Zeitung Heute : Wo Lehrer die Uni nicht als Computer-Analphabeten verlassen

ULLA HENNIG

In der Lehrerausbildung an den Universitäten - zumindest im Bundesland Berlin - hat sich das Informationszeitalter bisher noch nicht curricular niedergeschlagen.Die Beschäftigung vor allem mit dem vernetzten Computer für Unterricht, Wissen und Bildung im Rahmen eines erziehungswissenschaftlichen Studiums ist immer noch Privatsache der Lehrenden, aber auch der Studierenden.Zwar werden praktische Kurse angeboten, aber in viel zu geringer Zahl, sie stehen nicht in Verbindung zu den Theorie-Seminaren und lassen die Umsetzung in der Schule völlig unberücksichtigt.

Daß das nicht so sein muß, zeigt ein erst seit kurzem eingerichteter Aufbaustudiengang in den USA: Seit Januar 1998 bietet das kleine Marlboro Graduate Center im amerikanischen Bundesstaat Vermont einen Aufbaustudiengang für Lehrer aus dem Pflichtschulbereich an, der sich "Teaching with Internet Technologies" nennt.Dieser Studiengang dauert ein Kalenderjahr, das heißt, drei Trimester à vier Monate.

Um der persönlichen Situation der Studenten Rechnung zu tragen, finden die Kurse 14tägig freitags und sonnabends vor Ort statt; zusätzlich dazu werden Studien-Materialien und Aufgaben in nicht unerheblichem Umfang übers Internet bereitgestellt.Es wird erwartet, daß jeder Student über einen Zugang zum Internet verfügt, entweder privat oder über seine Schule.Natürlich stellt das Graduate Center auch Internetzugänge zur Verfügung.

Nachdem die Studenten im Grundlagenkurs "Curriculum design und Assessment Theory" sich Kriterien für geeignetes Online-Lernmaterial erarbeitet haben, setzen sie diese Erkenntnis im darauffolgenden Kurs "Designing Educational Materials Online" in die Praxis um, indem sie selbst Materialien in Form von interaktiven Web-Seiten entwickeln.Dabei lernen sie nicht nur die Sprache HTML, sondern auch den Umgang mit Editor-Programmen, Scannern, Tonaufnahmegeräten und Bildbearbeitungsprogrammen.Ebenfalls zum Programm des Kurses gehört das Einrichten von elektronischen Diskussionsforen.

Im Kurs "Strategic Project Planning" verlassen die Studenten ihr College, um zusammen mit Lehrern modellhaft die Integration von Online-Materialien in den traditionellen Unterricht, den Ausbau der Technologie an den Schulen und die notwendige Fort- und Weiterbildung des Kollegiums und der Verwaltung zu planen.

Sie studieren im Kurs "Network Systems" nicht nur die Grundlagen von Netzwerktechnik, sondern diskutieren auch über den Aufbau und die Pflege von Netzwerken an Universitäten, arbeiten sich in Grundlagen von Netzwerk-Hard- und Software sowie den Umgang mit Kommunikationsprogrammen ein.

Auf diesen eher technischen Teil folgt wiederum ein Kurs "Ethics and Intellectual property", der sich mit Fragen des geistigen Eigentums, also auch copyright-Fragen und der Zensur im Internet vor dem Hintergrund der aktuellen Rechtsprechung beschäftigt.

Der Kurs "Online Research in the Disciplines" erfordert von den Studenten, eine Webseite mit Links zu fachspezifischen Unterrichtsmaterialien zusammenzustellen, diese mit einer annotierten Bibliographie zu versehen und Empfehlungen für die Verwendung dieser Materialien im Unterricht abzugeben.

Das Abschlußprojekt "Capstone Project" soll ein professionelles "Portfolio" sein, in dem die Studenten neben einer interaktiven Website Ausführungen zu Curriculumsdesign sowie ein als Hypertext geschriebenes Forschungsprojekt zusammenstellen sollen.

Hier wird einiges an Computerfertigkeiten und -fähigkeiten von den Studierenden verlangt - der Otto-Normalstudent in Berlin wäre mit diesem Programm sicherlich überfordert.Jedoch bietet der Ansatz - die Verbindung von inhaltlicher Auseinandersetzung mit dem Internet als "Lehrmittel" auf der einen Seite und der praktischen Umsetzung auf der anderen Seite durchaus Anregungen für die Lehreraus- und weiterbildung in Berlin.

Die Autorin führt in der Werkstatt "Computer und Bildung" der Fakultät für Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften der HdK Computerkurse für Studierende durch.

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