Zeitung Heute : Wohnhaft am Wasser

Rummelsburger Bucht: In der DDR waren diese Häuser ein Gefängnis. Nun entstehen darin luxuriöse Wohnungen mit Eichenholzparkett. Eine Ortsbesichtigung mit einem ehemaligen Insassen.

Die Pappeln am Ufer stehen dicht an dicht, lassen im Sommer den Blick von der anderen Seite der Bucht nicht durch. Jetzt aber kann man gut erkennen, was lange Zeit verborgen bleiben sollte: die alten Backsteingebäude der ehemaligen DDR-Haftanstalt Rummelsburg. Heute sieht man durch die kahlen Zweige schwarz-weiße Neubauten durchschimmern, dann die roten Gefängnisgemäuer und über den Wipfeln ragt ein Kran in den wolkenverhangenen Himmel. Die Gefängnismauer ist verschwunden, dahinter führen neue Pflastersteine über das frisch gewalzte Gelände, in der Mitte steht ein Wasserturm, drum herum wurden kleine Bäume gepflanzt.

Die sechs denkmalgeschützten Backstein-Gebäude von 1880 sind um den Wasserturm aufgereiht, sie bekommen in diesen Tagen ein neues Gesicht: Aus dem Gefängnis Rummelsburg wird die Wohnsiedlung „BerlinCampus“ – aus den ehemaligen Zellen auf den langen Fluren machte die Maruhn Immobiliengruppe exklusive Apartments.

Es ist Samstag, Pärchen staksen vorsichtig über die gefrorene Erde auf Haus 1 zu. 80 Quadratmeter kosten hier zur Kaltmiete etwa 600 Euro. Haus 1 und Haus 2 sind fertig saniert, und an der Backsteinfassade kleben Balkone, im Erdgeschoss führen Treppen in den noch imaginären Garten. Im ersten Stock von Haus 1 befindet sich die Musterwohnung. Parkettboden, Raufasertapete und Einbauküche. Nichts erinnert mehr daran, dass die Nazis hier einmal Homesexuelle und „psychisch Abwegige“ internierten. Und dass sich zu Zeiten der DDR hinter den Treppenhauseingängen einmal jeweils sechs Häftlinge 14 Quadratmeter geteilt haben.

„Die 14 Quadratmeter haben wir mit Schritten ausgerechnet“, erzählt Matthias Bath. Als westdeutscher Fluchthelfer saß er mehr als drei Jahre in der Rummelsburger Strafvollzugsanstalt – bis er von der Bundesrepublik freigetauscht wurde. Wohnen würde Matthias Bath hier nicht wollen. „Aber vom Gefängnis ist ja nicht mehr viel übrig.“ Nur beim Blick nach draußen gucke man noch in die alte Trostlosigkeit, bemerkt er am Fenster des Musterbadezimmers. Er zeigt über die Freifläche zwischen den Häusern: „Da sind wir immer in Kolonne über den Platz marschiert, von Haus 3 zu Haus 5, wo die Produktionsstätten waren.“

Der Berliner Staatsanwalt kennt sich gut aus mit dem Gelände und dessen Geschichte. Gleich nach seiner Entlassung, er war damals 23 Jahre, schrieb Matthias Bath alles auf, was er in DDR-Gefangenschaft erlebt hatte. Dazu hat er in Landesarchiven recherchiert und später in seinen Stasiakten nachgelesen. Im vergangenen Frühling erschien sein Buch „Gefangen und freigetauscht – 1197 Tage als Fluchthelfer in DDR-Haft“. – „Willkommen in Rummelsburg, dem Haus am See“, wurde er von einem Mithäftling in der Zelle sarkastisch begrüßt.

Bath erzählt, dass die Backsteine an der Rummelsburger Bucht nicht immer als Gefängnis dienten. Die Häuser wurden 1876 von der Stadt Berlin in Auftrag gegeben. Sie beherbergten ein für damalige Verhältnisse fortschrittliches Projekt: Obdachlose und alte Menschen ohne Angehörige wurden in Rummelsburg versorgt. Die Idee, die historischen Gebäude wieder zu nutzen, gefällt Matthias Bath. Nicht wegen des Gruseleffekts, fügt er schnell hinzu. Es geht nicht darum, die Zeit des Gefängnisses wieder aufleben zu lassen. Und anders als zum Beispiel Hohenschönhausen sei es kein rein politisches Gefängnis gewesen. „Wenn man das zur Wohnanlage ausbauen würde, wäre es geschmacklos.“ Dort erinnert eine Gedenkstätte an die Untaten der DDR-Regierung.

Wenn man vom Wasserturm zur Bucht blickt, sieht man in das alte Gesicht der Anlage: In Haus 3 sind die Fenster zugemauert. Im Innern führen die langen Flure auf den Etagen von der einen Seite des Gebäudes bis zum anderen Ende. Rechts und links sind die Türen der Zellen rausgerissen, die Räume stehen leer. Im ersten Stock liegt der Raum, der sich fest in Baths Kopf eingeprägt hat. Es war der erste große Schock, als er damals nach seiner Verurteilung hierher gekommen ist: die Dusche. Hier sollte der Häftling zunächst warten, bis ihm ein Platz in einer Zelle zugeteilt wurde. Jetzt steht der Staatsanwalt wieder in dem dunklen Raum, sucht auf dem Betonboden nach dem Abflussrohr. Auch die Wände sind nackter Beton. Er konnte sich in den Stunden des Wartens damals ein Bild davon machen, wie dürftig es um Hygiene und Verpflegung in den kommenden Jahren bestellt sein sollte.

Auch anderswo sind verlassene Haftanstalten begehrte Investitionsobjekte. Allerdings der anderen Art: In Stockholm kann man auf der Halbinsel Langholmen in den Zellen der ehemaligen Haftanstalt übernachten – Gruseln für knapp 200 Euro. In Oxford entstand vor drei Jahren in den historischen Gemäuern aus dem 10. Jahrhundert ein Designhotel mit Gefängnisambiente. Der Gruseltourismus wird in der Reisebranche als neuer Trend ausgerufen. Im Schweizer Jailhotel in Luzern kann man entweder einfach und gepflegt unter „Gefängnis total!“ unterkommen – oder aber auch unter „Most Wanted“ logieren: Übernachten in der ursprünglichen Zelle. In Amsterdam steht das Lloyd Hotel, ein Knast, den Designer mit viel Liebe zum Detail in ein Kleinod verwandelt haben. In Deutschland gibt es einen Gefängnis-Kick für 45 Euro in der ehemaligen Haftanstalt Kaiserslautern, inklusive Gefängnispyjama.

In der Rummelsburger Bucht wird bald nichts mehr an das einstige „Haus am See“ erinnern. Die Zeit geht weiter, was bleibt, ist ein Ort mit einer besonderen Geschichte. Dem stimmt auch Huberta Bettex von Schenck zu. Sie wohnt zusammen mit ihrem Mann seit drei Monaten im Haus 8, der ehemaligen Krankenstation der Haftanstalt, das sie gekauft haben. Es ist ein zweistöckiges Haus, abseits von den sechs langgestreckten Hauptgebäuden, direkt am Wasser. Hier verbrachte Erich Honecker nach seiner ersten Verhaftung am 29. Januar 1990 eine Nacht. Drum herum erdklumpige Baustelle und struppige Ödnis.

An dem neu angebrachten Türschild steht: Das Andere Haus 8. „Das soll zeigen, dass wir an die Geschichte dieses Hauses anknüpfen – und etwas ganz anderes daraus machen wollen“, erklärt Bettex von Schenck. Deutsche Geschichte interessiert die 63-Jährige. Das Haus 8 war ursprünglich das Arresthaus, erzählt die Münchnerin. Bettler, Obdachlose oder Alleinstehende aus dem Arbeitslager wurden hier eingesperrt, wenn sie sich nicht an die Regeln hielten. In der DDR wurde daraus die Krankenstation.

Die Lehrerin blickt aus dem Fenster der geräumigen Küche. Natürlich fehlt noch viel, bevor man sich hier richtig wohlfühlen könne, sagt sie. Zum Beispiel der Laden an der Ecke, das Leben. Aber das kommt noch, da ist sie zuversichtlich. Die alten Steine der gewölbten Decke in der Küche sind unverputzt, aus dem Fenster blickt man direkt auf die Bucht. Man hat das Gefühl, in einem alten Landhaus am See zu sein. Auf dem massiven Holztisch serviert die Hausherrin Kürbissuppe, es ist Mittagszeit.

Immer wieder ist das Ehepaar Bettex in seinem Haus auf Überbleibsel der Vergangenheit gestoßen. Da war zum einen die Verkabelung. „Enorm“, meint Matthias Bettex. Hinter den Kabeln verlief ein weiterer Schacht mit einer dazugehörigen Abhörstation. „Das war wie im Film“, sagt der Psychologe. „Die haben einfach mit dem Presslufthammer in die alten Steine gebohrt.“ Da sind sich die beiden einig: Man hat Mitleid mit dem Haus bekommen. Unten im Keller fanden sie eine Dunkelzelle, bis zur Decke mit Teer gestrichen. Heute ist dort die Vorratskammer des Hauses. Dann war da noch der verstopfte Lüftungsschacht: mit einer Häftlingsjacke zugestopft. Schon zweimal haben ehemalige Gefangene die alte Krankenstation besucht. „Aber leider niemand von der anderen Seite“, so Huberta Bettex von Schenck. Es gibt einiges, was sie über das Haus bis jetzt nicht herausfinden konnten. Der eine Teil des Kellers war zum Beispiel zugemauert.

Damit die Fundstücke nicht als Kuriositäten aus Renovierungszeiten in Vergessenheit geraten, haben die Bettex’ im Keller einen Gedenkraum eingerichtet. Sie nennen ihn den „Raum der Stille“. Vorne – wie zum Altar errichtet – liegt unter der niedrigen Deckenwölbung die schwere Eisentür, die die beiden Kellerteile einst voneinander trennte. Daran lehnt eine Stacheldrahtrolle, die beim Ausräumen im Keller vergessen wurde. Auf dem Boden stehen Kerzen in verschiedenen Größen und Farben. Bettex von Schenck zeigt auf einen Stuhl in der Mitte des Raumes: „Der hier soll immer frei bleiben.“ Der Platz ist für alle Menschen gedacht, denen hier Unrecht angetan wurde, sagt sie.

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