Zeitung Heute : Wo nichts hilft

Adelheid Müller-Lissner

Beim größten jemals registrierten Ausbruch des Marburg-Fiebers sind in Angola bisher mehr als 180 Menschen gestorben. Wie kommt es, dass das Virus nach Einschätzung der WHO gefährlicher ist als das ebenfalls hochansteckende Ebola-Virus?

Marburg-Virus: Der Name der tödlichen Virusinfektion, an der in dem südwestafrikanischen Land Angola bisher 174 Menschen gestorben sind, erinnert an ein eher beschauliches deutsches Universitätsstädtchen an der Lahn. Tatsächlich wurde das Virus dort erstmals beschrieben, als im Jahr 1967 32 Menschen eine bis dato unbekannte Infektionskrankheit bekamen. Ausgangspunkt waren die Behringwerke. Für die Produktion von Impfstoffen wurden dort Affen gehalten, zuerst waren auch Tierpfleger erkrankt, die afrikanische Grüne Meerkatzen seziert hatten. Auch diese Tiere erkrankten und starben.

Das damals neu entdeckte Virus gehört wegen seines fadenförmigen Aussehens zur Familie der Filoviren. Das Virus wird vor allem in der schweren Krankheitsphase durch den Kontakt mit Exkrementen, Blut, Schweiß und Tränen übertragen, jedoch wahrscheinlich nicht über die Luft. Deshalb infizieren sich vor allem pflegende Angehörige. Und den Helfern droht noch noch eine weitere Gefahr: Gewalt durch Unverständnis. Die vom Bürgerkrieg traumatisierte Bevölkerung reagiert hilflos auf ein Phänomen, das sie sich nicht erklären kann. Aberglaube und Furcht vor dem Unerklärlichen führt zu verzweifelten Angriffen auf Helfer.

In den vergangenen Jahrzehnten gab es weltweit nur selten kleinere Ausbrüche. Unklarheit herrscht trotz jahrelanger intensiver Suche über das natürliche Tierreservoir, in dem die Filoviren überleben und sich vermehren. Da Viren auf ihre „Wirte“ angewiesen sind, können sie es sich nicht leisten, ihre Opfer hinwegzuraffen, wenn sie nicht gewissermaßen über einen „Ersatz“ verfügen. Mensch oder Meerkatze, die dem Marburg-Virus erliegen, bilden nur das Endglied der Infektionskette. Die Krankheit bricht eine Woche nach Ansteckung aus und geht mit hohem Fieber, Kopfschmerzen und schweren, auch durch verschiedene Körperöffnungen austretenden Blutungen einher. Mediziner sprechen wie bei Lassa und Ebola von „hämorrhagischem“ (also mit Blutaustritt einhergehendem) Fieber.

Das Marburg-Virus ist eng verwandt mit dem Ebola-Virus, einem 1976 erstmals bekannt gewordenen Filovirus, das bisher als gefährlicher eingestuft wurde. Nun warnt jedoch die Weltgesundheitsorganisation, bei keiner der bisherigen Ebola-Epidemien habe es derartig viele Todesfälle gegeben wie beim jetzigen Marburg-Ausbruch. Die meisten Todesopfer der seit Oktober wütenden Epidemie sind Kinder unter fünf Jahren. Ihr Immunsystem ist noch nicht ausgereift, und unter schlechten hygienischen Bedingungen sind sie von der Ansteckung mit Krankheiten, die durch Exkremente übertragen werden, besonders gefährdet.

Einen Impfschutz oder Medikamente gegen die Viruserkrankung gibt es bisher nicht. Die hohe Sterblichkeitsrate hat das Vertrauen in die Mediziner schwinden lassen. Fliehende Menschen aus der Provinz schleppen das Virus mit. In mehreren Nachbarländern müssen sich aus Angola einreisende Besucher bereits besondere Untersuchungen gefallen lassen. In Südafrika wurden Rufe nach Vorsorge-Maßnahmen laut.

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