Zeitung Heute : Wo die Sonne im Osten den Westmond berührt

Ulrike Baureithel

Co-Autorschaft scheint ein Widerspruch in sich zu sein. Gleichgültig, welches Personal in Aktion tritt, wie viele Stimmen zum Sprechen gebracht werden und egal, in welcher Figur sich ein Erzähler oder eine Erzählerin in die Geschichte einschmuggelt: Literarische Schöpfung - man könnte auch sagen: Zurichtung - erträgt nur einen Dompteur, der den epischen Reifen hinhält, die eine oder andere Figur in den Vordergrund schiebt, zum Sprung auffordert und sie mit der poetischen Peitsche antreibt.

Dass es auch anders geht, bewies das junge Autoren-Duo Anke Stelling und Robby Dannenberg bereits mit ihrer, na, sagen wir, Pubertätssuada "Gisela", die vor knapp drei Jahren noch eher unausgereift und betont kultig daherkam. Nun haben die beiden Absolventen des Leipziger Literaturinstituts - jene Einrichtung, die einst in sozialistischem Realismus ausbildete - die Rollen bewusst getauscht. Ganz realistisch ist die schwäbische Anke in den Stuttgarter Aussteiger Bernd, der in Leipzig sein Buchhändlerglück sucht, geschlüpft, und der Sachse Robby hat sich - schon etwas surrealistischer - die Haut der schönen Miri zu eigen gemacht, und beide haben sich bei jedem Kapitelwechsel aufgefordert: "Nimm mich mit". Das ist nicht nur literarisches Programm, sondern auch ein deutsch-deutsches. Und wenn es am Ende auch nicht zur großen Ode an die deutsche Wiedervereinigung gereicht haben mag, dann zumindest zu einem meist klangvollen Kanon, der bei jedem Einsatz noch einmal die Hoffnung aufruft: Nimm mich mit.

Hippie unter Honecker

Mitgenommen werden wollte auch die 24-jährige Miri, die zufällig in der mobilen Absteige Tamaras gelandet ist. Was die treibt, nennt man gemeinhin Beschaffungsprostitution, aber sie treibt es mit einem gewissen sportlichen und ästhetischen Anspruch. Tamara will in den Süden; und weil Miri beim Schwarzfahren erwischt wird, verpasst sie bei Tamara den Anschluss. Man könnte sagen, an das Leben. Aber noch sind ein paar Strophen auf Leipziger Straßen abzusingen. Beim Jobben als Christbaumverkäuferin trifft Miri - nun obdachlos und nur vorübergehend bei Jack, einem verkrachten Wohnungsmakler, in einer leerstehenden Wohnung untergeschlüpft - Bernd. Beide wollen nicht mehr voneinander, als die Zeitspanne einer Tasse Kaffee zu überbrücken. Es ist Heiligabend, und Miri brennt der Stoff, dessen Konsum hinauszuzögern ihr eine Lust ist, in der Tasche.

Bernd ist neu in Leipzig und hat gerade eine Kneipenbekanntschaft aus dem Auto geworfen, weil sie ihn besser zu kennen glaubte als er sich selbst. Um heimisch zu werden und von Albrecht aus Grimma - einst "Hippie unter Honecker" und nun Bernds Laden-Compagnon - nicht allzu sehr abzustechen, raucht er Cabinet würzig aus dem Supermarkt und isst beim Einweihungsfest tapfer Schnittchen von Schwiegermuttern. Das hilft natürlich nichts gegen die Fremdheit. Bernd hat in Stuttgart zwar sein alternativ-spießiges Lehrerdasein hinter sich gelassen, doch von früher liegen immer noch ein paar Geschenke in der untersten Schublade.

Also landet Miri bei dem fast zwanzig Jahre älteren Mann. Das einzige, was sie verbindet, ist, dass beide fast nie lächeln und einsam sind. Miri ist das Schönste, was Bernd in Leipzig bislang begegnet ist, das reicht. Es beginnt eine merkwürdig zwecklose Wohngemeinschaft, die beständig den Stoff zur Romanze verfehlt. Miri wirkt wie eine Jungfrau, und obwohl Bernd anderes will, traut er sich nicht richtig an sie heran. Gleichzeitig ist er eifersüchtig auf Albrecht, mit dem sich Miri besser zu verstehen scheint. Und Albrecht vernachlässigt den Laden, weil er es schon mit dem sozialistischen Arbeitsethos nicht so genau nahm. Bernd gibt Miri Geld, ohne zunächst zu wissen, wofür. Und die spröde Miri gibt Bernd das Geborgenheitsgefühl einer Katze. Dumm, dass Miri ihren regelmäßigen Trip braucht, durch den sie sich vom Beziehungsglück unabhängig wähnt: Nimm mich mit.

Das Glück macht sich dünne

Doch nicht nur Miris Drogenkonsum offenbart den Abgrund zwischen den beiden ungleichen Partnern. Während das Straßenkind Miri Verständnis für die pöbelnden Glatzen hat, kann Bernd den Erzieher nicht verhehlen: "Die müsste man in die Schule prügeln, damit sie dort das Wichtigste lernen, nämlich Mitgefühl." Den Erzieher kehrt er auch gegenüber Miri und Albrecht heraus: Ein Besserwessi, einer der alles als "Zeichen" deutet, die Pflichtvergessenheit Albrechts und den verunglückten Dialog mit Miri. "Das ist kein Zeichen", antwortet Miri dann, "das ist alles das beschissene Selbe." Und wenn doch so etwas wie Glück zwischen ihnen aufscheint, in einer kleinen Geste oder weil Bernds Geld zu einem neuen Trip verhilft, "macht es sich dünne, das Glück". Miri meint zu wissen, dass "man sich gegen sein Glück wehren muss, wenn es mit zu vielen Versprechen kommt. Vom Glück führt kein Traum, kein Weg mehr weg."

Das Irritierende an diesem unendlich dahinfließenden Erzählkanon, der monologisch versandet, als Miri verstummt, sind weniger die gelegentlichen "Aussetzer" und Bildbrüche: Es ist die inkongruente Perspektivanordnung. Robby Dannenberg erzählt aus Miris Ich-Perspektive, Anke Stelling führt Bernd in der distanzierteren dritten Person ein. Miri changiert zwischen Drogenhimmel und Ernüchterung, zwischen Lebensrausch und Absturz; Bernd scheint seine Träume in der Vergangenheit hinterlegt zu haben, er vertritt jene alternativ geschleuderte Generation, der irgendwann der Lebenssaft ausgegangen ist.

Dennoch wirken die Passagen aus Bernds Sicht nachvollziehbarer. Die Geschichte des introvertierten Lehrers, der dort, wo er herkommt, keine Perspektive mehr sieht und in den Osten geht, weil er hier auf irgendeine Erlösung hofft, ist zumindest der (West-)Leserin näher als die Miris; und dies, obwohl Robby Dannenberg, um das alte Ost-Rock-Klischee zu zitieren, "raus aus ihrer Haut" schreibt. Das hat wahrscheinlich etwas mit "Generationenzusammenhang" (obwohl er von der Autorin gar nicht geteilt wird) und Erfahrung zu tun; oder auch damit, dass die Stimmen in diesem Kanon eben doch ziemlich unterschiedlich sind und Stelling den gelegentlich hysterischen Oberton Dannenbergs zurückholt.

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