Zeitung Heute : wohnt in Berlin Musik

Früher kamen David Bowie, Iggy Pop und Nick Cave. Heute ist die billige Hauptstadt wieder ein Magnet für Musiker. Wie sich Angie Reed, Chris Corner und Gerald Simpson einrichten

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Von Johanna Lühr Chris Corners Insel liegt am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg. Schaukeln stehen rundherum, Tischtennistische, ein paar Cafés. Hier also hat sich Corner, der englische Rockstar, vor kurzem eine Wohnung besorgt. Eine Wohnung, die er als „seine Insel“ bezeichnet.

Chris Corners Insel ist 80, vielleicht 90 Quadratmeter groß. Ein Altbau mit drei Zimmern, gleich über einem Kiosk. Schwarze Ledersessel stehen im Erker, ein roter Teppich ist ausgelegt, daneben wohnt ein Schreibtisch. Der Schreibtisch ist leer. Dafür liegt ein aufgeklappter Laptop auf einem Stuhl. Seine Texte schreibt er immer hier, sagt er, zu Hause, am liebsten im Bett. In der Küche steht ein Glas mit Nüssen auf dem Regal. Ansonsten ist die Küche ziemlich leer. Durch die Fenster sieht man Bäume und ein paar alte Männer auf der Parkbank. „Meine freundlichen Penner“, sagt Chris.

Erst im vergangenen Dezember ist Chris Corner nach Berlin gekommen. Der Ex-Gitarrist der britischen „Sneaker Pimps“ arbeitet hier an seinem Solo-Projekt „I AM X“. Und damit ist er in guter Gesellschaft: Immer mehr internationale Musiker siedeln sich mittlerweile in Berlin an. Und zwar nicht nur zwischenzeitlich wie Marilyn Manson, der angeblich mal kurz in Kreuzberg gewohnt haben soll, sondern für länger: Leute wie Gerald Simpson zum Beispiel, musikalisch bekannt als „A Guy called Gerald“, oder auch Angie Reed oder Thees Ullmann von Tomte aus Hamburg.

Berlin, die Metropole Europas, in der man am billigsten leben kann, hat auf Musiker wieder eine Anziehung wie damals Ende der 70er, als Iggy Pop gemeinsam mit David Bowie nach Schöneberg zog und auch Nick Cave hier wohnte. Amerikaner und Engländer packen hier neuerdings wieder ihre Instrumentenkoffer aus. Es gibt auch eine Kanada-Connection rund um Gonzales, zu der auch die Elektromusikerin Peaches gehört. Ihr Studio ist im Tacheles. Ein Stockwerk darüber liegt das von A Guy called Gerald.

Als er vor zwei Jahren nach Berlin gekommen ist, sei er eines Nachts durch Zufall ins Tacheles geraten, erzählt Gerald, der zu Hause in Englang mit bürgerlichem Nachnamen Simpson heißt. „Nette Studios“, habe er sich damals gedacht und ist, als man ihm eins angeboten hat, dort geblieben.

Das Tacheles ist einer der letzten schmutzigen Orte im geputzten Berlin-Mitte. Die Mauern sind voll von Graffitti, im Treppenhaus schläft einer, der die Party des Vortags noch nicht verdaut hat. Im Hinterhof liegen ein paar Autowracks. Auf die Tür ist das Logo von A Guy called Gerald gesprüht – ein schwarzes Gesicht im roten Kreis. In Geralds Atelier hängen Ölbilder an den unverputzten Wänden, darunter stapelt sich das Papier, dazwischen liegen ein paar Laptops herum. Unter dem Fenster steht eine Ledercouch. In einer Ecke hängen schwarze Tücher über einem Holzgerüst. Seine „Arbeits-Höhle“, sagt Gerald, für den reinen Sound ohne Schall. Und ohne Licht. Meistens arbeite er sowieso nachts, sagt er, manchmal komme er auch auf dem Rückweg aus einem Club noch mal vorbei. Durch die Fenster guckt man auf die Plastikvorzelte und Palmenkübel der Restaurantmeile gegenüber.

Sein Studio ist für Gerald ein Teil seines Zuhauses. Der andere Teil ist nur ein paar Minuten zu Fuß entfernt. Eine Altbauwohnung, in der er zusammen mit seiner australischen Freundin wohnt. Schöner Wohnen in Berlin? „Yeah definitely“. Berlin-Mitte ist für ihn wie so etwas wie ein großes Dorf. Genauso sauber. Genauso sicher.

Und der Himmel ist genau so schön verhangen wie in Manchester, wo er geboren und aufgewachsen ist.

Bevor er nach Berlin kam, hatte er in New York gelebt. Stressig, schnell und hart sei es dort gewesen. Als schwarzer Elektromusiker habe er sich rechtfertigen müssen: „Wieso machst du denn keinen Hiphop?“. Berlin sei toleranter. Hier, sagt A Guy called Gerald, macht jeder, was er will.

So wie Angie Reed. Sie singt, sie spielt, sie zeichnet und entwirft. Erst war sie Bassistin von Stereo Total, dann probierte sie es solo als „Barbara Brockhaus“.

„Woanders wäre ich der Miete nachgerannt“, sagt sie, in Berlin könne man sich Zeit nehmen, Dinge auszuprobieren. Angie Reed: dunkle Locken, roter Mund, italoamerikanische Herkunft. Sie wohnt in einem Parterre in Kreuzberg. Der Flur ist rosa gestrichen, chinesische Seidentapeten hängen an der Wand, dazu Perlenvorhänge. Im Arbeits-,Wohn- und Gästezimmer stehen zwei Computer, ein paar Boxen, dazwischen ist der Kabelsalat angerichtet. In Italien, glaubt sie, hätte sie nie das erreichen können, was sie hier erreicht hat. Schon gar nicht als Frau. Die Rollenverteilung in Italien ist ihr zu klassisch, die Musik zu mainstreamig. In Berlin ist das anders. Leer, dunkel und kalt ist es auf den ersten Blick. Auf den zweiten: rockig. Und bis zu den Stuckdecken ist Platz zum Fantasieren. „Das hat mich geradezu überfordert hier“, sagt sie. Anfangs habe sie jede Party mitnehmen wollen, aber das würde sie allein physisch kaum noch durchhalten. Heute braucht sie Zeit und Raum zum Zurückziehen. Zeit fürs Zuhause. Dann kocht sie (aber lieber für andere), schläft (jederzeit) und arbeitet (phasenweise intensiv).

Berlin ist für Angie Reed und andere eine Insel zum Wohnen, mit gutem Klima für Ideen und genug Platz zum Wuchern. Und außerdem macht sich Berlin auf der Visitenkarte immer gut. Immer noch. Oder eigentlich: schon wieder.

Doch dieses Gefühl, in einer Stadt zu leben, die gut für ihren Sound und noch besser für ihr Leben ist, ist wohl das einzige, das die Musiker verbindet. Die Welt, in der sie leben, ist ansonsten genau so gegensätzlich wie ihre Musik. Chris Corner, der Rockstar, haust in einer spärlich eingerichteten Altbauwohnung im heimeligen Prenzlauer Berg. A Guy called Gerald, der Soundtüftler, bewohnt ein verkramtes Studio in Mitte, und Angie Reed, die Bassistin, ein rosa Heim im verrockten Kreuzberg.

Und da ist noch einer: Thees Ullmann, der Sänger von Tomte, der aus Hamburg nach Berlin gezogen ist. Im vergangenen Mai wechselte er von der Reeperbahn in den Bergmannkiez, oder, wie er sagt, „von den Suffarbeitern zu den Althippies“. Aus Liebe. Nicht nur, aber auch zur Stadt. Er sagt, dass er sich hier mittlerweile sehr zu Hause fühlt.

Neulich zum Beispiel in der Rockkneipe „White Trash“ in der Schönhauser Allee: „Jeder Zweite hat eine Billardkugel auf den Hals tätowiert und alle reden amerikanisch mit mir, und dann kommt der Chef mit seinem Cowboyhut und sagt, hey, das da hinten ist ein total heftiger Rocker.“

Als er Mitte Januar sein erstes Konzert mit Tomte hier gab, seien die Amerikaner erst ein bisschen skeptisch gewesen. Als es ausverkauft war, waren sie es nicht mehr. „Hey, das ist nicht unsere Musik, aber trotzdem, great“. Aus der Bäckerei läuft ein Hund mit einer Brötchentüte im Maul. Sein Bürokollege kommt über die Straße. Fast seine ganzen Freunde seien jetzt schon in Berlin. Und die anderen Hamburger Kollegen, die sich bislang noch für 400 Euro im Monat in fensterlosen Proberäumen herumtreiben, würden seiner Meinung nach sicher auch bald kommen.

Zurück zu Chris Corner. Zurück in seine Insel in Prenzlauer Berg. Hinter der Tür zu seinem Wohnzimmer stapeln sich nach wie vor die Kisten. Corner hat noch einiges nicht ausgepackt. Ist er vielleicht doch nur auf der Durchreise, bevor es in die nächste Stadt weitergeht? Nein, sagt Chris, er habe hier noch viel vor. Und er wolle hier auch noch einiges entdecken. Auf dem Sideboard liegt ein blaues Lehrbuch aus dem Jahre 1979. Es hat den interessanten Titel: „German in three months.“

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