Die Fluktuation ist enorm", weiß Klaus Pohl, Sprecher des Landesarbeitsamtes Berlin-Brandenburg. Auch die privaten Jobvermittler beobachten, dass verstärkt umbesetzt wird. Sylvia Knecht, Sprecherin des Zeitarbeitsunternehmens DIS: „Die Unternehmen nutzen die Chance, ihre Teams optimal zusammenzusetzen." Für Stellensuchende und Wechselwillige heißt das: Auch in schwierigen Zeiten lassen sich Jobs finden.

Dafür muss man auch nicht unbedingt arbeitslos sein. Manch einer möchte sich verbessern, sucht einen anderen Aufgabenbereich, mehr Verantwortung, eine bessere Bezahlung oder schlicht nettere Kollegen. All diese Wünsche haben sich durch die Wirtschaftsflaute nicht erledigt. Wer sie sich erfüllen will, hat nach wie vor zahlreiche Möglichkeiten. Die Voraussetzung: Man kennt den Markt und weiß, wo und wie man nach seiner individuellen Chance suchen muss.

In der Serie „Durchstarten 2003“ wird Karriere & Beruf in den kommenden Wochen aufzeigen, welche Möglichkeiten es außerhalb der alt bekannten Bewerbungstrampelpfade gibt. Denn soviel ist sicher: Die Personalabteilungen in den Unternehmen sind hoch erfreut über jedes Angebot, das sich von der 08/15-Bewerbung im braunen Umschlag abhebt. „Initiativbewerbungen“, weiß Personalberater Gerd Radisch aus Bad Schwartau, bekommen die Arbeitgeber heute waschkörbeweise. Wer eine Chance haben will, muss sich schon etwas mehr einfallen lassen."

Fantasie und Aktivitäten über die einschlägigen Empfehlungen von Bewerbungsratgebern hinaus sind auch bei den nachfolgenden Schritten notwendig. Das Vorstellungsgespräch hat seinen Charakter auch in der Krise nicht verändert. „Es ist ein gegenseitiges kennen lernen, beide Gesprächspartner prüfen, ob sie zueinander passen", erklärt Heide Huck von der SCS Personalberatung. Dass Arbeitgeber ihre Gehaltsofferten an die Marktsituation anzupassen versuchen, ist für Huck „eine ganz normale Sache“. Doch es liege nach wie vor bei jedem Einzelnen, wie er sich verkauft. Darüber hinaus gibt es noch ganz andere Möglichkeiten als die Unterschrift unter einen Angestellten-Vertrag. Seinen Lebensunterhalt verdienen – und seine Träume verwirklichen – kann man auch als Freiberufler oder Unternehmer. Mit Jahresbeginn ist der Wechsel ins Unternehmerlager erleichtert worden. Zunächst finanziell: Arbeitslose, die eine „Ich AG“ gründen, erhalten vom Arbeitsamt drei Jahre lang einen Existenzgründungszuschuss: monatlich 600 Euro im ersten, monatlich 360 Euro im zweiten und monatlich 240 Euro im dritten Jahr. Das Einkommen darf 25 000 Euro per anno nicht überschreiten.

Mit den Zuschüssen soll sicher gestellt werden, dass der Selbstständige auch in der schwierigen Gründungsphase seine Sozialversicherungsbeiträge leisten kann. Bei der freiwilligen Krankenversicherung, die mit der Hartz-Reform neu eingerichtet wurde, ist das für Zuschuss-Berechtigte der 60. Teil der monatlichen Bezugsgröße. Bislang – und weiterhin für die Empfänger von Überbrückungsgeld – war es der 30. Teil. Mit der neuen Regelung dürften monatlich 200 Euro für die Krankenversicherung nur selten überschritten werden.

Das Problem: Für die Ich-AG existieren bei den Arbeitsämtern noch keine Durchführungsbestimmungen, auch nicht beim Fiskus. Bundesminister Clement plant unter der Bezeichnung „Small business act" einen Gesetzentwurf für Kleingewerbetreibende und Ich-AG-Gründer, der Vereinfachungen bei Besteuerung, Buchführungspflichten und Handwerksordnung vorsieht.

Doch bis dahin? Johannes Hofele, Fachanwalt für Steuerrecht in Berlin, rät „zur selben Vorsicht wie bei jeder anderen Existenzgründung auch“. Denn auch für die Ich-AG heißt es mindestens einmal im Jahr Steuern zahlen. Und wenn dann gerade das Geld knapp geworden ist . . . Auch der Berliner Wirtschaftsanwalt Martin Heller sieht Beratungsbedarf. Vor allem, wenn der Gründer einer Ich-AG Subunternehmer beauftragen will. Bei Künstlern und Journalisten ist das gang und gäbe. Heller: „Um die Risiken zu minimieren, sollte man sich absichern. Dafür reicht häufig schon ein Standardvertrag.“

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