Zeitung Heute : Wo der Film beginnt

Früher galt der Talent-Campus als längste Party der Berlinale. Heute ist er eine der erfolgreichsten Talentbörsen für junge Filmschaffende

Verena Mayer

Mi You hat fünf Minuten. Fünf Minuten, in denen die 21 Jahre alte Filmemacherin aus Peking über sich reden soll, über ihren Film und darüber, warum jemand sie und ihren Film finanzieren sollte. Mi You fährt sich durch das lange schwarze Haar und streicht ihren Rock zurecht. Ihr Film handelt vom Bau eines Turms in Peking und von einem Architekten, der besessen ist von diesem Turm. „China ist inzwischen ziemlich durch“, brummt der Mann, der vorne am Tisch sitzt. Er ist Produzent und hat nicht viel Zeit. „Trotzdem interessant.“ Mi You lacht erleichtert. Gewonnen! Zumindest wieder ein bisschen Aufmerksamkeit, das Wichtigste im Filmgeschäft.

Mi You wirft sich ihren viel zu dünnen Mantel über. Sie muss weiter, einen Mann von Arte treffen und dann einen Produzenten aus London. Mi You, Tochter einer Pekinger Intellektuellenfamilie, spricht perfekt Englisch, das hat sie sich beigebracht, indem sie sich „Kevin allein zu Haus“ und „Jurassic Parc“ angeguckt hat, immer und immer wieder. In China arbeitet sie als Assistentin bei einer Filmproduktion, mit ihrem eigenen Projekt hat sie es zum Talent-Campus der Berlinale geschafft.

Der Campus ist an den drei Spielstätten des Berliner Theaters „Hebbel am Ufer“ untergebracht, genannt HAU 1, HAU 2 und HAU 3. Das Jahr über wird hier das Unfertige, Raue zelebriert, es ist ein Ort für experimentelles Theater, jetzt stehen im Foyer des HAU 2 Computer, und überall hacken junge Leute geschäftig auf ihre Laptops ein. Die Zeiten, in denen der Talent-Campus „die längste Berlinale-Party von allen“ war, seien vorbei, sagt Leiterin Dorothee Wenner.

Heute ist er eine der erfolgreichsten Kontaktbörsen für junge Filmschaffende aus aller Welt. Hier treffen sie in Workshops, Bewerbungsgesprächen und Vorträgen auf die Arrivierten der Branche. Auf der Liste der Vortragenden stehen Namen wie Sandrine Bonnaire, Shah Rukh Khan oder Stephen Frears. Das Aufnahmeverfahren ist hart, „das macht man nicht so nebenbei wie Lottoscheine ausfüllen“, sagt Wenner. Von 3000 Bewerbern werden 350 genommen. Der Ansturm ist wohl auch deshalb so groß, weil vielen Teilnehmern die in Berlin geknüpften Kontakte helfen, eigene Filmprojekte zu verwirklichen. Von diesen Filmen haben es in der Vergangenheit nicht wenige zur Berlinale geschafft, in diesem Jahr sogar zwei in den Wettbewerb: „Lake Tahoe“ vom Mexikaner Fernando Eimbcke und „Ballast“ vom US-Amerikaner Lance Hammer.

Dorothee Wenner sitzt auf der Tribüne des HAU 2 und guckt hinunter. Dort, wo sonst die Bühne ist, sitzen an diesem Morgen Hunderte Campus-Teilnehmer auf weißen Hockern mit Berlinale-Schriftzug. Das ist auch so eine Neuerung. Früher waren morgens alle erst einmal verkatert, jetzt wird um zehn Uhr gearbeitet.

Am weitesten sind die zwölf Dokumentarfilmer. Sie haben bereits halbe Filme oder Drehbücher fertig, nun werden ihnen zukünftige Abnehmer vorgestellt, Redakteure vom Fernsehen oder Filmproduzenten. Die magischen fünf Minuten, in denen die Bewerber ihr Projekt präsentieren, heißen „Pitching“. Es sind Minuten, die im Filmgeschäft über Sein oder Nichtsein entscheiden. Einer nach dem anderen stellt sich an diesem Morgen mit professionellem Lächeln dem deutschen Produzenten Heino Deckert vor.

Der sitzt mit übergeschlagenen Beinen am Kopfende des Tischs und gibt ein bisschen den Dieter Bohlen. Die Geschichte über einen türkischen Muezzin – „Was wollen Sie uns damit erzählen?“ Ein Filmessay über Nordengland – „Das wird echt hart zu verkaufen“. Das Porträt, das einer aus der Runde über seinen Vater macht – „Haben Sie ein Problem mit Ihrem Vater?“

Für Simon Assmann, 30 Jahre alt, ist das Routine. Er zieht eine Visitenkarte aus der Tasche. „Einen Film habe ich fertig geschnitten, einen schreibe ich, einen muss ich noch drehen“, sagt er. Am Talent-Campus ist er mit einer Langzeitbeobachtung über drei Männer, die ein Start-Up-Unternehmen für aufblasbare Großbildleinwände gründen. Filme machen sei für ihn eine Möglichkeit, „mich mit meinen eigenen Träumen und Ängsten auseinanderzusetzen“. Er schnappt seine Tasche, auch er muss weiter. Vom Talent-Campus erhofft er sich, „den Blick zu weiten“ und die richtigen Leute kennenzulernen, das natürlich auch.

Der Regisseurin Martina Sakova geht das Geschäftige ein wenig gegen den Strich. Sie kommt aus Bratislava und lebt in Berlin, gerade arbeitet sie an einem Dokumentarfilm über die Vietnamesen, die auf den Märkten an der deutsch-tschechischen Grenze Waren verkaufen. „Verkaufen, verkaufen, Geld verdienen“, habe einer dieser Vietnamesen sein Leben beschrieben, und so komme ihr das eigene Leben auch gerade vor. Martina Sakova würde gerne mehr über Inhalte reden. „Als ich angefangen habe zu studieren, stand die Kunst im Vordergrund. Im Westen muss man pitchen.“ Eine ordentliche Party wird es trotzdem geben am Talent-Campus. Aber erst ganz zum Schluss, nach der Arbeit.

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