Zeitung Heute : Wo geht es hier zur Kranzabwurfstelle?

NICOLA KUHN

Der Architekt Daniel Libeskind stellte seinen Entwurf zum Holocaust-Mahnmal im Marstall vorNICOLA KUHNKönnte das Denkmal nicht zu staatstragend sein? Warum materialisieren Sie die Leere, dieses eigentlich für das Jüdische Museum gefundene Bild der Voids, und durchlöchern sie dann wieder? Was ist, wenn in hundert Jahren die Menschen dieses Mahnmal nur noch schön finden? Entsteht durch die Zugänglichkeit des Mahnmals nicht eine bedenkliche Erlebniswelt? An zwei Händen ließen sich die Fragen an den Architekten Daniel Libeskind anläßlich seiner Präsentation des Mahnmal-Entwurfs ablesen. Und auch Moderator Ernst Elitz mußte resümieren, daß der dritte Kandidat an seiner Seite die wenigste Kritik, dafür die meiste Zustimmung bekommen hatte.Die Runde konnte vorzeitig geschlossen werden, nachdem der Moderator zuvor noch lauernd nach dem Ort für die Kranzniederlegung gefragt hatte.Wohl wissend, daß die Politiker hinter seinem, als besonders repräsentativ geltenden Vorschlag stehen und gerade dieser Aspekt für sie wichtig ist, machte der Künstler gleich mehrere Vorschläge - vor, neben, zwischen den Mauerstrukturen."Und warum sollte man nicht einen würdigen Ort dafür haben?", konterte er. Schon während seines Einführungsvortrages war Libeskind ganz in die Rolle des architectural statesman geschlüpft.Sein Mahnmal mit einer imposanten Höhe von 21 Metern und einer Länge von 142 Metern versteht sich als "Partner", als "drittes Element" in Bezug auf Reichstag und Brandenburger Tor.Libeskind gilt es als Monument der "Berliner Republik".Deshalb komme das Denkmal für die ermordeten Juden Europas auch nicht zu spät, sondern zum genau richtigen Zeitpunkt: Es soll eine machtvolle Rolle im politischen Raum spielen. Kein Wunder also, daß ein Zuhörer - bezugnehmend auf die zerklüftete Wandformation - darum bat: "Können Sie nicht die zerstörerische Spannung erhöhen, damit der Nexus zum Holocaust deutlicher wird?" Ähnlich argumentierte auch der Architekturhistoriker Bruno Flierl.Die in den Entwurf eingezeichneten "intelligiblen" Verbindungen zu Wannseevilla oder Goethe-Denkmal würden in der Realtät nicht sichtbar.Doch auch da blieb Libeskind ganz der diplomatische Erschaffer eines abstrakten Denkmals: Sicherlich gebe es sogar noch mehr Bezugspunkte in der Stadt, doch der Besucher könne und müsse sie nicht alle kennen. Mußte man bei einigen zustimmenden Publikumsbeiträgen für Jochen Gerz in der vorherigen Runde noch vermuten, daß sie "bestellt" waren, wie etwa jene ausführliche Frage einer Teammitarbeiterin, so schien dies bei Libeskind kaum der Fall zu sein.Selbst bei so luziden Exegesen, wie sie der Kunsthistoriker Tilman Buddensieg lieferte.Entgegen seiner Vorrednerin fürchtete er nämlich nicht die staatstragende Wirkung des Mahnmals: "Seine einzelnen Elemente schaffen das Bild einer humanen Unordnung, in der sich die Teile eine eigene Ordnung suchen." Libeskind selbst nickte nur dazu, als könnte sein Werk so oder auch anders verstanden werden.Allein der Titel "Steinatem" setzte die Vorstellung eines Raunens frei.Sein Beginn wurde im Marstall hörbar.

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