Zeitung Heute : Wohnen in Lofts: Alte Fabriken als neue Vorbilder

Harald Olkus

Die Idee, alte Fabriketagen in Wohnungen umzubauen, ist zwar nicht mehr ganz neu, aber immer noch aktuell. Denn das Interesse von Käufern und Mietern an den großen, stützenfreien Räumen mit hohen Decken und industriellem Flair ist ungebrochen, sagt Anja Wilke von Engel & Völkers. Erst recht, wenn Wasser mit im Spiel ist.

Das Wohnen in Lofts wurde zwar nicht in Berlin erfunden, doch in keiner anderen Stadt Deutschlands sei die neue Form des Wohnens so angesagt, wie hier, sagt Gert Lorenz von Jones Lang Lasalle, selbst stolzer Besitzer eines Lofts in Prenzlauer Berg. Denn hier gibt es nicht nur eine zahlungskräftige und kreative Klientel, die die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten der großen Räume zu schätzen weiß. Auch was Substanz und Lage der begehrten gründerzeitlichen Fabrikgebäude anbelangt, sei Berlin "ein Paradies". In den bevorzugten Lagen in Mitte, Prenzlauer Berg und Charlottenburg gäbe es noch genügend alte Fabriken, die sich zu Lofts umbauen ließen.

Wie alle Loftbewohner schätzt Lorenz das lebendige Umfeld der innerstädtischen Lage und gleichzeitig den relativ ruhigen und abgeschirmten Charakter der Innenhöfe. "All die Annehmlichkeiten, mit denen man heute versucht, neue Wohnprojekte aufzuwerten, nämlich Grünanlagen mit altem Baumbestand, hohe Decken und große Fenster, sind in einem Loft bereits vorhanden", meint Lorenz. Einer der größten Vorteile seien jedoch die frei verfügbaren Grundrisse, die beinahe jeglichen Wohnungszuschnitt möglich machten. "Das ist ideal für alle, die sich mal so richtig austoben wollen."

Und auch Ärger mit der Denkmalschutzbehörde gebe es kaum. "Sie ist meist der kooperativste Partner in diesem Spiel" sagt Lorenz. Die Behörde habe "viel Interesse und Freude" an dem Trend zum "Loft Living", denn fast immer wollen die neuen Besitzer den Charakter der alten Gemäuer erhalten. In seinem Loft sei sogar der Anbau von Balkonen genehmigt worden.

Für viele Bewohner von Lofts spielt aber ausgerechnet die Arbeitsatmosphäre der Fabriken eine wichtige Rolle. Denn gerade Freiberufler sind begeisterte Anhänger des "Loft Living". Sie nutzen die Räume gleichermaßen als Büro oder Atelier und Wohnung. "Die Freiberufler sind hier die Vorreiter. Die Zukunft der Arbeit wird sich vermutlich auch für andere Berufsgruppen in diese Richtung entwickeln. Deshalb ist zu erwarten, dass die Nachfrage nach Lofts auch weiterhin stabil bleibt", meint Lorenz.

Schon jetzt ist die Nachfrage höher als das Angebot. Musterbeispiele wie die Paul-Lincke-Höfe, eine ehemalige Telegrafenfabrik in Kreuzberg, die Melchiorhöfe in Mitte oder die frühere Nähmaschinenfabrik in den Sophie-Gips-Höfen haben schnell ihre Liebhaber gefunden. Und obwohl die Bausubstanz der alten Fabriken meist "grundsolide" sei und die Ausbaukosten laut Lorenz günstiger sind, als neu zu bauen, werden für Lofts höhere Preise als für andere Altbauten aufgerufen: 4500 bis 5000 Mark pro Quadratmeter Kaufpreis oder 16 bis 18 Mark Miete ergeben bei den großen Flächen der alten Gemäuer stolze Summen. "Fabrikambiente und Wohnkomfort bei bezahlbaren Wohnungsgrößen zu kombinieren", sei denn auch eines der größten Probleme beim Umbau ehemaliger Gewerberäume zu Wohnungen, sagt Anja Wilke.

Bei den "Aqualofts" beispielsweise wurde der Schwerpunkt auf den Komfort gelegt. Mitten im Moabiter Kiez an der Spree, gleich neben der Gotzkowskybrücke baut die B.E.R.K.A. Verwaltungs GmbH eine ehemalige Fabrik aus dem Jahr 1906 zu edlen Lofts aus. Der Wasserlage wird dabei besonders großer Wert beigemessen. Das nasse Element taucht im Gebäude gleich mehrfach als Gestaltungselement auf: Der Garten ist mit Wassergraben und Wasserwand angereichert, selbst in der Wohnung kann man sich ein Wasserbassin mit Holzsteg anlegen lassen. Für solche Spielereien braucht es natürlich Platz - und der ist reichlich vorhanden, die "Aqualofts" haben Grundflächen von 690 bis 915 Quadratmeter. Bedingt durch die Größe kosten die Wohnungen im Schnitt rund fünf Millionen Mark. Als Gegenleistung für die stolze Summe bietet die B.E.R.K.A. aber auch viel Service: Neben einem Restaurant, einem Hotel und einer Wellness-Anlage ist das Gebäude mit umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen ausgestattet. Für die erste der insgesamt sechs Luxuswohnungen hat die B.E.R.K.A. gerade einen Käufer gefunden.

Ein größeres Nachfragepotenzial und meist auch höhere Mieten sind zu erzielen, wenn die Fabriketagen nicht zu Wohnungen, sondern zu Bürolofts ausgebaut werden. In diesem Bereich sind denn auch weitaus mehr Immobilienmakler zu Hause als auf dem relativ begrenzten Markt für Wohnlofts. Aber auch hier ist die zentrale Lage in Mitte, Prenzlauer Berg und Charlottenburg, mit Einschränkungen auch Friedrichshain und Kreuzberg, Bedingung für eine schnelle Vermarktung. "Ein Büroloft in Köpenick oder im nördlichen Reinickendorf wird es schwer haben", sagt Martin Puchmayr von FPD Savills. 30 Mark netto kalt pro Quadratmeter, am Hackeschen Markt sogar 35 Mark, seien die marktüblichen Preise. Im vergangenen Jahr wurden in Berlin 510 000 Quadratmeter Bürolofts bezogen, zehn Prozent davon von Eigennutzern. Die Mieter kommen hier vor allem aus den Branchen Neue Medien, IT, Werbung sowie diversen Zukunftstechnologien.

Mittlerweile werde sogar bei der Planung von Neubauprojekten auf die guten Absatzchancen der Altbauten reagiert, sagt Martin Puchmayr. Neuerdings haben höhere Decken und flexiblere Raumaufteilungen auch hier Einzug gehalten.

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