Zeitung Heute : Wo Grönland tatsächlich grün ist

ULRIKE KÖPPCHEN

Ein Besuch im Süden der größten Insel der WeltVON ULRIKE KÖPPCHEN

Die Maschine von Kopenhagen nach Grönland ist an diesem Sommertag bis auf den letzten Platz gefüllt.An Bord überwiegend dänische und deutsche Touristen - Winterkleidung im Gepäck und im Kopf Bilder aus "Fräulein Smilla": eine gigantische Eiswüste, Eisberge, die auf dem Polarmeer treiben, in dicke Pelze gehüllte Eskimos, die mit ihren Hundeschlitten über die endlose weiße Fläche jagen. Ist es bloße Ironie, daß ausgerechnet die eisige Insel im hohen Norden den Namen Grönland - "grünes Land" trägt? Als es um das Jahr 980 den ersten europäischen Kolonisator Grönlands, den Wikinger Erik, genannt "der Rote", an die Südküste der Insel verschlug, fand er dort fruchtbares, grünes Land vor.Erik, ein notorischer Raufbold, hatte gerade wegen Totschlags drei Jahre Aufenthaltsverbot in seiner isländischen Heimat und vertrieb sich die Zeit seiner Verbannung mit der Erkundung neuer Länder.Das grönländische Weideland erschien ihm um vieles besser als das isländische, und so beschloß er, sich dauerhaft auf dem - wie er es nannte - "grünen Land" niederzulassen. Auf diese Weise kam Grönland zu seinem Namen.Obwohl sich das Klima seitdem abgekühlt hat, trägt der Süden des Landes ihn auch heute noch zu Recht: Im Schutz hoher, schneebedeckter Gipfel trifft man im Innern der tiefen Fjorde auf eine hügelige Seenlandschaft mit fruchtbaren Tälern.Nachfahren der Wikinger wird man hier allerdings vergeblich suchen.Vor knapp 500 Jahren starben die nordischen Siedler aus und haben nur einen Haufen Steine hinterlassen - die Ruinen von einigen der 200 über Südgrönland verstreuten Wikingerhöfe.Und obwohl von den meisten Gebäuden nur noch das Fundament vorhanden ist, sind die steinernen Zeugen der normannischen Vergangenheit neben den hervorragenden Wandermöglichkeiten, die die Gegend bietet, doch der Grund dafür, daß in jedem Sommer mehrere Tausend Reisende Südgrönland besuchen. Die Maschine landet in Narsarsuaq, dem einzigen Flughafen Südgrönlands.Von hier aus werden die Passagiere per Helikopter oder Schiff in die Städte und Siedlungen der Region gebracht.Andere Transportmöglichkeiten gibt es in Grönland nicht, da kein Ort mit einem anderen durch eine Straße verbunden ist.Narsarsuaq ist die grönländische Siedlung, die dem Inlandeis am nächsten liegt, jener gigantischen, 1,8 Millionen Quadratkilometer großen Eiswüste, die bis auf einen schmalen Küstenstreifen die gesamte Landmasse Grönlands bedeckt.Von hier aus ist sie bequem in einer Tageswanderung zu erreichen.Dennoch nutzen die meisten der Reisenden Narsarsuaq nur zum Umsteigen.Die geradezu groteske Häßlichkeit des 160-Einwohner-Ortes stößt viele ab - wenn man den ehemaligen US-Luftwaffenstützpunkt, der nur aus einer langen Landebahn und einigen parallel dazu aufgereihten, umfunktionierten Militärbaracken besteht, überhaupt so nennen darf. In der Abflughalle läuft über Monitore die Übertragung eines Spiels um die grönländische Fußballmeisterschaft, das im 50 Kilometer entfernten Narsaq stattfindet.Nur ein paar Kinder verfolgen das Geschehen auf dem Bildschirm, die meisten Erwachsenen sitzen gelangweilt in ihren Sesseln und warten auf den Anschlußflug.Das Fußballfeld erinnert vage an einen Parkplatz, außerdem gießt es wie aus Kübeln.Beide Mannschaften tragen Regenkleidung über ihren Trikots.Hier dagegen scheint die Sonne, es weht ein kräftiger Föhn, und bei drückenden 19 Grad schwitzt so mancher Reisende in seiner teuren Goretex-Spezialkleidung, die ihn doch eigentlich vor der grönländischen Kälte schützen sollte.Als die Helikopterflüge nach Nanortalik und Qaqortoq angekündigt werden, leert sich der Wartesaal.Auch für uns, die wir zur Weiterfahrt das Schiff benutzen wollen, wird es Zeit zum Aufbruch.Nach einer knappen Stunde Fahrt mit dem Linienschiff erreichen wir Itilleq, eine Anlegestelle inmitten einer menschenleeren Einöde.Von hier aus führt ein breiter Kiesweg ins gut drei Kilometer entfernte Schafzüchterdörfchen Igaliku.Mittlerweile regnet es auch hier in Strömen.Diesmal sind die Goretex-Träger eindeutig im Vorteil. Obwohl nur ein verschlafenes 50-Seelen-Nest, kaum mehr als eine Handvoll bunter Wohnhäuser, Scheunen und Ställe, wird Igaliku im Sommer scharenweise von Touristen heimgesucht.An dieser Stelle lag früher die Wikingersiedlung Gardar, von 1125 bis 1378 grönländischer Bischofssitz und damit eindrucksvolles Symbol für die Blüte der Kolonie im späten Mittelalter.Daß von dem eindrucksvollen Symbol nur noch die Grundmauern erhalten geblieben sind, tut dem Publikumsinteresse keinen Abbruch, denn der Ort an einer Bucht auf der Ostseite der Halbinsel Qaqortoq ist ausgesprochen idyllisch.Selbst bei dem schlechten Wetter leuchten die Wiesen in einem satten Grün, zu dem der rote Igaliku-Sandstein, charakteristische Gesteinsform für die Gegend, einen hübschen Kontrast bildet.Überall weiden Schafe.Wären nicht die Eisberge und die schneebedeckten, hohen Berge im Hinterland, man könnte meinen, in Irland zu sein. Im Flur der kleinen Jugendherberge stapeln sich Plastiktüten mit Gras- und Bodenproben.Wenig später tauchen auch die Besitzer dieses Materials auf: Kenneth Hoegh und sein junger dänischer Kollege sind als Schafzuchtberater für die Regierung tätig und untersuchen, wie die Bedingungen für die Schafzucht auf Grönland verbessert werden können.Wir fragen nach der Bedeutung der Schafzucht für die grönländische Wirtschaft.Kenneth lacht und winkt ab: "Sehr gering.Die 15000 Lämmer, die hier jährlich geschlachtet werden, reichen nicht einmal zur Deckung des einheimischen Bedarfs." Aber, so betont er, es geht darum, die immense Importabhängigkeit des Landes zu reduzieren, das außer dem, was das Meer an Beute hergibt, nichts an Lebensmitteln produziert: "Wenn man Lebensmittel aus dem Ausland importiert, ist das, als ob der Staat zum Einkaufen in den Supermarkt geht.Hat man kein Geld, bekommt man auch nichts.Und das ist unser Problem: Wir haben kein Geld.Ich will damit nicht sagen, man solle versuchen, in Grönland Bananen zu pflanzen, aber von dem, was überhaupt hier möglich ist, müssen wir soviel produzieren, wie wir können." Einmal wöchentlich wird Igaliku direkt von einem Linienschiff der staatlichen Schiffahrtsgesellschaft KNI angelaufen.Es sollte längst da sein, wir sitzen mit unserem Gepäck am Hafen und warten.Die Kassiererin des kleinen Dorfladens, der gleichzeitig Post und Ticketkontor ist, steckt ihren Kopf zur Tür hinaus und teilt uns mit, das Schiff sei "forsinket".Wir sind irritiert: Gesunken? Tückische dänische Sprache ...Verspätet. Schließlich kommt er doch noch, ein schäbig wirkender rot-weißer Kahn, der etwa 25 Passagieren Platz bietet.Ein paar Rucksacktouristen aus Deutschland, der Rest Einheimische, viele Kinder.An der Wand des Passagierraums ein vergilbtes Porträt der dänischen Königin, daneben ein Schild, das auf das Alkoholverbot an Bord hinweist.Zwecklos.Es ist Wochenende, man will sich amüsieren, und die Zahl der leeren Tuborg- und Carlsberg-Flaschen auf den Tischen nimmt mit atemberaubender Geschwindigkeit zu.Seine Bierflasche schwenkend segelt ein alter Mann durch den Raum und singt, wohl um den europäischen Gästen eine Freude zu machen: "Velkommen, Julianehåb!" Julianehåb - der dänische und bis zur Einführung der grönländischen Selbstverwaltung 1979 offizielle Name von Qaqortoq, unserem nächsten Reiseziel."Qaqortoq, Qaqortoq!" schallt ihm ein Chor von Kinderstimmen entgegen.Obwohl sich das Verhältnis von Dänen und Grönländern auf der Insel in den letzten zehn Jahren sehr entspannt hat, ist die Diskriminierung der grönländischen Sprache nach wie vor ein emotionsgeladenes Thema. Es ist bereits Abend, als das Schiff in den Hafen von Qaqortoq einläuft.Die Stadt, mit 3200 Einwohnern die größte des Südens, liegt an einer breiten Bucht, die auf drei Seiten von Bergen eingeschlossen wird.Viele der bunten Holzhäuser sind an den Felshang gebaut, was dem Stadtbild einen Eindruck von Kompaktheit verleiht, wie er für Grönland einmalig ist.Weniger ansehnlich der Norden der Stadt.Hier zeigt der soziale Wohnungsbau der 60er und 70er Jahre sein häßliches Gesicht.Schäbige, mehrstöckige Blockbauten, von denen bereits der Putz abbröckelt.Ein trauriges Mahnmal für die völlig überhastete Modernisierungspolitik der Dänen in den 60er Jahren, die ein bis dahin völlig traditionell lebendes Fängervolk von einem Tag auf den anderen ins 20.Jahrhundert katapultiert hat.Krankenhäuser, Schulen, Fabriken und Zentralheizungen haben auf der einen Seite den Lebensstandard deutlich angehoben, auf der anderen Seite Alkoholismus, Gewalt und Tristesse in die eilig aus dem Boden gestampften modernen Wohnviertel gebracht.Die Antwort steht an der Wand: "IA", das Kürzel von "Inuit Ataqatigiit", derjenigen grönländischen Partei, die am radikalsten für die völlige Unabhängigkeit Grönlands vom Mutterland Dänemark eintritt. Die Schiffahrt von Qaqortoq nach Nanortalik, Grönlands südlichster Stadt, dauert geschlagene elf Stunden.Für die Strapaze entschädigt eine Küstenlandschaft von einzigartiger Schönheit.Eine romantisch-zerklüftete Hochgebirgswelt, steil ins Meer abfallende Felsen, zahllose Schären.Kaum noch Eisberge, stattdessen flache Schollen - Treibeis, das mit dem Polarstrom von der Ostküste kommt.Der Gegensatz zu den sanften Hügeln und grünen Wiesen weiter oben im Norden könnte nicht größer sein - auch Südgrönlands Landschaft hat viele Gesichter.Doch hinter den schroffen Bergen liegen die fruchtbarsten Täler der Insel.Zum Beispiel das "Paradiestal", ein Naturschutzgebiet nordöstlich von Nanortalik: Über 300 Pflanzenarten wachsen in dem schmalen, von hohen Bergen umschlossenen Tal, und hier befindet sich das einzige Waldgebiet Grönlands, ein Birkenwäldchen mit immerhin drei bis vier Meter hohen Bäumen. So malerisch wie die Landschaft ist auch Nanortalik, ein ruhiges, beschauliches Fischereistädtchen mit knapp 1600 Einwohnern.Am Stadtrand das Kolonialviertel aus dem 19.Jahrhundert, die schönste und größte Altstadt Südgrönlands.Eine ganze Reihe von Verwaltungsgebäuden, Wohn- und Lagerhäusern ist noch vorhanden und vermittelt einen lebendigen Eindruck vom Leben in der dänischen Kolonie vergangener Tage.In einem Teil der Gebäude ist heute ein Museum untergebracht, das sehr ausführlich und anschaulich die Geschichte der Region darstellt.Dabei darf auch die Geschichte der Wikinger nicht fehlen: Nicht weit von hier, in der Nähe der Siedlung Narsaq Kujalleq, lag der Hof Herjolfsnes, möglicherweise der letzte Ort, an dem vor ihrem endgültigen Aussterben noch normannisches Leben existierte.Die Verhältnisse in der einstmals blühenden Kolonie hatten sich im 14.Jahrhundert verschlechtert.Die "kleine Eiszeit" brach an, es wurde kälter auf der Insel und das Leben der Wikingerbauern härter und entbehrungsreicher.Letztes Zeugnis ihrer Existenz ist ein Kleiderfund vom Friedhof in Herjolfsnes: Einer der dort begrabenen Toten trug eine "Burgunderhaube", ein Kleidungsstück, das erst in der zweiten Hälfte des 15.Jahrhunderts in Europa in Mode kam - was zeigt, daß zumindest bis zu diesem Zeitpunkt noch Wikinger in Grönland gesiedelt haben müssen.Über die Gründe für das Aussterben der Siedler ist schon viel gerätselt worden: die Klimaverschlechterung oder die Vernichtung der Wikinger durch Piraten beziehungsweise durch die zu diesem Zeitpunkt nach Südgrönland vordringende Eskimobevölkerung.Bisher wurde keine restlos befriedigende Antwort gefunden.Für den jungen Grönländer auf dem Boot, das uns nach Narsaq Kujalleq bringt, ist die Sache allerdings klar - der erste Sieg im antikolonialen Befreiungskampf."We killed them all", verkündet er stolz. GRÖNLAND-TIPS -Anreise: Mit dem Flugzeug von Kopenhagen oder Keflavik (Island).Die Preise schwanken beträchtlich je nach Aufenthaltsdauer und Buchungszeitpunkt, im günstigsten Fall etwa 1200 Mark. -Einreise: Für Bürger der Bundesrepublik genügt zur Einreise der Personalausweis. -Unterkunft: In allen Städten sowie in Narsarsuaq gibt es mindestens ein Hotel (Übernachtung mit Frühstück im Doppelzimmer etwa 200 Mark).Außerdem verfügen einige Siedlungen über Jugendherbergen (etwa 40 Mark pro Person und Nacht).Im Sommer ist eine rechtzeitige Reservierung dringend angeraten! -Klima: Die Durchschnittstemperaturen liegen im Sommer (Juni bis August) bei knapp 10 Grad Celsius.In der Mittagssonne kann es aber bis 20 Grad warm werden. -Kleidung: Spezialbekleidung wie Thermo-Unterwäsche ist in der Regel bei Sommerreisen nach Südgrönland nicht erforderlich, allenfalls dann, wenn man vorhat zu zelten.Sonst reicht gewöhnliche robuste, warme Kleidung völlig aus.Wichtig sind Sonnen-, Regen- und Mückenschutz sowie solides Schuhwerk. -Essen und Trinken: Zu allen Hotels gehören Restaurants, in denen man in der Regel gut, aber teuer ißt (ein Menü rund 50 Mark).Kleine Gerichte sowie Fast Food gibt es in Cafés und Imbißbuden. -Geld: Gültiges Zahlungsmittel sind Dänische Kronen, 1 D-Mark entspricht etwa 3,50 Kronen.Alle Banken und Postämter tauschen Geld und lösen Euro- beziehungsweise Reiseschecks ein.Meist haben die Banken ec-Geldautomaten.Kreditkarten werden nur in Hotels, in den Touristenbüros und am Flughafen akzeptiert. -Literatur: Heinz Barüske, Grönland.Kultur und Landschaft am Polarkreis, DuMont-Verlag 1991; Ulrike Köppchen / Martin Hartwig, Reisehandbuch Grönland, Conrad-Stein-Verlag 1997; Michael Vogeley / Ingrid Ferschau-Vogeley, Grönland mit Baffin Island (Reihe Abenteuer Trekking), Bruckmann-Verlag 1996; Torbjorn Ydegaard, Wandern in Grönland, NORDIS-Verlag 1990. -Auskunft: Grönland Touristik Information, Hirnbeinstraße 3c, 87435 Kempten; Telefonnummer: 08 31 / 523 02 35, Telefaxnummer: 08 31 / 523 02 37. © 1997 Verlag DER TAGESSPIEGEL

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