Zeitung Heute : Wo die Trauben an den Rebstöcken fast kochen

PAUL GROTE

Eine Tour durch Argentiniens WeinanbaugebietVON PAUL GROTE

Kaum Wasser, doch im westlichen Argentinien, nahe der Grenze zu Chile, ringen die Winzer dank eines ausgefeilten Bewässerungssystems Jahr für Jahr der Wüste aus Geröll und Sand erstaunliche Mengen an Reben ab.Und keltern einen ansehnlichen Wein. "Jede Weinlese ist ein neuer Sieg über die Wüste", sagt Juan Fiori.Stolz liegt in der Stimme des Verwalters des Weingutes Las Palmas.Stolz, daß wieder ein Sieg errungen wurde.Und er, Juan Fiori, hat mitgekämpft: "Wasser, das ist für uns gleichbedeutend mit Leben.Das kann nur jemand ermessen, der hier in der Provinz Mendoza geboren wurde." Der Argentinier blickt auf.Der Himmel ist bedeckt."Aber die Hitze", stöhnt Fiori, "die Hitze.Das ist zuviel, jetzt in den letzten Tagen der Ernte.Im Februar hatten wir mörderische 40 Grad.Die Trauben kochten fast an den Reben.Wir müssen wie die Verrückten arbeiten, sonst ernten wir Rosinen." Die Reihen der an Drähten gezogenen Rebstöcke erstrecken sich bis an den Horizont, geformt von der Pre-Kordillere der Anden.Davor liegt die Wüste: Geröll, Sand, vertrocknete Gräser, Kakteen.Die Anden beginnen erst hinter der Pre-Kordillere in dunstiger Ferne, aber noch so nah, daß die Schneespitze des Aconcagua zu sehen ist, mit 6965 Metern der höchste Berg des amerikanischen Kontinents.Der Osthang gehört bereits zu Chile. "Aus diesen Bergen kommt unser Wasser, Schmelzwasser oder Grundwasser aus mehr als 100 Meter tiefen Brunnen", sagt Juan Fiori blinzelnd und schützt mit der Hand die Augen vor der blendenden Helle."Unsere Weingärten liegen immerhin auf 1000 Meter Höhe.Ohne Wasser wäre hier alles nur Wüste." So war es, als die spanischen Konquistadoren das Land eroberten.Erst in mühevoller Arbeit von Jahrhunderten verwandelte sich die Provinz Mendoza in Argentiniens größtes Weinanbaugebiet.Mehr als 150 000 Hektar sind mit Rebstöcken bepflanzt. Der Administrator prüft die schwarzen Schläuche im Boden neben den Reben.Die Tropfbewässerung sorgt für gleichbleibende Feuchtigkeit.In anderen Weingärten werden die Reben über Bewässerungskanäle versorgt, bei steigender Hitze erst einmal, dann zweimal pro Monat geflutet.Das Nationale Bewässerungsinstitut legt die Tage fest.Das Wasser hat die gleiche schmutzig-braune Farbe wie die lockere Erde: fruchtbares Schwemmland, von den Anden heruntergespült. Pappeln rascheln leise im Wind, auch die silbrigen Blätter der Oliven.Sie werden geerntet, wenn Ende März die Weinlese vorüber ist.Die Stille des Weingartens wird nur von den schnellen Tritten der Frauen und Männer unterbrochen, die halb gebückt oder gar im Stehen die Trauben schneiden.Fast im Laufschritt kommen die Erntearbeiter zwischen den grünen Reihen hervor, einen "tacho", die Kiste mit 20 Kilo Trauben, auf der Schulter.Für jeden "tacho" drückt ihnen der Vorarbeiter eine Plastikkarte in die Hand, nach der die Arbeiter bezahlt werden.Viel verdienen sie nicht - kaum genug für die Eintrittskarte zum Spektakel der "Fiesta da la Vendemia", dem Weinfest, das alljährlich im Amphitheater der nahen Stadt Mendoza veranstaltet wird.Man eilt sich, die roten Malbec-Trauben für den Vino Fino einzubringen, der ein Prädikat "Elaborado y Envasado en Origen" trägt, was einem DOC-Wein entspricht oder soviel wie Appellacion contrôlée bedeutet. Die Trauben reifen in dieser Hitze zu schnell, das Rütteln in den Kisten bekommt ihnen gar nicht.Glücklicherweise ist der Weg zur Bodega, der Kellerei Trapiche, in Mendoza nur kurz ...Juan Fiori glaubt, daß er nicht viel von Wein verstehe, dafür umso mehr von der Pflanze: "Man braucht nicht viel Wissen", sagt er, "dafür mehr Erfahrung.Und die Pflanze macht den Mann.Er lernt mit ihr." Der Verwalter trinkt am liebsten Malbec-Weine - die im kräftigen Rot, dicht und im Eichenfaß gereift.Unter den Weißen bevorzugt Fiori solche der handgelesenen Chenin Blanc-Traube, den Vieja Abadida, lieber frisch und troêken als lieblich, mit gelbgrünem Schimmer und dem Aroma von Pfirsich. Missionare hatten in Argentinien die ersten Reben im 16.Jahrhundert in der Nähe ihrer Klöster gepflanzt, als Meßwein, zum Bewirten von Gästen oder zur Behandlung von Krankheiten.Ob die Rebstöcke aus Europa eingeführt waren oder aus den Samen von Rosinen entstanden sind, ist ungeklärt.Heute werden geklonte Rebstöcke aus Frankreich und Italien eingeführt. Mittlerweile sind die Anbauflächen am Osthang der Anden auf 340 000 Hektar angewachsen, verteilt auf über 2500 Kilometer.22 Millionen Hektoliter Wein werden jährlich gekeltert.Zu den Rebsorten, die in der Provinz Mendoza angebaut werden, gehören Cabernet Sauvignon, Syrah und Pinot Noir.Weißweintrauben sind Chardonnay, Chenin Blanc, Pinot Blanc und Sauvignon Blanc sowie die heimische Sorte Torrontés. Lastwagen auf Lastwagen rollt aus den Weingärten auf Mendoza zu.Selbst die ältesten, ja 40 Jahre alten Modelle, sind qualmend im Einsatz.Vor den Bodegas stauen sich die Konvois zu Warteschlangen.Geduldig dösen die Fahrer im Führerhaus, die Fenster gegen die Sonne verhängt.Die größte Kellerei ist Peñaflor und bietet unter diesem Namen Tafelwein an.Die wirklich guten Tropfen kommen aus dem Tochterunternehmen Trapiche.Beide Bodegas gehören der Familie Pulenta, die 1902 aus Italien einwanderte und im 250 Kilometer entfernten Städtchen San Juan mit dem Weinbau begann.Im Hof der Kellerei Peñaflor haben sich Busladungen schaulustiger Touristen, Einkäufer und Weinexperten aus aller Welt eingestellt und folgen neugierig fragend den weißbekittelten Önologen.In den Bodegas ist aber auch gar nichts mehr romantisch, die Weinherstellung zum industriellen Prozeß geworden, zu groß sind die verarbeiteten Mengen.Die Lastwagen kippen die mittlerweile klebrige Fracht in gekachelte Schächte.Schneckengewinde befördern sie in die Presse.Alles blinkt und blitzt vor Sauberkeit.Im Hof wachsen gleichzeitig die Berge von lilafarbenem Trester, aus dem Aguadiente gebrannt wird, ein hochprozentiger Schnaps.Die Gärung des Weins erfolgt bereits in riesigen Edelstahltanks.In ihrem Inneren brodelt es gefährlich.Erst in dunklen Kellern, wo der Vino Fino in Eichenfässern fermentiert, verlieren die Kellereien den Charakter einer Lebensmittelfabrik.Im Garten wird derweil verkostet.Chefönologe Angel Mendoza hält erst einen kleinen Vortrag, wie man es machen soll: "Die Farbe, die Transparenz eines Weins sind von entscheidender Bedeutung", sagt der kleine Mann, und es macht auch Eingeweihten Spaß, ihm zuzuhören.Niemand fühlt sich belehrt.Der Trapiche Medalla von 1993 ist von tiefem dunklen Rot, wie Burgunder."Schnüffeln - nicht riechen", empfiehlt der Chefönologe."Den Wein mit der Nase nehmen!" Seinen besten Rotwein, zu 70 Prozent Cabernet Sauvignon, zu 30 Prozent Malbec von der Finca Las Palmas, hält Trapiche seit zwei Jahren im dunkelsten Keller im klimatisierten Raum hinter einer dicken Glasscheibe verborgen: die Sonderabfüllung Millennium für das Jahr 2000, 2000 Methusalem-Flaschen zu je sechs Liter.Ob der Wein gut wird? Da ist sich Chefönologe Mendoza sicher."Beim nächsten Jahrtausend allerdings habe ich Bedenken.Aber Mendoza ist die Stadt der Hoffnung.Mit jeder Katastrophe verdoppelt sie sich." In den schachbrettartig gezogenen Straßen Mendozas - nach diesem System wurden alle spanischen Gründungen in der neuen Welt angelegt - findet sich kein Haus im spanischen Kolonialstil, selten eines mit Medaillons auf der burgunderfarbenen Fassade, wo Fächerpalmen das geschnitze Portal flankieren.In allen Städten entlang der Anden walten tektonische Kräfte.Im Jahr 1861 vernichtete ein Erdbeben Mendoza.Das nächste schwere Beben von 1965 richtete nicht so viel Unheil an, anders als in San Juan, dem Zentrum der nächstgelegenen Weinbauregion.Dort liegen in den Vororten noch Trümmer der aus Adobeziegeln gebauten Häuser.Und immer wieder spürt man ein leichtes Zittern der Erde, im Liegen, im Sitzen, im Stehen - der Unkundige verwechselt es zunächst mit einem Schwindelgefühl.Panik kommt dabei schon lange nicht mehr auf."Wir Mendocinos haben uns längst daran gewöhnt", sagt der Verkäufer in einer der vielen Weinhandlungen in der Markthalle höflich lächelnd."Wir leben mit dem Unabänderlichen." Unaufdringlich empfiehlt er die Weine der besten Bodegas: Carteloni und La Rural, Luigi Bosca und Trapiche, Lagarde, Nieto & Senetiner."Am besten, Sie nehmen von jedem ein Flasche ..." Die Bewohner Mendozas jedoch sind jetzt ganz auf die Fiesta eingestellt.Bereits vor Sonnenuntergang beginnt der Pilgerzug zum Amphitheater.Auf den Hügeln im Rüêken flackern kleine Feuer.Dort kampieren die Arbeiter aus den Weingärten und ihre vielköpfigen Familien.Sie braten mitgebrachtes Fleisch - trinken dazu den von ihnen geernteten Wein.Nein, nicht den Vino Fino, sondern den aus dem Tetrapack.Die edlen Tropfen bleiben den Bodegabesitzern mit ihren internationalen Gästen in den Logen vorbehalten.Auch morgen, beim Umzug der Weinköniginnen und der Gauchos, wird der Sieg über die Wüste weitergefeiert.Erst am Montag, in den Weingärten, wird die Hitze wieder drückend. TIPS FÜR ARGENTINIEN Anreise: Von Frankfurt über Buenos Aires nach Mendoza und San Juan mit Aerolinas Argentinas oder Lufthansa. Reise-/Erntezeit: Februar bis etwa 10.März. Einreise: Deutsche Staatsbürger benötigen einen noch mindestens sechs Monate gültigen Reisepaß. Gesundheit: außer Überhitzung keinerlei Gefährdung. Veranstalter: Eine spezielle Weinreise (zwei Wochen) in die Wein-Provinzen von San Juan und Mendoza veranstaltet ONDA-höfferle.Anreise in Linienflugzeugen.Besuch von Buenos Aires (mit Stadtbesichtigung und exzellenter Tango-Show).Weiterflug nach San Juan.Fahrt durch die Wüste zum prähistorischen Valle de la Luna.Besichtigung der Weingärten und der Kellerei Graffigna in San Juan mit Weinproben.Busfahrt nach Mendoza, Rundfahrt durch die Region, Besichtigung von Weingütern, Bewässerungsanlagen und Kellereien von Peñaflor und Trapiche, Weinproben.Festessen im Weinkeller mit internationalen Gästen und Weinexperten.Ausflug zum Aconcagua, River-Rafting.Teilnahme an der Fiesta de la Vendimia im Amphitheater, Festumzug der Weinköniginnen der Landkreise und der Gaucho-Traditionsverbände.Übernachtung in Hotels der oberen Kategorie.
Preise und Termine bei: ONDA-höfferle, Hamburg; Telefon: 040 / 47 33 80, Telefax: 040 / 48 30 56. Ausflüge: Trecking, River-Rafting über Aymara Turismo, Mendoza, Telefaxnummer: 00 54 / 61 / 20 06 07.Spezialität sind Andenritte bis über 4000 Meter.Sie folgen der legendären Route des Befreiungsheeres des argentinischen Nationalhelden San Martin bis nach Chile. Auskunft: Argentinien unterhält kein eigenes Touristenbüro in Deutschland.Touristische Auskünfte sind in beschränktem Umfang zu erhalten bei der Botschaft der Republik Argentinien, Adenauerallee 52, 53113 Bonn; Telefon: 02 28 / 22 80 10, Fax: 02 28 / 21 48 09.

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