Zeitung Heute : Wo sich die Klingen kreuzen

Freude auf den Gegner: Warum Wieland nach Brandenburg will

Katja Füchsel

Zumindest seinem Handy ist das alles zu viel. Die permanenten Anrufe von Freunden, Bekannten und Kollegen, die wissen wollen: Ist es wahr, dass er nach Brandenburg wechseln wird? Als Spitzenkandidat über die märkischen Dörfer tingeln will? Er, Wolfgang Wieland, der Grünen–Mitbegründer, das Berliner Urgestein? „Das traf sie völlig unvorbereitet“, sagt Wieland. Seinem Handy ist heute bereits vormittags der Saft ausgegangen.

Bald ist Wieland, 55, voraussichtlich wieder da angekommen, wo er sich am wohlsten fühlt: in der ersten Reihe. Als Spitzenkandidat, der die Bündnisgrünen bei der Wahl am 19. September nach langer Pause endlich wieder in den Potsdamer Landtag führen soll. „Als eine Art Lokomotive“, sagt Wieland –, der dafür noch manches in Bewegung bringen muss: Auf gerade mal 1,9 Prozent kam seine Partei bei den letzten Landtagswahlen, die neuesten Prognosen stellen immerhin vier Prozent in Aussicht. „Es gibt eine Chance“, sagt Wieland am Sonntag gutgelaunt in Potsdam. Gerade hat der Landesvorstand seine Kandidatur „einhellig begrüßt“.

Die Berliner Politik hat dem sprachgewaltigen Rechtsanwalt derzeit nicht mehr viel zu bieten: Den Fraktionsvorsitz gab Wieland vor einem Jahr an die jüngere Generation ab, am liberalen Innensenator Erhart Körting (SPD) kann sich der Rechts- und Sicherheitsexperte Wieland kaum reiben. Aber in Brandenburg, da sitzt Wielands „alter Lieblingsgegner“: der frühere Berliner Innensenator und jetzige CDU-Spitzenkandidat Jörg Schönbohm. Wieland freut sich offenkundig, mit dem ehemaligen Bundeswehrgeneral bald wieder die „Klingen zu kreuzen“. Über Zuwanderung zu streiten, die Länderfusion… „Der General macht eine falsche Politik“, sagt Wieland grinsend, „aber die macht er gut.“

Für Wieland, den Mitbegründer der „Alternativen Liste“, ist es die Chance, noch einmal Großes zu leisten. Nach langen Jahren der Opposition und einem kurzen Intermezzo als Berliner Justizsenator. Seit jeher brilliert Wieland, der analytische Kopf, im Berliner Abgeordnetenhaus durch Wortwitz und ironische Übertreibung. Er war der einzige Parlamentarier, der in den Zeiten der großen Koalition dem CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky als Redner und Taktiker gewachsen war. Immer wieder attackierte Wieland die Doppelfunktion des Bankers und Politikers. Als die große Koalition 2001 am Banken- und Spendenskandal zerbrach, rückte der grüne Fraktionschef zum Übergangssenator auf und packte in sieben Monaten an, was andere sich für eine gesamte Legislaturperiode vornehmen. Doch schließlich schlossen sich SPD und PDS zur rot-roten Regierung zusammen, und Wieland fand sich wieder da, wo er schon die letzten Jahrzehnte gesessen hatte: in der Opposition. „Das war bitter“, lautet Wielands knappes Fazit.

Vom Abgeordnetenhaus aus musste Wieland zusehen, wie seine einstigen Berliner Mitstreiterinnen Renate Künast und Michaele Schreyer in die Bundes- und Europapolitik aufrückten – und wie der Berliner Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele im Scheinwerferlicht der CDU-Spendenaffäre eine zweite Karriere erlebte. Als im vergangenen Winter die Bundesvorsitzenden Claudia Roth und Fritz Kuhn ihre Parteiämter abgeben mussten und Wieland als möglicher Nachfolger ins Gespräch kam, winkte der Berliner Landespolitiker ab. Nicht das Amt, die Methode habe ihn gestört. „Per Zuruf kann man nicht Vorsitzender werden.“

Wieland sagt, dass er keine Lust hat, jetzt „als Kandidat in Reihe 15“ auf die nächste Bundestagswahl zu warten. Dass ihn stattdessen Brandenburg „als neue Herausforderung“ reizt. Der Landesverband macht nicht den Fehler, den Wessi Wieland als einzigen Kandidaten ins Rennen zu schicken. Gemeinsam mit der Bundestagsabgeordneten Cornelia Behm soll der gebürtige Berliner die Doppelspitze bilden. Sie kommt aus der DDR-Bürgerbewegung und hat in Kleinmachnow und im Kreis Potsdam-Mittelmark Kommunalpolitik gemacht. Eine endgültige Entscheidung soll nach einem Gespräch mit dem Landessprecherrat am 24. Januar fallen. Spätestens drei Monate vor der Wahl will Wieland, der sich in Berlin zuweilen schon „wie der letzte Mohikaner“ fühlt, sein Mandat niederlegen und sich außerhalb der Stadtgrenze einen Wohnsitz nehmen. Es kommt Bewegung ins Leben von Wolfgang Wieland. „In Brandenburg bin ich ein neuer Indianer.“

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