Zeitung Heute : Wo das Ritual zur Kunst wird

ROMAN RHODE

Ein Symposion im Berliner Haus der Kulturen der WeltROMAN RHODEWelchen Einfluß, so lautete die Frage, haben spirituelle Traditionen auf das zeitgenössische Kunstschaffen? Schon die technische Ausstattung der Tagung illustrierte die Vielschichtigkeit des Problems: Video- und Diaprojektionen ergänzten die Vorträge und Performances, drahtlose Empfänger für die Simultanübersetzung sollten die Kommunikation erleichtern.Immerhin ging es um einen Erfahrungsaustausch von Künstlern aus drei Kontinenten - in vier Sprachen. Die erste Runde eröffneten drei Choreographen aus Brasilien und Afrika, die im modernen Ausdruckstanz derzeit einen Grenzweg zwischen Bewußtsein und Trance beschreiten.Was sie miteinander verbindet, ist die Suche nach einer Neubewertung von Körper und Bühne, zugleich: nach ihrer persönlichen und künstlerischen Identität.Die kulturellen Wurzeln der Tänzer allerdings sind in der Fremde nicht verlorengegangen, sondern haben sich dort sogar noch verfestigen können.Ismael Ivo, Leiter des Tanztheaters am Deutschen Nationaltheater Weimar, zeigte den Teilnehmern eine Performance, in der er seine afro-brasilianische Spiritualität im Einklang mit Mahlers "Totenlied" auf die Bühne bringt.Schließlich, so betonte Ivo, sei doch auch Umbanda ein Mischkult - jene Religion also, die für ihn in seiner Heimatstadt Sao Paulo prägend war. Künstlerische Arbeit als ein Crossover? Auch Elsa Wolliaston lieferte ihr Bekenntnis dazu.Als Performerin pendelt sie seit Jahren zwischen Kenia, New York, Paris und Berlin.Im Ritual wolle sie formalistische Regeln überwinden, allein der Körper sei ihr "Alphabet".So präsentierte sich Wolliaston als eine vitale Bewegungs-Mystikerin und erhob die Einheit von Klang und Körper zum Leitprinzip ihrer Choreographien.Daß sich der menschliche Körper durch Ritus und Rhythmus zu einem regelrechten Energiebündel aufladen kann, erläuterte Koffi Kôkô am eigenen Beispiel.Kôkô hat sich in seinem Tanz ausgehend vom heimatlichen Vodún-Ritual in Benin professionalisiert: Als Priester und Medium einer "getanzten Religion" kommuniziere er mit den Energien der Götter, um diese in sich aufzunehmen.Auch für seine Arbeit in Paris, so Kôkô, bildeten Initiationsriten, Legenden und Mythen aus dem Vodún eine wesentliche Inspirationsquelle.Indessen sei der rituelle Zusammenhang aufgehoben: ihm ginge es in Europa vorrangig um die Mitteilung seiner inneren Erfahrung - und um die Aufnahme neuer Anregungen aus einem fremden Kulturkreis. Ronaldo Rego aus Rio de Janeiro dagegen hat sich erst als Künstler in den Umbanda-Kult initiieren lassen.Der Maler leitete den zweiten, der Bildenden Kunst gewidmeten Teil des Symposiums ein, bedeckt mit einer weißen Kappe: dem Zeichen seiner Priesterwürde und des persönlichen Schutzheiligen Oxalá.Die Initiation, so Rego, habe sein ganzes Leben verändert, ebenso die schöpferische Arbeit.Seitdem widmeten sich seine Bilder der Umbanda-Ikonographie und entzögen sich, wie Rego missionarisch bekannte, jeglicher Rationalität.Der Kubaner Eduardo Garaicoa wiederum ließ erkennen, daß Kreativität nicht zwangsläufig esoterisch begründet sein muß.Sein spielerisch-spöttischer Umgang mit den Ikonen der Santer¿¤a, eines der synkretistischen Kulte auf der Zuêkerinsel, zielt auf eine Entsakralisierung der Kunst.In seiner Installation, die bereits auf der Biennale in Havanna gezeigt wurde und jetzt auch im Haus der Kulturen zu sehen ist, hat Garaicoa selber eine Gottheit geschaffen: Abulaye, den Schutzheiligen des Marktes.Dessen Altar besteht aus einer Registrierkasse, seine Opfergaben sind Hehlerwaren.Damit hat sich auch Garaicoa als ein erfinderischer Grenzgänger zwischen zwei Welten behauptet: dem dekadenten Kommandosozialismus einerseits, der aufkeimenden Marktwirtschaft andererseits. Diese unterschiedlichen künstlerischen Ansätze wurden von allen Teilnehmern des Symposiums leidenschaftlich diskutiert.Ebenso wie die afrikanischen Götter, bemerkte Elsa Wolliaston, zeige auch die Kunst verschiedene Gesichter.Spiritualität, so ein vorläufiges Resümee, könne durchaus als Schlüssel zum Verständnis verschiedener Kulturen dienen.Und die idealen Orte für den interkulturellen Austausch? Bühne und Ausstellungsraum wurden da genannt.Hinzufügen sollte man wohl auch - wieder einmal - das Berliner Haus der Kulturen der Welt.

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