Zeitung Heute : Wo Energien fließen

Frau Glaubitz[wir haben fast vier Millionen Arbei]

Frau Glaubitz, wir haben fast vier Millionen Arbeitslose. Ist es da nicht purer Luxus über seinen Traumberuf nachzudenken?

Gerade in schwierigen Zeiten ist es wichtig, nicht orientierungslos auf dem Arbeitsmarkt rumzuwurschteln. Potenzielle Arbeitgeber sehen sehr schnell, ob jemand wirklich motiviert und engagiert ist oder ob er sich nur aus Verlegenheit bewirbt. Das ist wie bei einem Flirt: Man will ja auch nicht mit jemand anbändeln, der es offensichtlich nötig hat und quasi alles nehmen würde.

In Ihren Büchern erzählen Sie Dutzende von Geschichten über Leute, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben. Kann man das verallgemeinern?

Die einzelnen Beispiele zeigen auf, was möglich ist. In Jobs für Sportfreaks erzähle ich beispielsweise die Geschichte von Werner Hansch. Der profilierteste deutsche Sportreporter hat mit 40 angefangen Radio zu machen - nach zwei abgebrochenen Studiengängen. In Jobs für Weltenbummler und Globetrotter erzähle ich von einer Krankenschwester, die mit 35 ihren Job geschmissen hat und heute Kapitänin auf einem Frachtschiff ist. Natürlich sind nicht alle Geschichten so spektakulär. Manchmal ist es nur die Köchin, die keine Lust mehr auf die Küche hatte, und heute Kochbuchautorin ist.

Was sollen die Geschichten dem Leser sagen?

Ich zeige Wege auf, wie man seine Leidenschaft zum Beruf macht und was für Möglichkeiten es gibt - ganz normale, außergewöhnliche und alles dazwischen. Dabei handelt es sich nicht um sterile Berufsbeschreibungen, wie man es vom Arbeitsamt kennt, sondern um den Weg von ganz konkreten, lebendigen Personen. Dazu gibt es immer Literaturangaben, Internettipps, Hinweise für Weiterqualifizierung und jede Menge Adressen. Das alles ist zur Anregung gedacht und entbindet niemanden von der Pflicht, für sich selbst einen eigenen Weg zu finden.

Wie findet man seinen eigenen Weg?

Man kann sich anregen lassen von den Geschichten anderer. Man kann sich überlegen, was einem Spaß macht, was einen motiviert, an welchen Tagen man freiwillig früh morgens aufgestanden ist. Ich interessiere mich nicht für Prognosen, welche Branchen angeblich wann Arbeitskräfte suchen. Das weiß ohnehin niemand, wie man jetzt am Beispiel der Lehrer sieht. Ich interessiere mich dafür, was Menschen Spaß macht und wo die Energien fließen. Schließlich wissen die meisten aus Erfahrung, dass man so ziemlich alles schaffen kann. Wenn man sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann klappt es in den meisten Fällen auch.

Ist es heute nicht ausgesprochen riskant, die Fakten auf dem Arbeitsmarkt zu ignorieren?

Fakt ist, dass man nach zehn Jahren im falschen Beruf mit Magengeschwür im Krankenhaus liegt. Da hilft kein 13. Monatsgehalt, kein schicker Dienstwagen und der Dünkel, wenigstens in einer prosperierenden Branche zu arbeiten.

Ihr persönlicher Tipp für die Berufssuche?

Übernehmen Sie selbst Verantwortung für Ihre Entscheidungen. Hören Sie nicht auf frustrierte Kollegen, die Ihnen nur erklären wollen, warum man angeblich sowieso nichts ändern kann. Halten Sie sich vom Arbeitsamt fern. Hören Sie in privaten und beruflichen Dingen ein bisschen mehr auf Ihr Herz - genau wie bei einem Flirt.

In der Reihe von Uta Glaubitz sind erschienen: Jobs für Kommunikationstalente und Quasselstrippen, Jobs für Sportfreaks, Jobs für Bücherwürmer und Leseratten, Jobs für Weltenbummler und Globetrotter, Jobs für Filmfreaks (Campus Verlag, Frankfurt, je 31 Mark).

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