Zeitung Heute : Wo Jesus zu Hause war

CHRISTOPH STRACK

An den See Genezareth kommen die Touristen nicht zum Baden / Rundwanderweg auch für Nicht-ChristenVON CHRISTOPH STRACK

Trügerisch ruhig liegt der See da in diesen Wintertagen, ein wenig friedlicher als in den touristisch hektischen Sommermonaten.Kalt ist es auch jetzt nicht am See Genezareth, 209 Meter unter dem Meeresspiegel.Zwar kann es im Dezember, Januar und Februar teuflisch unangenehme Regenphasen geben, doch selbst in diesen Wochen lockt das Wasser des Sees noch zum Baden.Und anders als am Süd- und Westufer des Sees, nahe der Stadt Tiberias, lassen sich an seinem Nordufer auch ruhige Flecken finden. Die meisten Besucher kommen indes nicht zum Baden.Strandtage sind andernorts angesagt im Heiligen Land.Hier am See Genezareth wird gepilgert und gebetet, meditiert und Gottesdienst gefeiert.An mehreren Stellen erinnern Kirchen und Kapellen an das Wirken Jesu.Diese verschiedenen Plätze des Gedenkens, im Besitz unterschiedlicher kirchlicher Gruppen, sollen nun durch einen Meditationsweg am Ufer des Sees miteinander verbunden werden - rechtzeitig zum Jahr 2000."Wir wollen den Pilgern und Besuchern eine Möglichkeit geben, an authentischen Stätten des Wirkens Jesu etwas zur Ruhe zu kommen", sagt Bargil Pixner, einer der Motoren der Idee. Das Nordufer des See Genezareth gilt als Heimat Jesu.Den Begriff trifft man häufiger in Israel und Palästina: Bethlehem gilt als Geburtsort Jesu und lebt davon, in Nazareth muß er knappe 30 Jahre lang gelebt haben.Aber vieles vom Wirken Jesu ereignete sich, wie die Evangelien berichten, zwischen den Orten Magdala und Betsaida am Nordufer des Sees, vor allem in Kapernaum und Tabgha, heute längst vergangenen Siedlungen.Dort heilte er, predigte und berief Jünger."Während der zweieinhalb Jahre seiner aktiven Zeit war Jesus in Kapernaum zu Hause", sagt Pixner.Er muß es wissen.Der 76jährige Ordensmann, Prior der Benediktinerabtei Dormitio auf dem Zionsberg, hat viele Jahre in Tabgha gelebt und ist ausgewiesener Kenner der Region mit zuweilen ungewöhnlichem archäologischem Spürsinn.Nun will er, im Vorfeld des Heiligen Jahres 2000, zu dem im Lande Jesu ein Pilger- und Touristenboom erwartet wird, das "evangelische Dreieck" zwischen Tabgha, wo die Brotvermehrung lokalisiert wird, Kapernaum und dem Berg der Seligpreisungen als Meditationsweg gestalten.Für den Ordensmann gibt es hier eine "großartige Übereinstimmung zwischen dem Markus-Evangelium und der Wirklichkeit.Markus hatte eben sehr gute Kenntnisse der Region und der Fischerei-Praxis." Ausflügler und Brachland.Derzeit ist die Region zwischen den beiden Sehenswürdigkeiten fast Brachland."Und das Ufergelände ist verdreckt durch die vielen Ausflügler", klagt Pixner."Plastik, Flaschen, Scherben É" In der Tat brechen spätestens sonnabends, wenn nicht-religiöse Israelis ihr Wochenendvergnügen suchen, Tausende mit Kühltaschen, Klappstühlen und Badezeug in die Beschaulichkeit des Sees ein.Und wo Jesus einst legendär übers Wasser ging, kreuzen heute Segler, Surfer und "Jesus-Boote" für eifrige Beter.Abenteuerlustige können mit dreirädrigen Motorrädern - Mondautos nicht unähnlich - oder zu Pferde die Uferstreifen aufmischen. Pixners Vorhaben des "Herrenweges" hat gute Chancen.Denn auch die Israelis, die nach den jüngsten Einbrüchen im Tourismusgeschäft so große Hoffnungen auf die frommen Gäste des Jahres 2000 setzen, sind von der Idee begeistert.Zeev Margalit, bei der Nationalen Naturparkbehörde für Planungen im Norden des Landes zuständig, findet die Idee reizvoll und hat Hilfe angeboten.Und als es Mitte November auf dem Berg der Seligpreisungen zu einem Spitzentreffen kam, nahmen daran außer Pixner, der Spitze des Italienischen Heilig-Land-Vereins, kirchlichen Vertretern - dem Apostolischen Nuntius in Israel, Erzbischof Andrea Cordero Lanza di Montezemolo, dem Kustos der Franziskaner, Giuseppe Nazzaro, dem Bischof von Nazareth, Giacinto-Boulos Marcuzzo - auch hochrangige Beauftragte des Jerusalemer Tourismus- und des Religionsministeriums teil.Von der Idee des Pilgerweges waren sie alle angetan. Maßgebend sollen, das betonen Pixner wie Margalit übereinstimmend, die Vorstellungen des Italienischen Heilig-Land-Vereins sein.Ihm gehört der Großteil des in Frage kommenden Terrains.Dabei ist die Rechtslage verworren.Ende des vorigen Jahrhunderts, als christliche Gemeinschaften im Heiligen Land verstärkt Grund erwerben wollten und man die genaue topographische Lage von Kapernaum und Tabgha noch gar nicht kannte, verkauften Effendis der Beduinen die Gebiete am See.Einen Teil, 1888, an den Deutschen Verein vom Heiligen Land, einen anderen an die Italiener, einen dritten an die Franziskaner.Und alle bauten sie ihre Kirchen, sei es mit Spendengeldern oder bald mit Mussolinis Hilfe, was heutzutage in der Seligpreisungskirche aber buchstäblich unter den Teppich gekehrt ist. Rasch störte munterer Streit die christliche Eintracht.Anfang der 30er Jahre mußte sogar der Vatikan ein Machtwort sprechen, zog auf der Karte eine Linie vom Seeufer weg, und seitdem ist klar, was den Italienern und was den Deutschen gehört.Lange Jahre hat es seitdem gedauert, bis man wieder miteinander sprach und sich nun richtig verträgt.In dem Kuratorium, das zur Umsetzung des Projekts gegründet werden soll, werden sich eventuell auch deutsche Diözesen engagieren. Aber ein Problem besteht nach wie vor.Vor Jahren hat sich ein findiger israelischer Geschäftsmann mit einem Restaurant nahe Kapernaum am See niedergelassen - auf dem Land der Italiener.Margalit spricht nur von einer "sehr sehr traurigen Geschichte", die die israelischen Behörden unbedingt klären müßten, und will mehr dazu nicht sagen.Andere sprechen deutlich von mafia-ähnlichen Strukturen: merkwürdige Verflechtungen rund um ein wildgebautes Anwesen, das schon zahlreichen Gerichtsurteilen trotzte.Das will so gar nicht zum Geist des Ortes passen.Tabgha und Kapernaum - das sind die absoluten Highlights für christliche Pilgergruppen im Norden des Landes, "im Heiligen Land einer der bedeutendsten Plätze für Christen", meint Margalit.Gut eine Million Besucher kommen Jahr für Jahr hierher.Was man beiden Flecken nicht sofort anmerkt. Tabgha ist eine Idyll unter Palmen, zwischen immerblühenden Bougainvilleen.Die 1982 eingeweihte Brotvermehrungskirche, vom Deutschen Verein vom Heiligen Land über Resten einer byzantinischen Basilika errichtet, ist eines der beeindruckendsten Gotteshäuser des Landes mit konkurrenzlos schönen Bodenmosaiken.Unentwegt drängen Besuchergruppen in die Kirche, und trotz der Mahnungen, in der Kirche von Erläuterungen abzusehen, vermittelt ein Reiseleiter seiner Gruppe auf Deutsch sein Wissen.Vor der Tür spielt ein Musikerpaar Violine, "Danke für die Hilfe für zwei Neueinwanderer aus der Ukraine", heißt es auf einem Schild."Viele Besucher sind froh, uns zu hören", meint Olga.Einer der wenigen Ruhepunkte bei der nicht selten hektischen Tournee durchs Heilige Land. Fünf, sechs, sieben Busse, deren laufende Motoren weit zu hören sind, stehen auf dem nahen Parkplatz.Benzingeruch liegt in der Luft.Gerade zwanzig, dreißig Minuten bleiben die Gruppen in Tabgha, dann zieht die Karawane weiter nach Kapernaum, wo Jesus die Synagoge besuchte und Petrus Familie hatte, oder zum Berg der Seligpreisungen.Per Bus.Von Tabgha nach Kapernaum muß sich der Besucher, egal ob zu Fuß oder motorisiert unterwegs, über die Teerstraße bewegen.Es ist die Verbindungsstraße auf den Golan, die zur Zeit wohl heikelsten Grenze der Region, auf der auch mal ein Panzertransporter der Armee am erschreckten Wanderer vorbeidonnert. Dieser meist hektischen Tournee will Pixner endlich begegnen: "Der Herrenweg soll die Pilger näher an die Bibel, an Jesus Christus und sein Land heranbringen." Vielleicht schafft er es ja tatsächlich, daß sich Reisegruppen dann eine Stunde Zeit für einen - übrigens behindertengerecht gestalteten - Weg am See nehmen.An zehn Punkten sollen Texte auf Begebenheiten aus dem Leben Jesu - die Heilung der Aussätzigen etwa oder die Berufung der Jünger - aufmerksam machen und zur Betrachtung einladen.Für den eingezäunten Uferstreifen hofft Pixner auf schattenspendende Bäume am Wegesrand und Bänke aus Naturstein.Außerdem will die Regierung entlang der Autostraße einen Weg für Radfahrer und Wanderer einrichten. Margalit ist es wichtig, daß der Weg nicht allein für Christen und Besucher aus dem Ausland gedacht ist.Die Beschilderung solle allgemein verständlich sein, auch einheimische Juden und Muslime könnten hier ein Stück ihres Landes kennenlernen.Das Beispiel dafür, daß das oft so friedlich anmutende Land am See längst nicht nur die fromm Pilgernden beeindruckt, liefert der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt.Der, nach eigenem Bekunden "Christ, genauer, Protestant, noch genauer ein sehr merkwürdiger Protestant, einer, der jede sichtbare Kirche ablehnt", gibt in den "Essays über Israel" seinen ganz eigenen Erlebnisbericht von der Fahrt am See. Er bedauert den Bau der Kirche auf dem großartig ansteigenden Berg der Seligpreisungen - "eine Kirche, eine Ideologie, und ich besteige keinen Berg, um eine Kirche zu finden, sondern um die Gewißheit zu haben, mag sie nun eine Täuschung sein oder nicht, hier, auf diesem steinigen Boden hat er die gewaltigste Rede geredet, die ich kenne".Aber dann schreibt er doch, "wenn dieses Gebäude auf dem Berg für mich eine Ideologie ist, so vermag sie für andere etwas Existentielles zu sein: eine heilige Erinnerungsstätte an die Bergpredigt etwa". TIPS FÜR ISRAEL Reisezeit: Wer Isarel besuchen, die heiße Jahreszeit jedoch meiden möchte, kann auch gut im Winter fahren.Die Temperaturen sind zwar kühl, doch kalt wird es nur selten.Badeurlaub im Winter ist allerdings nur am Roten Meer möglich. Anreise: El Al fliegt dienstags, donnerstags und sonntags von Schönefeld nach Tel Aviv.Austrian Airlines dienstags, mittwochs, donnerstags, sonnabends und sonntags ab Tegel über Wien nach Tel Aviv.Lufthansa fliegt täglich ebenfalls ab Tegel über Frankfurt nach Tel Aviv. Einreise: Deutschen Touristen, die nach dem 1.Januar 1928 geboren sind, kann bei der Einreise ein Visum ausgestellt werden, sofern der Reisepaß noch mindestens sechs Monate gültig ist.Ältere Deutsche müssen ein Visum beantragen. Geld: Nichteinwohner Israels dürfen Fremdwährungen ohne Beschränkung einführen.Es empfiehlt sich, erst in Israel ausländische Währung gegen Schekel (NIS) einzutauschen.Rücktausch von Schekel bis zu einem Betrag von 500 US-Dollar bei jeder Bank möglich.Quittungen aufbewahren.Euroschecks werden akzeptiert; obwohl sie in NIS ausgestellt werden müssen, gelten sie als Fremdwährungsschecks, wichtig für den Erlaß der Mehrwertsteuer.Internationale Kreditkarten werden nahezu überall in Hotels, bei Autovermietern und anderen touristischen Einrichtungen akzeptiert. Kleidung: Bei Besuchen der heiligen Stätten an eine Kopfbedeckung denken. Veranstalter: Israel ist eigentlich das klassische Land der Rundreisen, eine Tatsache, die sich auch in den Katalogen widerspiegelt.So bietet zum Beispiel der Berliner Veranstalter Lothar Kögel während er Winterferien (21.bis 28.Februar) eine Reise mit Besuchen in Tel Aviv, Jerusalem, Bethlehem, Nazareth, Galilea, See Genezareth, Akko, Haifa und Cesarea.Im Preis von 2175 Mark sind Flüge mit Lufthansa, Übernachtungen, Rundreise und Halbpension, alle Transfers und Besichtigungsprogramme enthalten.Ein anschließender Badeaufenthalt in Eilat kann zusätzlich gebucht werden.
Auskunft: Lothar Kögel Studienreisen, Hartmannstraße 30, 12207 Berlin; Telefon: 771 30 10, Telefax: 77 13 01 33. Ebenfalls eine achttägige Rundreise hat Unger Flugreisen, Berlin, aufgelegt.Auch hier ist Tel Aviv Ausgangspunkt, neben Jerusalem, Haifa und Jericho werden auch Galiläa und der See Genezareth berührt.Die Reise kostet inklusive Flüge mit El Al ab Schönefeld, Übernachtungen, Rundreise mit Halbpension, allen Transfers und Besichtigungen etwa während der Berliner Osterferien 2195 Mark.Auskunft in Reisebüros oder bei Unger Flugreisen, Wilmersdorfer Straße 126, 10627 Berlin; Telefon: 31 58 50. Auskunft: Staatliches Israelisches Fremdenverkehrsamt, Bettinastraße 62, 60325 Frankfurt; Telefon: 069 / 756 19 20, Telefax: 069 / 75 61 92 22.

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