Zeitung Heute : Wo steht Deutschland? Patente Angebote

Paul Janositz

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ERFINDUNGEN

UND PATENTE

Weltspitze oder nur Mittelmaß? Der Tagesspiegel beleuchtet, wie Deutschland im internationalen Vergleich abschneidet.

„Ohne Innovationen gäbe es keine technische, volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft“, sagt Jürgen Schade, Präsident des Deutschen Patentamtes in München. Glaubt man Dieter Brucklacher, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, dann sieht es hinsichtlich der Neuerungen in Deutschland mittlerweile gut aus: „Der Knoten ist geplatzt“, sagt er.

Innovationen bilden die Grundlage für neue Produkte, die auf dem Weltmarkt bestehen können. Und Brucklachers Branche boomt nicht mehr nur im Export. Auch die Inlandsnachfrage stieg im ersten Halbjahr 2006 um fast 20 Prozent. 8000 neue Stellen seien in den vergangenen 15 Monaten geschaffen worden, weitere sollen dazukommen.

Brucklachers optimistische Sicht wird durch Zahlen des Statistischen Bundesamtes bestätigt, wonach die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal 2006 um 2,4 Prozent und damit so stark wie seit fünf Jahren nicht mehr gewachsen ist.

Das wirtschaftliche Ergebnis steht aber erst am Ende des Innovationszyklus. Den Anfang bildet die Grundlagenforschung an Hochschulen und außerhalb der Universitäten – da ist Deutschland traditionell stark. Auch bei den Erfindungen liegen deutsche Tüftler international gut im Rennen, meldet das Bundesforschungsministerium (BMBF) und beruft sich auf eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe. Deutsche Unternehmen konnten zwischen 1991 und 2001 die Zahl ihrer Patentanmeldungen in Europa, den USA und Japan fast verdoppeln. Gemessen an der Zahl der Erwerbspersonen liegt Deutschland damit vor den USA, Großbritannien und Frankreich.

Das „Land der Ideen“ sei nicht nur ein PR-Schlagwort, meint Patentamtschef Schade. Die Zahl der 2005 hierzulande angemeldeten Patente ist mit 60 222 gegenüber dem Vorjahr um fast zwei Prozent höher – 48 367 davon kamen aus Deutschland. Dazu kommen 23 703 Patente, die deutsche Erfinder bei der entsprechenden europäischen Behörde angemeldet haben. Das seit fünf Jahren anhaltend hohe Niveau von Patentanmeldungen hat sich aber lange Zeit nicht wirtschaftlich bemerkbar gemacht – erst seit ein paar Monaten wird ein deutlicher Aufschwung diagnostiziert: „Wir tun uns immer noch schwer damit, aus Patenten auch verkaufsfähige Produkte zu machen“, sagt Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft in München. Der Arbeitswissenschaftler plädiert für eine Offensive, um Forschung schneller in Patente und diese konsequenter in Produkte umsetzen zu können. Neues Denken sei auch in der Wirtschaft wichtig, wo Entwicklung und Marketing oft nebeneinanderher liefen.

Mit dem Innovationsrat, der Experten aus Wirtschaft und Hochschule zusammenführt, sieht Bullinger die Politik auf dem richtigen Weg. Diese schon von Ex- Bundeskanzler Gerhard Schröder eingeschlagene Strategie setzt Bundesforschungsministerin Annette Schavan mit der Ausrufung einer HightechInitiative fort. Dort sollen Experten aus Hochschule und Wirtschaft aussichtsreiche Technologiefelder identifizieren und dann Maßnahmen entwickeln, sie erfolgreich zu bestellen.

Gegenüber dem Ausland brauchen sich Deutschlands Akteure nicht zu verstecken – auch wenn es hier kein Massachussetts Institute of Technology gibt, das als Zentrum angewandter Forschung weltweit Maßstäbe setzt. Doch in den USA gebe es auch „lausige Provinzuniversitäten, die von jeder deutschen Hochschule übertroffen werden“, sagt Bullinger. Der entscheidende Vorteil amerikanischer Existenzgründer sei aber die deutlich größere Bereitschaft der dortigen Banken, Risikokapital zur Verfügung zu stellen.

Neben einer positiveren Einstellung gegenüber technologischen Neuerungen bei den Finanziers wünscht sich Bullinger noch eine größere Bereitschaft der Jugend, technische Berufe zu ergreifen. Hier ist Deutschland innerhalb Europas ins Hintertreffen geraten: „In Deutschland kommen auf Tausend Einwohner gerade mal achteinhalb Studierende natur- oder ingenieurwissenschaftlicher Fächer“, sagt Bullinger. In Irland liege diese Zahl bei über 25. Das Image von Technik und Naturwissenschaften zu verbessern, wäre also eine Neuerung, die Deutschland gut gebrauchen könnte.

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