Zeitung Heute : Wo bleibt die Teamarbeit?

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Hat Deutschland das Potenzial seiner Lehrkräfte und

Schüler voll ausgeschöpft? Wohl kaum. Ein großer Schatz, die Motivation, ist längst nicht gehoben.

DIE SCHULEN

Längst nicht alle Schulleiter sind gleich motiviert, die Nöte ihrer Schulen anzugehen. Das zeigt Pisa 2003. So berichten zwar 59 Prozent der Schulleiter von „erheblichen Problemen“. Doch fast die Hälfte dieser Schulen, 27 Prozent, nutzten ihre Handlungsspielräume nicht. Sie gelten bei Pisa als „passive Schulen“ . „Aktive Schulen“ sind dagegen solche, die vorhandene Spielräume intensiv nutzen, etwa, indem sie die Kooperation im Lehrerkollegium fördern, die Eltern in schulische Aktivitäten mit einbeziehen oder Evaluationsverfahren anwenden.

Nur 47 Prozent der deutschen Schulen können als „aktive Schulen“ gelten. Unter den Gymnasien gehören sogar nur 37 Prozent zu den „aktiven Schulen“, ganz so, als gebe es nicht auch am Gymnasium Reformbedarf. Am wenigsten aktive Schulen hat Niedersachsen (35 Prozent). Die meisten mit Problemen belasteten Schulen gibt es in Bremen (82 Prozent), am wenigsten Probleme sehen die Schulleiter in Baden-Württemberg (45 Prozent).

DIE SCHULLEITER

Erfolgreich arbeitende Schulen habe eine fähige und gute Schulleitung, belegen Forschungsergebnisse, die ein Bildungsbericht der Kultusminister zitiert. Zwar gibt es keine direkte Beziehung zwischen Schulleitung und Schülerleistungen, doch hat das Handeln der Schulleitung einen Einfluss auf die Schulkultur , das Selbstverständnis der Lehrkräfte, deren Einstellungen, Verhalten und Motivation.

Je mehr Autonomie eine Schule hat, desto größer sind die Aufgaben, die eine Schulleitung bewältigen muss. Gelingt es also, gute Schulleiter zu rekrutieren und diese professionell auf ihre Arbeit vorzubereiten, sind die Weichen für eine bessere Schule gestellt.

DIE LEHRER

In vielen deutschen Schulen arbeiten die Lehrer als Einzelkämpfer , obwohl bekannt ist, dass Teamarbeit viel effektiver und auch entlastender ist. So gibt es nach Aussagen von Schulleitungen in nur 53 Prozent der Grundschulen ein Konzept zur Zusammenarbeit des Kollegiums (internationaler Schnitt: 72 Prozent), wie aus einem Bildungsbericht der Kultusminister hervorgeht. 44 Prozent der Schüler besuchen Grundschulen, deren Lehrkräfte sich weniger als einmal im Monat treffen , um sich über den Unterricht auszutauschen (international: 18 Prozent). – Gleichwohl: Die Lehrer sind guten Willens. So sagen laut Pisa-Studie fast 95 Prozent der Mathelehrer, dass es Ihnen wichtig oder sehr wichtig ist, dass Schüler Spaß an der Mathematik haben. Fast genauso viele Mathelehrer sagen, dass sie einen modernen Unterricht befürworten, in dem Schüler eigene Lösungswege erproben. Pisa zeigt zwar, dass die tatsächliche Unterrichtspraxis dem „noch weit hinterherhinkt“ –

immerhin scheinen die Pädagogen aber offen für neue Methoden. Hier könnte Fortbildung viel bewirken.

DIE SCHÜLER

Mögen sich die Lehrer auch wünschen, dass Mathematik Spaß macht – nur rund 40 Prozent der Schüler haben tatsächlich Freude an der Mathematik . Und im Schnitt sind deutsche Schüler im internationalen Vergleich mittelmäßig in Mathe, wie Pisa zeigt. Dabei könnten sie vielleicht mehr. Denn in der Rubrik „Problemlösen“ , in der Pisa die Fähigkeit abfragt, fächerübergreifend Lösungswege für eine Aufgabe zu finden, liegen deutsche Schüler deutlich über dem OECD-Schnitt, nur in sechs Staaten sind die Jugendlichen noch besser. Die Aufgaben aus dem Bereich Problemlösen weisen aber enge Bezüge zur mathematischen Kompetenz auf. Deshalb stellen die Pisa-Forscher fest, dass die Schulen „das vorhandene, bei analytisch-problemlösendem Denken sichtbar werdende kognitive Potenzial noch unzureichend nutzen , um fachliche Kompetenz aufzubauen“.

MIGRANTENKINDER

Trotz ihres gegenüber einheimischen Schülern im Schnitt weit schwächeren Leistungsniveaus liegt das Interesse und die Motivation für den Unterricht bei den Migranten über dem der einheimischen Schüler. Während nur 19 Prozent der einheimischen Schüler sagen, dass sie sich gerne mit Mathematik befassen, sind es unter den Migrantenkindern rund 30 Prozent . Die überwältigende Mehrheit der Schüler mit Migrationshintergrund gibt auch an, sie glaube, dass sich in der Schule etwas Nützliches für den Beruf erlernen lässt. Und die meisten Migranten fühlen sich in der Schule nicht als Außenseiter . akü

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