Zeitung Heute : Wo es wehtut

Rainer Woratschka

Heute ist der Tag der Ärzte – allerdings haben die verschiedenen Ärztegruppen mit unterschiedlichem Problemen zu kämpfen. Woran hapert es also?


Vor allem am Geld. Unter der aktuellen Kostendämpfungspolitik leide die Patientenversorgung – und immer mehr Ärzte seien frustriert, gingen ins Ausland oder in andere Berufe, klagen die Verbände.

Geht es den Medizinern wirklich so schlecht? Nach Abzug der Praxiskosten kommt ein niedergelassener Arzt im Westen auf 85 000 Euro pro Jahr, im Osten auf 78 000 Euro – ohne Einnahmen durch Privatpatienten. Am besten verdienen Internisten im Westen (137 016 Euro), am schlechtesten Hautärzte im Osten (62 892 Euro). Zum Vergleich: Das durchschnittliche Arbeitnehmerbruttoentgelt liegt bei knapp 33 000 Euro. Ärzte haben allerdings eine lange Ausbildung, müssen in Praxen investieren, haben viel Verantwortung und arbeiten gewöhnlich weit mehr als der Durchschnittsarbeitnehmer.

Laut Ministerium sind die Hausarzteinkünfte in den vergangenen Jahren weiter gestiegen – die Honorarsummen um 1,3 Prozent, die Umsätze um 1,5 Prozent. Falsch, schimpft die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Rechne man gestiegene Praxiskosten und Inflationsrate ein, ergebe sich ein Minus. Und rund 30 000 Praxen – also etwa ein Drittel – kämen netto auf nur 1600 bis 2000 Euro im Monat.

Auch die Klinikärzte erinnern an Inflation und Gehaltszuwächse in vergleichbaren Berufsgruppen. Zudem wurde ihnen das Weihnachtsgeld gestrichen und die Wochenarbeitszeit erhöht. Gerade Assistenzärzte kämen kaum mehr über die Runden – und seien auch international abgehängt. Tatsächlich erhalten Vollzeit-Klinikärzte im Schnitt 66 000 Euro brutto pro Jahr. Mit 3093 Euro netto liegen sie laut Ministerium aber über sonstigen Akademikern im öffentlichen Dienst. Die kämen grade mal auf 2552 Euro. Allerdings arbeiten Klinikärzte selbst nach Ministeriumsangaben im Schnitt 46,1 Stunden pro Woche, andere Akademiker nur 40,7. Und das Hauptproblem ist die Verteilung: Chef- und Oberärzte, die privat abrechnen, stehen prächtig da. Assistenzärzte erhalten, unbezahlte Überstunden eingerechnet, Putzfrauengehälter. Nur die Ausbeutung als „Arzt im Praktikum“ gibt es seit 2004 nicht mehr. Berufseinsteiger erhalten nun 170 Prozent des bislang üblichen, rechnet das Ministerium stolz vor.

Problematisch ist auch die Arbeitsbelastung : Bereitschaftsdienste in Kliniken werden nach wie vor nicht voll als Arbeitszeit anerkannt. Und in strukturschwachen Gegenden müssen immer weniger Hausärzte zunehmend einen Knochenjob leisten – ohne deshalb mehr zu verdienen.

Das liegt an der Honorarordnung . Ärzte werden nach Punkten bezahlt – wie viel jeder wert ist, hängt von zweierlei ab: vom Geld, das die Kassen zur Verfügung stellen und von der Gesamtsumme der Punktzahlen. Das hat den netten Effekt, dass mancher umso weniger pro Patient verdient, je mehr er behandelt. Ärzte erbrächten ein Drittel ihrer Leistungen, ohne dafür Geld zu erhalten, sagt Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe auch mit Blick auf unbezahlte Überstunden in den Kliniken. Pro Jahr verschenke man zwölf Milliarden Euro. Und das geplante Bonus-Malus-System bringe das „Fass zum Überlaufen“. Es sieht vor, dass Ärzte, die mehr verordnen als vorgesehen, die Kosten dafür nun auch selber tragen sollen.

Die Misere mag auch damit zusammenhängen, dass zu viele am Honorartopf hängen. Von wegen Ärztemangel: Seit 1992 stieg die Zahl berufstätiger Ärzte um 22 und 2004 nochmal um 0,8 Prozent. Statistisch kommt ein Arzt damit auf 269 Patienten, 1960 waren es 793. Allerdings bleiben die meisten in Ballungszentren – und fehlen in strukturschwachen Gegenden. Das liegt auch an der Sorge ums Geld. Wo weniger Privatpatienten zu erwarten sind, die die Kasse aufbessern könnten, geht man nicht gern hin. Entsprechend erbost sind die Ärzte über Pläne, die Gebührensätze für Privatversicherte denen der Kassenpatienten anzugleichen oder privat Versicherte gar ins gemeinsame Boot einer Bürgerversicherung zu nehmen.

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