Zeitung Heute : Woher der Wind weht

Das Klima spielt verrückt. Stürme toben über das Land. Innerhalb von Stunden wechseln die Temperaturen von eisiger Kälte in Frühjahrswärme. Menschen fragen sich, ob das Wetter schon immer so launisch war. Oder ob nicht doch die Erderwärmung eine Rolle spielt.

Gideon Heimann,Dagmar Dehmer

Von Gideon Heimann

und Dagmar Dehmer

Unwetter im Süden – Schnee und Blitzeis im Norden. Was sind die Ursachen?

Deutschland liegt seit einigen Wochen unter einer so genannten Grenzwetterlage: Während im Westen mancherorts bereits 13 bis 14 Plusgrade gemessen wurden, lag der Osten unter einer Kälteglocke, die im Dezember 16 Eistage mit Temperaturen unter null gebracht hat. Die Kälte stammte aus subpolarer Luft, die sich über Nordrussland und Skandinavien ausgebreitet hatte.

Wie kommen die großen Temperaturunterschiede zu Stande?

Kälte aus dem Nordosten ist im Winter nicht ungewöhnlich. Schließlich heizt die Sonne zurzeit im Süden unserer Erde kräftig. Nördlich des Polarkreises ist sie jetzt nie zu sehen. Und die paar Stunden, die sich die Sonne bei uns zeigt, reichen nicht aus, um Wärme zu bringen. Dagegen ist die Luft, die vom Atlantik her zu uns strömt, in der Nähe des Äquators erwärmt worden – entweder durch die Sonne oder beispielsweise durch den Golfstrom. Beide erwärmen die Luft, diese tankt Feuchtigkeit auf und bewegt sich nach Osten. Wenn diese beiden Systeme aufeinander prallen, wird es interessant: Ist die Wärme stärker, drängt sie die Kälte zurück. Gelingt ihr das nicht, kühlt sie schnell ab. Ihre Feuchtigkeit kondensiert, es regnet kräftig – und zwar umso stärker, je größer die Temperaturunterschiede an der Stelle des Aufeinandertreffens sind.

I n Berlin änderte sich die Temperatur in wenigen Stunden um etwa 20 Grad Celsius. Wie ist das zu erklären?

Das Tief vom Atlantik war schnell vorangekommen, hatte viel Regen mitgebracht, der hier fiel. Erwärmtes Wasser enthält viel Energie – die hat es in wärmeren Gegenden gespeichert. Diese Energie wurde nun freigesetzt. Die Berliner Luft nahm die Wärme sofort auf. Der gefrorene Boden dagegen brauchte länger, um sich zu erwärmen. Deshalb gab es anfangs „Blitzeis“, das erst mit dem weiteren Nachschub an Warmwasser vom Himmel wieder abtauen konnte.

Kommen unsere Jahreszeiten durcheinander – Frühlingstage im Winter und Eiseskälte im Sommer?

Nein. Im Wettersystem unserer Erde gibt es einige grundlegende Abläufe: Die Sonne heizt, die Wärme verteilt sich über Luft und Gewässer von den warmen zu den kalten Stellen. Wie das geschieht, ist von vielen Einflüssen abhängig. Deshalb kann das Wetter vor Ort auf die Menschen chaotisch wirken. Die Wissenschaft rechnet dagegen mit Wahrscheinlichkeiten. So ist es unwahrscheinlich, dass es in Deutschland im Dezember 35 Grad warm wird. Aber es ist schon möglich, dass die Temperaturen mal bei zehn Grad oder sogar noch etwas höher liegen.

Gab es früher schon solche Phasen, in denen das Wetter besonders unruhig war?

Solche Phasen gab es durchaus. Im Winter 1978/79 wurden im Norden Deutschlands 18 Minusgrade gemessen, im Süden waren es 15 Plusgrade. Anderes Beispiel: Im März 1965 gab es 30 Zentimeter Neuschnee, und am 1. Mai 1970 fielen dicke Schneeflocken.

Welchen Einfluss hat der Treibhauseffekt auf unser Wetter?

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat die Wetterdaten von 1881 bis 1998 untersucht und seit den 70er Jahren deutliche Veränderungen festgestellt. Danach verstärken sich westliche Winde in den Wintermonaten in Europa. Die Folge sind mildere und ungewöhnlich feuchte Winter. Gleichzeitig nehmen extreme Wetterereignisse wie Stürme und starke Regenfälle zu.

Rhein, Main und Mosel führen Hochwasser. Droht eine neue Flutkatastrophe?

Eine Flut wie in diesem Sommer wird es wohl nicht werden. Aber dass Hochwasser häufiger auftritt, ist unbestritten. Das liegt zum einen an der Klimaerwärmung. In den vergangenen 100 Jahren stieg die Durchschnittstemperatur um rund 0,7 Grad Celsius. Zum anderen liegt es daran, dass die Flüsse zu wenig Platz haben, um das Wasser bei starkem Regen abzuleiten. Da gleichzeitig immer mehr Flächen versiegelt werden, kann das Wasser auch nicht versickern und fließt umso schneller in die Flüsse.

Der Orkan in Süddeutschland erreichte Geschwindigkeiten bis 200 Stundenkilometer. Wie ist das zu erklären?

Tiefs drehen sich auf der nördlichen Erdhalbkugel gegen den Uhrzeigersinn. Sie schaufeln also mit ihrem südlichen Ausläufer die Wärme aus dem Süden heran. Da dort dann die Temperaturunterschiede am größten sind, tobt sich auch die Energie dort am stärksten aus.

Sind die Stürme heftiger geworden als früher?

Heftige Wirbelstürme hat es überall auf der Welt schon früher gegeben. Hurrikane erreichen sogar Windgeschwindigkeiten zwischen 250 und 300 Stundenkilometern. Die Wetter-Statistiker sind der Meinung, dass die Zahl der Stürme zugenommen hat.

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