Zeitung Heute : Wohl behütet

Adelheid Müller-Lissner

Bischof Walter Mixa sagt, es sei inhuman, Kleinkinder in Krippen zu betreuen . Schadet es Kindern, wenn sie bereits in den ersten Lebensjahren in Kitas untergebracht werden?


Der Londoner Entwicklungspsychologe Jay Belsky, einer der weltweit führenden Forscher auf diesem Gebiet, sieht die Frage grundsätzlich gelassen – weil er an den großen Einfluss des Elternhauses glaubt. „Wenn Gott Sie vor die Wahl stellte, ein Kind in einer gut funktionierenden Familie aufwachsen und gleichzeitig tagsüber in einer lausig schlechten Kita betreuen zu lassen – oder es umgekehrt in eine schlecht funktionierende Familie zu geben, aber bei guter Tagesbetreuung“, dann gäbe es keinen Zweifel, sagt er: „Sie müssen das Erste wählen!“ Die Auswirkungen von Faktoren wie Eltern-Kind-Beziehung, Familieneinkommen oder Depressionsneigung der Mutter wirken auf das Kind nämlich auf jeden Fall „überwältigend“, so der Entwicklungspsychologe.

Dass der Einfluss der Eltern groß bleibt, auch wenn das Kind „ganztags“ von anderen betreut wird, ist eines der wichtigsten Ergebnisse der Study of Early Child Care (SECC), die unter Belskys maßgeblicher Mitwirkung seit 1991 in den USA läuft. Das National Institute of Child Health and Human Develoment (NICHD) hatte das Langzeitprojekt, bei dem über 1000 Kinder aus verschiedenen Regionen der USA insgesamt 15 Jahre lang beobachtet werden sollen, damals ins Leben gerufen, weil auch jenseits des Atlantiks die Frage der bestmöglichen Kinderbetreuung die Gemüter erhitzte.

Neue Erkenntnisse liefern nun Ergebnisse einer Teilstudie des NICHD-Projekts, die Auswirkungen der Betreuungsform auf schulische Leistungen und Sozialverhalten bis ins zwölfte Lebensjahr verfolgen. Kinder, die schon früh in einer öffentlichen Einrichtung betreut werden, so zeigt der jetzt in der Fachzeitschrift „Child Development“ veröffentlichte Teil der Untersuchung, verfügen später nicht nur über einen etwas schlechteren Wortschatz als Altersgenossen, die als Kleinkinder tagsüber von Eltern oder Tagesmüttern betreut worden waren. Sie haben zudem mehr Schwierigkeiten, sich zurückzunehmen, Anweisungen von Lehrern zu folgen und im Unterricht aufzupassen.

Als Argument für die Verfechter des Modells Vollzeit-Familienmutter taugen die neuen Ergebnisse dennoch nicht. Zunächst sind die Unterschiede dafür zu gering – auch „Störenfriede“ bewegen sich im Normbereich. Dass sie selbstbewusster und weniger schüchtern auftreten, kann man als Konsequenz der frühen Notwendigkeit zur Behauptung in der Gruppe betrachten. Die Forscher mahnen zudem zur Vorsicht, weil noch nicht feststeht, was gegen Ende der Schulzeit aus den Kindern wird. Und es könnte sein, dass Kinder, die mehr Stunden in Kitas betreut werden, von Anfang an andere Startbedingungen mitbringen, beispielsweise ein schwierigeres Elternhaus, einen anderen finanziellen Hintergrund. Zudem lassen sich die Verhältnisse nicht eins zu eins von den USA auf Deutschland übertragen. „Trotzdem müssen wir die Ergebnisse ernst nehmen“, fordert Lieselotte Ahnert vom Institut für Entwicklungsförderung und -diagnostik der Uni Köln. Es könne keinen Zweifel geben, dass es für kleine Kinder eine Herausforderung ist, sich über weite Strecken des Tages in einer Gruppe zu behaupten. In einer Studie möchte die Professorin erforschen, ob es Eltern gelingt, abends und am Wochenende einen Ausgleich zu schaffen. Davon hängt vieles ab: „Die Kita tritt schließlich nicht an die Stelle des Elternhauses.“

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