Zeitung Heute : Wohin der Terror führt

Im Nordwesten Pakistans haben islamistische Stammeskrieger ein Friedensabkommen mit der Regierung gekündigt. Wie sehr stärkt das die Taliban und Al Qaida in der Grenzregion zu Afghanistan?

Frank Jansen

Als habe Al Qaida die Amerikaner gezielt verspotten wollen, verbreitete die Terrororganisation am Wochenende das neue Video mit Bildern von Osama bin Laden – das auf ihn ausgesetzte Kopfgeld hatte der US-Senat am Freitag auf die astronomische Summe von 50 Millionen Dollar verdoppelt. Doch es bleibt fraglich, ob Geld einen pakistanischen Stammesführer bewegen kann, bin Laden auszuliefern. In den von Paschtunen-Stämmen beherrschten Gebieten an der Grenze Pakistans zu Afghanistan gilt der Ehrenkodex „Paschtunwali“ mehr als jedes Gesetz. Darauf können sich bin Laden und sein Vize Aiman al Sawahiri seit fast sechs Jahren verlassen.

Außerdem hatten Islamisten mit der Regierung ein Friedensabkommen geschlossen. Die Krieger haben es nun, nach dem Sturm der Armee auf die Rote Moschee in Islamabad, gekündigt. Jetzt flieht die Bevölkerung aus Teilen der Stammesgebiete; Extremisten greifen Soldaten an. Ob die Unruhe bin Laden und Sawahiri in Bedrängnis bringt, ist offen.

Die Gewährung von Unterschlupf und Gastfreundschaft sind für die Stämme zentrale Werte. Ein Paschtune, der bin Laden oder Sawahiri verriete, würde seine Ehre verlieren. Deutsche Sicherheitsexperten fragen sich allerdings, ob nicht der pakistanische Staatschef Pervez Musharraf insgeheim die Probleme in den Stammesgebieten nutzt – als wohlfeile Antwort auf Fragen des Westens, warum es nicht gelingt, bin Laden und Sawahiri auszuschalten.

Dass sich die Al-Qaida-Spitze in Wasiristan, das zu den „tribal areas“ zählt, versteckt halte, habe für Musharraf Vorteile, sagen Experten. Erstens: Solange bin Laden und Sawahiri weiter agierten, sähen sich die USA gezwungen, Pakistan zu helfen. Militärisch, politisch, finanziell. Ohne bin Laden, sagt ein Fachmann, wäre Pakistan für die USA nur halb so interessant. Musharraf müsste fürchten, dass die Amerikaner sich stärker Indien zuwenden, dem ewigen Rivalen Pakistans. Der Besuch von US-Präsident George W. Bush in Indien im März 2006 hat die pakistanische Regierung beunruhigt – zumal bei der Visite ein Abkommen geschlossen wurde, das der Atommacht Indien den Zugang zu westlicher Technik gewährt. Die USA wollen Indien als Gegenmacht zu China aufbauen. Pakistan verfügt zwar auch über Atomwaffen, fürchtet aber, im Dauerkonflikt mit Indien um Kaschmir in eine noch schwächere Position zu geraten. Also muss Musharraf die USA an sich binden – das geht am besten in einem gemeinsamen, lange dauernden Antiterrorkampf.

Als zweiten Grund für das vermutete Doppelspiel Musharrafs nennen Experten das strategische Interesse Pakistans an Afghanistan. Pakistan müsse vermeiden, von Indien und Afghanistan in die Zange genommen zu werden. Deshalb hatte Pakistan die Taliban aufgezogen, die einst fast ganz Afghanistan eroberten und Al Qaida beherbergten. Musharraf vollzog nach dem Einmarsch der US-Armee 2001 in Afghanistan einen Schwenk, doch vor allem Teile des pakistanischen Geheimdienstes ISI unterstützen nach Ansicht deutscher Experten weiter die Taliban. Außerdem verbot Musharraf den Amerikanern Antiterroreinsätze auf pakistanischem Gebiet. So konnten die Taliban und Al Qaida ein Refugium etablieren. Die periodischen Angriffe der Armee bewerten westliche Experten als unzureichend und zum Teil als Alibiaktionen.

Al Qaida und die Taliban sind wieder erstarkt. In Camps werden Selbstmordattentäter für Einsätze im Westen ausgebildet, wie die Taliban im Juni per Video kundtaten. Möglicherweise haben auch Deutsche dabei geübt. Im Juli und im Juni nahm die pakistanische Polizei vier Deutsche und einen in der Bundesrepublik gemeldeten Staatenlosen fest. Mit den Männern befasst sich jetzt der Geheimdienst ISI.

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