Zeitung Heute : Wo Schwarzgeldwäscher Urlaub machen

Ludmila Rakusan

Russischer Nachrichtendienst zeigt Interesse in BöhmenLudmila Rakusan

Einst besang Johann Wolfgang von Goethe die heilende Sprudelkraft der heißen Quellen vom Karlsbad. Rechnet man die Tage seiner ausgedehnten Aufenthalte in diesem westböhmischen Kurort zusammen, so verbrachte hier der Dichterfürst insgesamt zwei Jahre seines Lebens. Vom Überdruss wohl keine Spur: zu Goethes Zeiten traf sich am romantischen Zusammenfluss der Flüsse Tepl und Eger unterhalb des Erzgebirges noch die europäische Highsociety. Auch der heutige Durchschnittskurgast in Karlsbad würde allerdings manches Kurdirektoren-Herz in Europa höher schlagen lassen: er kommt für 18 Tage, verlangt das Teuerste vom Feinsten, geizt nicht mit Trinkgeldern und wenn er aus der Reihe fällt, entschädigt er das Personal königlich.

Zwar bucht er seinen Kuraufenthalt über sein Reisebüro im Ausland, doch in der Wechselstube seines Hotels lässt er sich allein für seine Nebenausgaben im Schnitt für 2000 USD heimische Währung aushändigen. Elegante Markenboutiquen und zahlreiche Juweliere der Stadt leben von nichts anderem und kommen ihrer Kundschaft voll entgegen: "Goworime poruski" (wir sprechen russisch) steht in großen Lettern an mancher Geschäftstür. Eigentlich ist aber dieser Hinweis überflüssig, denn überall in Karlsbad spricht man russisch. Zehn Jahre nach der Wende scheinen die Zeiten, als die russische Sprache als Symbol für die verhasste sowjetische Besatzungsmacht galt, gänzlich verdrängt zu sein.

Von den rund 32 500 ausländischen Kurgästen in Karlsbad kamen 1997 beinahe zwei Drittel aus der ehemaligen Sowjetunion. Ein Jahr später schon flog die russische Fluggesellschaft Aeroflot einmal wöchentlich Karlsbad aus Moskau an. Inzwischen gibt es die Flugverbindungen mit der russischen Hauptstadt viermal in der Woche. Es ist die einzige regelmäßige Fluglinie von und nach Karlsbad. Sonst landen dort nur noch Privatflugzeuge oder Charter. Die Passagiere aus dem Osten werden von einer vertrauten Gestalt in Empfang genommen: Die gut drei bis vier Meter hohe Statue des ersten sowjetischen Kosmonauten Gagarin, die nach dem russischen Einmarsch von 1968 die berühmte Karlsbader Kolonnade verschandelte, wurde Anfang der 90er vor die Abfertigungshalle des Flughafens ausgesiedelt.

Die Liebe der Russen zu dem westböhmischen Kurort unweit der sächsischen sowie der bayerischen Grenze schlug inzwischen tiefe Wurzeln. Vier- bis fünfhundert russische Staatsbürger, so die sehr vorsichtige Schätzung eines der Maklerbüros, beschafften sich in Karlsbad bereits Haus oder Eigentumswohnung. Als Ausländer mussten sie sich vor dem Kauf lediglich von einer "natürlichen" zu einer "juristischen" Person verwandeln und eine GmbH gründen. Dann stand ihrer Aufenthaltserlaubnis in der Tschechischen Republik so gut wie nichts mehr im Weg. Diese Perspektive ist in Russland zur Zeit wohl verlockend: Für 90 Rubel konnte man in den Moskauer Zeitungsständen unlängst ein Büchlein erwerben, worin eine klare Anleitung zur Übersiedlung in die Tschechische Republik zu lesen war. Die Autoren warben für ein "wirtschaftlich und politisch stabiles Land, das bald EU- Mitglied sein wird". Die Einheimischen seien zwar geizig und berechnend, dafür aber meist friedlich. Das Lebensniveau sei relativ hoch, die Preise niedrig, die Gesundheitsvorsorge gut und fast umsonst, die Immobilien billig. "Die traurige Zeit der Reformen wird in Russland wohl nicht bald zu Ende sein", daher sei es ratsam, rechtzeitig Vorsorge zu treffen und sich ein "neues Vaterland" zu verschaffen. Zum Schluss empfahlen die Autoren, niemandem zu trauen, der für die komplette Vermittlung einer Aufenthaltserlaubnis in Tschechien weniger als 3000 US-Dollar verlange.

Laut der Karlsbader Journalistin Ivana Kalinova bringen die russischen Neureichen, die ihre Millionen im Chaos der untergegangenen Sowjetunion beiseite gescheffelt hatten, vorläufig oft nur ihre Frauen und Kinder in Karlsbad unter. Der Sohn des stellvertretenden Bürgermeisters Zdenek Roubinek beispielsweise wurde im letzten Herbst zusammen mit fünf russischen Kindern eingeschult. Das innige Interesse der Russen an Karlsbad erklärt sich der junge Stadtvater aus der Geschichte seiner Stadt. Früher kam der russische Adel hierher. Heute gilt es in Russland als besonders chic, in dessen Spuren zu wandeln: "Karlsbad verkauft sich in Russland von allein, wir als Stadt machen dort keine gezielte Werbung, keine großen Präsentationen", meint Roubinek. Die Werbung aber - und den Profit- machen andere: Mindestens 30 Prozent der gesamten Kapazität der rund 8300 Gästebetten in Karlsbad gehört inzwischen Firmen aus der ehemaligen Sowjetunion.

In den besonders attraktiven Lagen in der Innenstadt macht der Besitzeranteil dieser Gesellschaften bereits rund 60 Prozent. Kürzlich kam der Sanatorium-Komplex Regina-Rozkvet hinzu. Gekauft wurden die verkommenen Häuser direkt an der Uferpromenade von der Firma "Litprom s.r.o.", vertreten durch ein neunzehn Jahre altes Mädchen aus dem nahen Städtchen Ostrov und einen russischen Staatsbürger namens Lilia Bakalenjinik. Als Gegenstand der geschäftlichen Tätigkeit der Litprom-GmbH wird laut Angaben im Handelsregister lediglich "Ein- und Verkauf von Waren" angegeben. "Auf solche Geschäfte haben wir nicht den geringsten Einfluss, weil sie unter Privatpersonen abgewickelt werden", gesteht der stellvertretende Bürgermeister Roubinek.

Zu Beginn der 90-er Jahre wurden in Karlsbad die einzelnen staatlichen Kurhäuser an tschechische Staatsbürger versteigert. Hinter mancher übertriebenen Offerte witterte man damals deutsches Kapital. Teilweise kam das Geld in der Tat aus Deutschland: das frühere Kurhaus des Schriftstellerverbandes beispielsweise ging mit Hilfe eines tschechischen Strohmanns an einen in Berlin stationierten sowjetischen Offizier über, dem Verbindungen zur Unterwelt nachgesagt wurden. Die Stadtverwaltung erfuhr davon erst, als man versuchte, die Kundschaft dieses Kurhauses nach deutschem Preisniveau abzukassieren. Das russische Flaggschiff in Karlsbad, der feine Hotelkomplex Bristol dagegen kam nie unter den Hammer.

Vor der Wende verkehrten in dem eindrucksvollen Prunkbau aus dem Jahre 1890 ausschließlich die Angehörigen der kommunistischen Oberschicht und ihre diskreten Gäste. Gern legten dort auch islamische Terroristen Erholungsurlaub zwischen ihren Einsätzen in der Welt ein. Nach 1989 verwandelte sich das staatliche Sanatorium flugs in eine Aktiengesellschaft und entging somit der Privatisierung auf üblichem Weg. Seit 1997 gehört Bristol zusammen mit weiteren neun Kurhäusern der russischen Gesellschaft "Promtech s.r.o", vertreten durch Boris Kotscherow. Dieser ehemalige Kameramann der staatlichen sowjetischen Filmgesellschaft Mosfilm investiere, so die offizielle Erklärung, in dem westböhmischen Kurort sein Kapital. Inzwischen fanden auch die Moskauer Stadtväter Gefallen an Karlsbad.

Das Rathaus der russischen Hauptstadt erstand dort das fünfstöckige Kurobjekt "Venezuela" und verwandelte es in den schmucken "Moskauer Hof". Zwei frisch renovierte Häuser in bester Lage gegenüber dem Grandhotel Pupp stehen dagegen leer. Das Gerücht geht um, dass sie für das frühere russische Staatsoberhaupt Boris Jelzin reserviert waren, der aber, nachdem um seine Familie der Verdacht auf Geldwäsche auftauchte, nicht mit seinem Reichtum klotzen wolle.

Einer anderen Version zufolge handle es sich um das künftige Domizil des kasachischen Präsidenten Nasarbajew. Vorstellbar wären jedoch auch andere Zweckdienlichkeiten. In seinem 1997 für die Regierung erstellten Geheimbericht stellte der tschechische Verfassungsschutz BIS fest, dass die russischen Nachrichtendienste dabei sind, im Westen und Süden der Tschechischen Republik ihre Positionen auszubauen, um aus diesen Basen ihre Operationen gegen Drittländer zu leiten: "Laut Informationen des BIS wurden dafür beispielsweise 30 Millionen US-Dollar für den Einkauf der Immobilien im westböhmischen Grenzland, insbesondere in der Region von Karlsbad, bereitgestellt. Die Immobilien werden offiziell für das russische Außenministerium, aber auch für andere russische Zentralorgane und Institutionen eingekauft", schrieben die tschechischen Verfassungsschützer. Man müsse voraussetzen, fügten sie in ihrem Geheimbericht aus dem Jahre 1997 hinzu, dass Tschechien "als ein künftiges NATO-Mitglied mit einer erst allmählich auszubauenden Standard-Struktur in den Beziehungen zu anderen NATO-Ländern im Bereich der Sicherheit, der Nachrichtendienste und der militärischen Kooperation ein relativ einfaches Objekt des Interesses von russischen Geheimdiensten ist, die sich auf diesem Wege den Zutritt zu vertraulichen und in den alten NATO-Ländern erheblich schwerer zugänglichen Informationen verschaffen wollen". Auch müsse man damit rechnen, dass die russischen Agenten über die Tschechische Republik das Embargo auf hochentwickelte Technologien und wissenschaftliche Informationen durchbrechen wollen.

Der Vorsitzende des Sicherheitsausschusses im Senat, Michal Zantovsky, warnte vor wenigen Wochen erneut, dass die russischen Geheimdienste eine "reale Bedrohung und konkretes Sicherheitsrisiko" für Tschechien darstellten und forderte endlich die Einführung der Visa-Pflicht gegen die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Die Bedenken der Verfassungsschützer stoßen in Karlsbad kaum auf offene Ohren. Das ganze Problem sei ohnehin dem Westen zuzuschreiben, denn ohne die vielen westlichen Hilfsgelder, die in Russland offensichtlich mühelos veruntreut werden durften, wären die Russen weiterhin arme Schweine geblieben. Jetzt aber verpulvern sie ihr Geld nicht nur, sondern investieren es, wie in Karlsbad, in großzügige Modernisierungsmaßnahmen. "Wir hofften auf solide Investoren aus dem Westen, oft sind jedoch nur Spekulanten gekommen", meint der städtische Kurdirektor Oldrich Holy. Gegenüber auf dem Flussufer legt davon die verkommene Bauruine eines Kaufhauses, von einer Nürnberger Firma bereits vor Jahren erstanden, ein stilles Zeugnis.

Das verwahrloste Kurbad I, einst zu recht Kaiserbad genannt, hängt nach einem missglückten Versuch, es einem Investor aus Belgien anzuvertrauen, wieder der Stadtverwaltung am Hals. Der Hochbau des Hotels Thermal, in den 70-ern allein für die alljährlichen Filmfestspiele gebaut, wurde von einem cleveren Interessenten aus Libanon im Handumdrehen weiterverkauft, jedoch nie bezahlt. Am liebsten würde Kurdirektor Holy nun internationale Hotelketten in Karlsbad sehen, die mit ihrem Namen Spitzenklientel aus dem Westen anlocken. Bisher aber wartet er vergebens.

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