Wolfgang Joop : "Ich knallte ihr eine, dass die Brille brach“

Wolfgang Joop über Braunschweiger Schulmädchen, Kate Moss, Angela Merkel – und warum auch eine Netrebko bei ihm vom Bügel kaufen muss

von und Interview: Stefanie Flamm
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Wolfgang Joop. -Foto: dpa

Herr Joop, Schönheit ist Ihr großes Thema. Haben Sie heute schon etwas richtig Schönes gesehen?



Ich sehe jeden Morgen etwas Wunderschönes: meine beiden Hündinnen Gretchen und Lottchen – ein Dalmatiner und ein leicht misslungener Ridgeback. Lottchen hat so eine Rattennase und geht wie Goofy.

Und was gefällt Ihnen an Gretchen?

Sie ist mein Supermodel, die Augen wie David Bowie, eines braun, eines blau. Wir haben uns in New York ineinander verliebt. Ich ging die Straße entlang, sie schob mit der Pfote die Gardine zur Seite. Ihr Besitzer überließ sie mir, weil ich eine Dachterrasse hatte. Darf ich Ihnen einen Rat geben?

Gerne.

Nehmen Sie Hündinnen! Ich hatte ja einen Rüden, Wolfi, so einen Zwergspitz, wie sie die Nutten auf den Zille-Bildern haben. Ich verstehe schon, warum die nicht mehr in Mode sind. Die bellen ja nonstop. Nonstop!

Seit Ihrer Rückkehr aus Amerika leben Sie in einer Villa am Heiligensee. Wir sehen Sie umgeben von unzähligen Gemälden und ausgesuchten Möbeln, manche aus der Zeit Friedrichs des Großen. Das wirkt ein bisschen nostalgisch.


Potsdam ist meine Heimatscholle, hier fühle ich mich endlich wieder zu Hause. Als Kinder spielten wir ja hier im Garten von Sanssouci „Verbluten“ nach.

Wie bitte?

Davon wurde ja nonstop erzählt. Nonstop! Geschichten von Frauen, die von Soldaten der Roten Armee nach der Vergewaltigung die Treppe hinuntergestoßen wurden. Wir streiften durch den Park, suchten nach einem verdächtigen Stück Stoff und malten uns die schreckliche Geschichte dahinter aus. Das Verbrechen wurde zu einem Grimm’schen Märchen, Sanssouci zu einem Fantasyland. Wenn wir die feinen Rokoko-Bauten sahen, dachten wir an die Prinzessinnen, die dort einmal wohnten. Diese Bilder waren weg, als wir nach Braunschweig umzogen.

Ihr Vater fand dort 1954, nach der Gefangenschaft, Arbeit. Sie wuchsen im Westen auf.


Es war eine armselige Realität! Es gab für mich nichts Schönes mehr in Braunschweig, nur Industrie und einen Vater, der jeden Tag ins Büro ging. In unserem Nachkriegshaus wohnte ein Mädchen, Gisela hieß sie, die hatte schon mit fünf so was Gesichtsaltes, Selbstgefälliges, die wollte bestimmt mal Beamtin werden. Der habe ich gleich am ersten Tag eine geknallt, dass ihre Brille zerbrach.

Weil sie nicht so war wie die Kinder, mit denen Sie in Potsdam gespielt hatten?


Weil ich diese westdeutsche Borniertheit nicht aushielt. Die Menschen auf unserem Hof in Bornstedt bei Potsdam dagegen waren ganz anders. Sie trugen die Kleidung aus der Vorkriegszeit, kombiniert mit Artikeln des täglichen Bedarfs. Im Winter hatten die Frauen Turnhosen unterm Sommerkleid an, meine Mutter malte sich die Strumpfnaht auf die Beine, aus einem geknoteten Schal wurde im Sommer ein Bikini. Das geschah ganz schnell, wie zufällig. Diese Mischung aus hartem Realismus und Sehnsucht nach Schönheit prägt mich bis heute. Mir gefällt das Bröckelnde, Improvisierte.

Das müssen Sie bitte genauer erklären.


Ich hasse Kleider, die sitzen, es ist so entsetzlich korrekt. Bei Wunderkind verwende ich viel Mühe darauf, Kleider nicht passend aussehen zu lassen.Das ist ja mein Hauptthema: Mit dem Unglück leger umzugehen. Bei mir können Sie kein Kleid bestellen, das auf Ihren Körper zugeschnitten ist, auch eine Netrebko bekommt bei mir nichts, wenn sie es nicht vom Bügel kauft.

In den 80er-Jahren lebten Sie dann in Hamburg …


… die wohlhabende Hamburgerin hat den Romantizismus in meinen Entwürfen nie verstanden, sie ist ja eine gelungene Mischung aus Pferd und Frau. Ich habe sie kürzlich wieder gesehen, im Ralph-Lauren-Store: Das mehr oder weniger dünne Blondhaar mit einem Tuch zusammengefummelt, frische Gesichtsfarbe, wenig Make-up, viel Zahnfleisch. Dazu eine Steppjacke, Möhrenjeans, Hermèsgürtel, Lui-Vui-Tasche und Wildlederballerinas von Tod’s. Ich frage mich, warum die überhaupt in eine Boutique gehen.

Trotz des konservativen Publikums hat Hamburg die berühmtesten deutschen Modeschöpfer hervorgebracht: Jil Sander, Karl Lagerfeld und Sie.


Es gab in Deutschland keine bessere Stadt für Leute wie uns. Und es gab das skandalöse Pöseldorf, wo schon in der Nachkriegszeit die ersten Playboys auftauchten, Gunter Sachs und Romy Schneider. Außerdem war Hamburg reich. Gleichzeitig erwachte mein Widerspruchsgeist in verschiedener Hinsicht. Aber wir haben dort gelernt, was Luxus für Menschen bedeutet.

Nämlich?


Er ist Trost und Seelentröster, das Nachhaltige, was lange glänzt. Früher haben sich Herrscher goldene Paläste bauen lassen, um den Feind zu täuschen. In der Mode täusche ich mit meinem Glanz über alles hinweg: mein Einkommen, mein Alter, meine Figur, mein Budget.

Wenn Luxus ein Schutz ist, was ist dann Mode?

Auf dem Planeten Mode ist jeder willkommen. Hautfarbe, sexuelle Vorlieben oder Bildungsstand spielen keine Rolle. In einem schwarzen Kleid von Miyake oder Yamamoto kann sich jede intellektuell geben, auch wenn im Kopf nichts passiert.

Steile These. Sind Sie sicher?


In den 70er-Jahren habe ich drei Jahre Schnittmuster entworfen. Das war eine gute Übung. Dauernd projizierte man die Titelproduktionen von uns und der Konkurrenz an die Wand – Hausfrauen mussten das beurteilen. Ich lernte, was Menschen sehen und worauf sie reagieren.

Ein Beispiel, bitte.


Was einen Kaufwunsch auslösen soll, darf nicht schwarz-weiß abgebildet sein.

Das würde gegen jede Calvin-Klein-Anzeige sprechen!


Deshalb bleibt auch nur die Unterhose im Kopf, wenn Sie an die Marke denken. Und die verkauft sich mit oder ohne Anzeige. Eine andere Regel: Die Fantasie ist begrenzt. Wir zeigten einmal ein blau-weißes Tupfenkleid und erklärten, das können Sie auch in rot-weiß haben, aber die Frauen wollten immer das abgebildete. Oder wenn wir Bilder von Prominenten in tollen Kleidern zeigten, schauten die Frauen nur auf die Beine: „Was hat die für dicke Beine!“ So funktionieren bis heute Magazine wie „In Style“. Und ehrlich, wenn ich eine Zeitschrift machen würde, gäbe es eine Rubrik namens „Why she, not me?“

Was würde die zeigen?


Fotos von ungeschminkten Supermodels. Für den Normalgeschmack haben die ja alle etwas beinahe Abartiges. Natasha Poly, das neue „Boss“-Model, sieht beinahe wie ein Mutant aus, Kate Moss irgendwie langsam verbraucht. Sie hat verfärbtes versplisstes Haar, krumme Beine, aber schaut dank Bildbearbeitungsprogrammen großartig aus.

Eines Ihrer Lieblingsmodels ist Nadja Auermann. Was ist an ihr nicht perfekt?


Gar nichts ist perfekt. Sie hat einen kleinen Kopf, einen runden Rücken, einen kurzen Oberkörper und Straußenbeine. In der Avantgarde-Ästhetik ist nur die Abweichung von der Norm attraktiv.

Mittlerweile arbeiten Sie mit Ihren Musen Sara und Ariane …


Ja, die Ariane habe ich im alten Cookies gefunden. Ich torkelte versehentlich auf die Damentoilette, und als ich meinen Blick hob, sah ich sie im Spiegel: rote Haare, ein blasses, prä-raphaelitisches Gesicht. Sie ist Ärztin geworden und hat gerade ein Baby bekommen. Im Herbst habe ich sie auf dem Höhepunkt meiner Pariser Show laufen lassen. Die Fashionistas waren entsetzt: „Die hat ja noch Milch in den Brüsten!“

„GQ“ hat Verteidigungsminister zu Guttenberg zum bestgekleideten Deutschen 2009 erklärt. Sie saßen in der Jury. Was spricht für ihn?

Er ist auslandstauglich, macht eine gute Figur. Mit seiner selbstbewussten Upper-Class-Aura könnte er aus dem Kennedy-Clan stammen. Aber ehrlich gesagt habe ich mit seiner Physiognomie meine Probleme. Dieses Überenergetische, Bulldozerhafte ist nicht meine visage du jour. Heterosexuelle Männer glauben, eine bestimmte Position macht sie für immer sexy. Die Schwulen dagegen ahnen sehr früh, dass sie wertlos werden, wenn sie körperlich nicht mehr begehrt werden. Sie wissen, wie Frauen, dass der Verfall irgendwann einsetzt. Das macht sie melancholisch.

Gilt das auch für Außenminister Westerwelle?


Der wäre doch zu gern so ein zu Guttenberg! Ist er aber nicht. Guido ist leider völlig antimelancholisch, geradezu hau-ruck-optimistisch.

Geben Sie ihm Tipps, Sie sind doch befreundet!


Ich mache keine Stilberatung, nicht für alles Geld der Welt! Das wäre anmaßend. Jeder Mensch hat das Recht darauf, in seine eigene modische Falle zu tappen.

Herr Joop, wir haben da ein Bild von den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, Sie sehen Hillary Clinton und Angela Merkel in beinahe identischen lila Kostümen nebeneinander, sie reichen einander die Hände …


… au weia, die sahen aus, als seien sie nach der Geburt voneinander getrennte Zwillinge!

Warum tragen erfolgreiche Frauen eigentlich Männerkleidung?


Wenn man erfolgreich ist, kommt eine bestimmte Gestik hinzu: der ausholende Schritt, die rudernden Arme. Das macht jede Couture zunichte. Frau Merkel wird vor allem von ihrer Körpersprache und ihrem Gesichtsausdruck behindert. Sie sieht aus, als hätte man einem Baby den Schnuller weggerissen. Das zerstört jede Allüre.

Gianni Versace sagte einmal: „Ich kann nicht hexen. Wo nichts ist, kann ich nichts zaubern.“


Ja, wenn der Körper nicht stimmt, kann man ihn nicht in die Kleidung hineinzaubern. Und es ist die Bewegung, die stimmen muss. Ich könnte Frau Merkel alles entwerfen, sie würde es rudernd zunichte machen. Aber sie hat etwas Berührendes: ihre Korruptionsfreiheit. Man hat nicht wie bei ihren Vorgängern das Gefühl, dass sie sich rechtzeitig nach einem lukrativen Job umsieht. Frau Merkel besitzt keine Arroganz.

Für Frau Merkel entwerfen Sie also nicht.


Nein! Ich entwerfe für die Frau mit der dunklen Sehnsucht. Vielleicht ist meine Mode deshalb das Gegenteil von „editorial“, wie man so schön sagt. Sie passt nicht in die Modezeitschriften, die ewig Power und Glamour propagieren.

Was war eigentlich Ihre größte Modesünde?


Ich war eine ständige Modesünde! Ich lief herum wie ich wollte. Mir war nichts unangenehm. Keine Frotteebadehose, kein chinesischer Kittel, kein Gaultier-Anzug mit breiten Schultern.

Sie schämen sich für nichts?


Warten Sie, es gibt ein Foto von einer Filmpremiere, da zeige ich meinen Bauch. Ich habe mir wohl eingebildet, ein Sixpack zu haben, aber es war leider nur ein Onepack. Ich könnte so tun, als würde mich das alles einen Dreck kümmern. Dabei bin ich gar nicht so selbstsicher.

Herr Joop, von Ihnen gibt es ein Porträt, das der Fotograf Robert Mapplethorpe 1981 gemacht hat und das Sie 17 Jahre unter Verschluss hielten. Warum?


Es ist ein sehr persönliches Bild. Meine Frau sagte nur: „Oh Gott, was sehe ich da?“

Und was sah sie?


Einen Mann, der nicht richtig Mann werden will. Es war der Anfang vom Ende unserer 15-jährigen Beziehung.

Sie lebten jetzt als Homosexueller.


Das Wort lehne ich ab, wie jedes, das auf „sexuell“ endet. Da geht meine Individualität verloren. Ich fühlte mich lange Zeit eher verwunschen, als säße ich unter einer Tarnkappe. Meine Unperfektion machte mich fertig. Heute denke ich: I cannot help it. Ich bin weder promisk noch sexuell neugierig.

Wie sind Ihre Töchter damit klargekommen, dass ihr Vater Männer begehrt?


Für Kinder ist es schwer zu akzeptieren, dass ihre Eltern überhaupt eine Sexualität haben! Karin und ich waren Kinder der 70er Jahre: Wir haben unsere ganzen Konflikte leider vor den Mädchen ausgetragen. Unser Problem: Wir sehnten uns nach demselben Typ Mann, aber ich war kein Charlton Heston.

Sondern?


Der Mann auf dem Mapplethorpe-Porträt. Diese Prägung geht weit zurück. Ich habe als Kind Jahre auf diesen Vater gewartet, der in Gefangenschaft war. Und als er dann endlich auftaucht, nimmt er zwei Tage später seinen Mantel und geht nach Braunschweig. Für diesen Mann entwerfe ich meine Männersachen, die sind nicht glatt, in dem rauen Tweed sehen Sie den Spätheimkehrer.

Sie werden langsam konservativ.


Ich werde nicht konservativ, ich werde seriös. Das lässt sich nicht vermeiden. Um mein Label zu gründen, habe ich einen Großteil meines Vermögens investiert. Aber diese Anstrengung sieht in Deutschland keiner.

Fühlen Sie sich verkannt?


Ich bin Avantgarde. Das ist wie bei der Armee: Wenn du vorne läufst, trifft dich die Kugel eben als ersten. Aber ich habe keine Lust auf vernünftige Sachen. Nur: Ich kann nicht ohne die Industrie. Sehen Sie sich mal diese Strümpfe an …

Sie tragen ja Stützstrümpfe!


Das sind Kompressionstrümpfe! Die Schmerzen in den Beinen gehen damit weg, der Strumpf ist aus einem atmungsaktiven Hightechmaterial. Ich trage nichts anderes mehr. Als die Firma „Medi“ sich an mich wandte, klang das lächerlich, nach dem Motto: Mach uns den Strumpf partyfein. Ich dachte, das klebt später an mir wie Sauerkraut. Doch ich hatte mir gerade selbst eine Vene wegmachen lassen, und da hat mich das interessiert. Zur Zeit habe ich großes Interesse an Schiesser. Calvin hat weiße Unterhosen zu einem sexy Item gemacht, das kann ich ja wohl auch.

Glauben Sie an etwas?


An die Kraft der Selbstheilung. Nicht, dass Sie das falsch verstehen. Ich würde alles nehmen, das meine Selbstheilung unterstützt. Menschen nehmen seit Jahrhunderten Drogen, um alert zu sein. Ich finde, älteren Menschen sollten Drogen jeglicher Art erlaubt werden. Prohibition ist einfach zum Kotzen.

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