Zeitung Heute : Wo die Geister hausen

CHRISTINA TILMANN

Wuchernde Linien: taiwanesische Keramikkunst in DahlemModerne Formen und antike Mythen verknüpft der taiwanesische Künstler Chen Mu-chun, dessen Keramikskulpturen das Völkerkundemuseum Dahlem in einer Sonderausstellung erstmals in Europa präsentiert.Auch für das westliche Auge, das mit den Götter- und Heldensagen taiwanesischer Ureinwohner nicht vertraut ist, sind die großformatigen, starkfarbigen Vasen der Schau eindrucksvoll genug: Mit starker Modellierung hebt Mu-chun Gesichter, Körper und Masken fast comic-haft hervor.Frühe Totemkunst und Holzschnitzereien waren erkennbare Vorbilder für seine Formenwahl.Die teilweise durchbrochenen, stark verformten Gefäßwände sind in starkem Blau und Grün gehalten.Gelegentlich wird der Gefäßbauch zum Rock oder Baumstamm oder verbreitert sich zur Fläche.Jagd- oder Kampfszenen, Liebes- und Ritualakte sind die häufigsten Themen, aber auch Blumen, Ornament- und Wasserlinien wuchern im Ton. Nach taiwanesischem Glauben nehmen die Geister der Verstorbenen in Keramikgefäßen ihre Wohnstatt.Anläßlich von Hochzeiten sind Keramikvasen daher ein beliebtes Geschenk an die Schwiegereltern.Diese heute noch lebendigen Traditionen bilden den Hintergrund für Mu-chuns Skulpturen.Der 1948 geborene Künstler stammt aus dem Ureinwohnerdorf Puli und widmet sich seit fünfzehn Jahren der Kultur der verschiedenen nichtchinesischen Stämme, deren Ehrfurcht vor der Natur ihn fasziniert.Über Hintergründe und Gebräuche dieser "einfachen, mutigen und gutherzigen" Menschen gibt allerdings weder die - in der Übersetzung etwas unklare - Beschriftung noch der von Mu-chuns Nichte Weong Hui-min verfaßte teure Katalog ausreichend Aufschluß.Dem anders ausgerichteten westlichen Ethnologieinteresse sind die Begleittexte teils kryptisch, teils unergiebig oder von zu starkem Nationalstolz getragen.Auch in der Taiwan-Abteilung des Museums für Völkerkunde fanden sich keine Vergleichsobjekte.So lassen sich Mu-chuns Skulpturen letztlich doch nur ästhetisch erfassen - angesichts der Rätselhaftigkeit mancher dargestellten Szene ein etwas unbefriedigendes Ergebnis.CHRISTINA TILMANN

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