Zeitung Heute : Wo geht’s hier zum Krieg?

Sie filmen auf Dächern und in der Wüste. Meistens sich selbst, manchmal Kollegen. Im „Interconti“ sind alle 360 Zimmer bis auf weiteres belegt. 1400 Journalisten machen Amman zum größten Presseclub der Welt. Sie warten auf Neues aus dem Irak, und währenddessen steigen die Preise.

Andrea Nüsse[Amman]

Seine Arbeit ist leicht: Er soll seinen Kollegen bei der Arbeit filmen. So verfolgt der Journalist von „France 5“ den Journalisten von „Radio France International“ auf Schritt und Tritt: Zu Interviews mit Händlern in der Innenstadt, UN-Pressekonferenzen und in sein Büro. Damit hat Vincent de Cointet de Fillain seinen Teil zur Kriegsberichterstattung beigetragen, am Sonntag ist er nach Paris zurückgeflogen.

In Jordanien zurückgelassen hat der Franzose etwa 1400 Kollegen aus aller Welt, die so schnell wie möglich in den Irak wollen. Doch solange Krieg ist, müssen sie aus Jordanien berichten. Es passiert nur leider nicht so viel. Immer noch gibt es keinen einzigen irakischen Flüchtling – nur ein paar kleine, von der Polizei kontrollierte Demonstrationen gegen Bush.

So fahren die Journalisten jeden Morgen in die Altstadt, die lediglich aus drei Straßen besteht. Manchmal muss man lange nach einem Café suchen, in dem noch kein japanisches oder französisches Fernsehteam filmt. Ihnen dürfen Ali, Mohammed und Naim den Unmut der „arabischen Straße“ in die Kameras sprechen. Und dann geht es auch schon zurück ins „Interconti“, das Fünf-Sterne-Hotel – den Dreh- und Angelpunkt des Medienvolks. Der stellvertretende Hoteldirektor Vincent Arnaud freut sich, das alle 360 Zimmer seit Wochen ausgebucht sind. Das jordanische Informationsministerium hat seit jeher sein Pressezentrum im Hotel, hier können sich ausländische Journalisten akkreditieren, Dreh- und Reisegenehmigungen beantragen.

Im zweiten Stock des Hotels – im Ayla Room – finden nachmittags Pressekonferenzen der Vereinten Nationen statt. Wenige Türen weiter – im Pella Room – stellt die britische Regierung ihren Standpunkt vor. Und der jordanische Premierminister Ali Abu Raghib empfängt im Ball Room – dort, wo sonst die jordanische Oberschicht ihre pompösen Hochzeiten feiert – die Weltpresse. Auch das Dach ist beliebt: BBC-Journalistin Lyse Doucet berichtet täglich von dort, bei jedem Wetter. Sie muss nur den Fahrstuhl nehmen.

Lobbyisten der anderen Art

Der eigentliche „newsroom“ aber ist die Lobby. Man muss nur lange genug in den bequemen Sesseln und Sofas sitzen, irgendwann kommen alle Gesprächspartner vorbei. Sei es die Sprecherin des UN-Koordinators für die humanitäre Hilfe im Irak, Veronique Taveau, oder der libanesische Ex-Premierminister Amin Gemayel, der auf Friedensmission in Bagdad war, oder der frühere Chef der palästinensischen präventiven Sicherheitsdienste in der West Bank, Jabril Rajub. Für den interessiert sich dieser Tage nur keiner.

Am Eingang der Lobby hatte der Brite Phil Wood sein handbeschriftetes Pappschild aufgestellt: „Menschlicher Schutzschild aus Großbritannien steht für Interviews zur Verfügung.“ Von weitem glich es den Schildern der Obdachlosen in der Berliner U-Bahn. Der Platz auf dem roten Samtsofa neben dem 42-jährigen Friedensaktivisten, der hier auf der Durchreise nach Bagdad Halt gemacht hatte, blieb rund um die Uhr besetzt.

Der Medienrummel steht in starkem Kontrast zu den spärlichen Informationen über die Ereignisse im Irak. Deshalb befragt die BBC immer abwechselnd Peter Kessler von der Internationalen Organisation für Migration und Geoff Keele von Unicef auf dem Dach des Interconti vor der Kamera. Peter Kessler, Geoff Keele, Kessler, Keele, und so fort.

Die immer gleichen Informationen werden täglich per E-Mail an die Journalisten verschickt und bei den Pressekonferenzen wiederholt. Manchmal bricht die Verzweiflung über die wenigen harten Fakten aus einem der Journalisten heraus, wenn etwa eine britische Kollegin die UN-Vertreter bei einer Pressekonferenz plötzlich fragt, wie lange der Krieg denn noch dauern werde und mit wie vielen Opfern man rechne. Sie bekam keine Antwort.

Und dann sind da auch noch die Hartgesottenen, die davon überzeugt sind, dass die wahren Nachrichten nicht auf Pressekonferenzen im Fünf-Sterne-Hotel zu haben sind. Hunderte von ihnen haben sich seit Kriegsausbruch in Ruweished angesiedelt, dem letzten Dorf vor der irakischen Grenze, 300 Kilometer von Amman entfernt. Volker Albers vom RTL-Nachtjournal ist einer von ihnen. „In Amman gibt es doch keine Story", erklärt der braun gebrannte Mann. Hier sind wenigstens Flüchtlingslager, Truppenbewegungen und außerdem ist es hier näher an Bagdad. Stimmt. Allerdings gibt es bisher nur einige hundert Flüchtlinge aus Drittländern, die sich in dem riesigen Zeltlager verlaufen. Und die amerikanische Botschaft in Amman hat die Presse ausdrücklich gewarnt, während des Krieges die Grenze zu überqueren. Die US-Armee könne einen TV-Wagen nicht von anderen unterscheiden.

Guck in die Luft über der Wüste

Bleibt die Beobachtung des Himmels über der Wüste. Hier erhaschen die Kollegen zumindest einen Blick auf den Anflug der Cherokee-Transporthubschrauber, die auf dem nahe gelegenen Luftwaffenstützpunkt landen. Oder auf startende Jagdflugzeuge. Aber wenn Journalisten dabei beobachtet werden, wie sie Militärflugzeuge filmen, nehmen ihnen die jordanischen Soldaten die Kassette weg. Aufnahmen sind im militärischen Sperrgebiet verboten. Viele Journalisten sind davon überzeugt, dass die US-Armee von Jordanien aus die Flugfelder in der westlichen irakischen Wüste eingenommen hat. Beweisen können sie es nicht.

Vielleicht ist auch einfach die Kulisse für die Fernsehleute im Wüstendorf Ruweished authentischer als in Amman. Dafür nimmt man dann auch einige Unannehmlichkeiten in Kauf. Das einzige Hotel am Ort, das „Arabische Strandhotel“, hatte vor acht Jahren seine Tore geschlossen und war seither langsam verrottet. Dann, als der Ansturm der Journalisten abzusehen war, habe man in Windeseile Strom- und Wasserleitungen gelegt, erzählt Manager Sadel Jaber. Heute sind alle Zimmer für 100 Dollar pro Tag vermietet. Die Toiletten im Erdgeschoss stehen unter Wasser, dafür kommt aus den Duschen keins. Wenn es doch einmal fließt, dann ist es kalt. Im „Bagdad Cafe“ im Erdgeschoss gibt es „Continental Breakfast“ für sieben Jordanische Dinare (zehn Euro), der Einkaufspreis für das labbrige Brot und die Marmelade liegen dagegen bei einem halben Dinar. Das Diner kostet elf Dinare (15 Euro), dafür gibt es eine Hühnchenkeule oder ein kleines Hühnchenschnitzel mit Reis.

Ein geschäftstüchtiger Mitarbeiter des Interconti in Amman hat schräg gegenüber das gepflegtere „La Bocheta“ aufgemacht, wo es Pizza, Salat, Sandwiches und „Sub“ (Soup) gibt. Während die Läden und Werkstätten des Straßendorfes, das sonst von den nach Bagdad fahrenden Lkw lebt, größtenteils geschlossen sind, herrscht im „Kiosk“ Hochbetrieb. „Corriere della Sera“, „Le Figaro“ und „Herald Tribune“ kommen hier jeden Tag frisch aus Amman. Es gibt „alles, was ein Journalist braucht“, wirbt der Verkäufer Mohammed: Deo, Tampons, Kugelschreiber, Notizblöcke, Getränke und Schokoriegel. Nur Zigaretten hat er nicht. Der Laden wird betrieben von „Location Dynamics“, einer cleveren Firma aus Amman, die per Flugblatt den Dienst von Putzfrauen, Kleiderreinigung und Catering Service anbietet.

Aber auch die Einwohner Ruweisheds wollen von der plötzlichen Prominenz ihres Dorfes profitieren. Die ARD-Fernsehkorrespondentin Ute Brucker hat mit ihrer Crew ein Haus mit fünf Zimmern bezogen, der Besitzer ist bei seinen Verwandten untergekommen: Der Preis: 1500 Dollar im Monat.

Volker Albers von RTL hat einen Container neben dem „Strandhotel“ vorgezogen. Die Zimmer sind etwa fünf Quadratmeter groß, zwei Feldbetten und ein Gepäckstück passen gerade hinein. „Aber sauber“, meint Albers zufrieden, auch wenn der kalte Wüstenwind nachts an den dünnen Wänden rüttelt.

Ute Brucker von der ARD war froh, nach einer Woche den Schlafsack im Beduinenhaus gegen das King-Size-Bett im Interconti zu tauschen. Zuletzt hat sie ihre eigene Unterkunft in Ruweished gefilmt. Daraus entstanden ist ein „Weltspiegel“-Beitrag über den Einzug der Weltpresse in das trostlose jordanische Wüstendorf.

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