Zeitung Heute : Woll’n wir wetten?

Skandal in Deutschland: Ein Schiedsrichter hat Spiele manipuliert und Geld damit verdient. Vom Reiz zu gewinnen – und zu verlieren.

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Von Bodo Mrozek Vielleicht begann alles an jenem Tag, als der Teufel Gott herausforderte, einen Menschen in Versuchung zu führen. Gott konnte nicht widerstehen und ging darauf ein. Er erlaubte dem Satan alles, was er wollte gegen Hiob zu unternehmen, ihn selbst aber nicht anzutasten – und gewann die Wette gegen den Satan. Vorher aber verlor der Mann aus dem Lande Uz seine neun Kinder, Tausende seiner Tiere, und böse Geschwüre musste er auch ertragen.

Nach bestandener Prüfung, Hiob verriet Gott nicht, erstattete der himmlische Vater Hiob die doppelte Menge an Tieren und schenkte ihm zehn neue Kinder. Wer hier der Gewinner war, darüber streiten die Theologen. Fest steht nur, dass der Teufel eindeutig verloren hat.

Wetten ist eine riskante Angelegenheit. Man kann dabei hoch gewinnen und ebenso hoch verlieren. Manche verlieren alles, und immer wieder gibt es schwarze Schafe, die dem Schicksal ein wenig nachhelfen – wie derzeit der Skandal um den Herthaner Schiedsrichter Hoyzer zeigt, der fünf Spiele manipuliert hat und dies bei einem sechsten versuchte. Die Welt des Glücksspiels mit seinen hohen Einsätzen ist seit jeher übel beleumundet.

Das Wetten gilt als bevorzugter Zeitvertreib im sinnleeren Dasein vermögender Snobs oder als Geldbeschaffungsmaßnahme im Milieu zwielichtiger Hinterzimmer. Die Kirche verdammt Wette und Glückspiel seit Jahrhunderten, weil der Mensch das Schicksal nicht herausfordern soll. Die ungläubigen Römer, die nach der Kreuzigung um das Tuch Jesu „das Los warfen“, waren kein gutes Beispiel.

Wann die erste Wette der Menschheitsgeschichte abgeschlossen wurde, ist schwer zu sagen. Fest steht, dass sich schon im alten China das Glücksspiel großer Beliebtheit erfreute. Zu jener Zeit, vor 2000 Jahren, entstand dort die erste Lotterie. Die alten Germanen waren dem Laster des Stäbchenziehens verfallen, sie verloren dabei oft Haus, Hof und Frau.

Als älteste Sportwette gilt das Pferderennen. Seit dem 17. Jahrhundert verwetten namentlich die Engländer ihr Geld bei „Matches“, Winston Churchill führte 1929 die „Tots“ ein, wie die staatlichen Pferdewettbüros heißen. Großbritannien ist nach wie vor das europäische Zentrum des Wettens. Statistisch gesehen fordern fast Dreiviertel der Briten mindestens einmal im Jahr das Glück heraus. Unter den Wetten machen die Sportwetten 13 Prozent aus: Jagdspringen, Boxen, Rugby-Teams, Golf und Fußball. Die kleine Variante sind der Mäusewettlauf und das russische Kakerlakenrennen. Seit Verbreitung des Internets können auch Ausländer per Mausklick beim britischen Rennsport setzen. In Deutschland ist das Interesse so groß, dass die Deutsche Bank vor einigen Jahren den großen britischen Buchmacher Coral übernahm.

Hier zu Lande kennt man den Beruf des Buchmachers immerhin seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Die deutschen Gesetze über die Rennwette stammen noch heute, in Zeiten des Elektronik-Totos, aus dem Jahr 1922. Den deutschen Wettmarkt schätzen Insider auf 700 bis 800 Millionen Euro, Tendenz steigend. Fußballwetten machen davon 80 Prozent aus. Die Möglichkeiten der Manipulation sind allerdings beim Boxen weit größer – man denke an Bruce Willis’ Auftritt in dem Film „Pulp Fiction“ – weil weniger Menschen direkt am Wettkampf beteiligt sind.

Manchmal bringen Wetten aber auch große Literatur hervor. Goethe legte die Verführung des Hiob neu auf – mit dem Unterschied, dass Faust sich als weniger charakterfest zeigte als sein alttestamentarischer Vorgänger.

Eine andere Wette ist der Ausgangspunkt von Jules Vernes berühmter, soeben neu verfilmter Geschichte einer Weltreise. Am 2. Oktober 1872 setzte der pedantische Exzentriker Phileas Fogg in London 20000 Pfund, dass er die Welt in 80 Tagen umrunden könne. In seiner Novelle „Die Wette“ erzählt Anton Tschechow von einem Bankier und einem Juristen, die sich nicht darüber einigen können, was schlimmer zu ertragen sei: die Hinrichtung oder eine lebenslange Haftstrafe. Der Bankier fordert den Juristen heraus: Wenn er 15 Jahre lang freiwillig in Haft verbringt, wird er ihm ein Millionen-Vermögen schenken. Der Jurist willigt ein. In der Zelle liest der Einzelhäftling Bücher, lernt Sprachen und studiert Philosophie. Der Bankier verliert in der gleichen Zeit fast all sein Geld. Um sein restliches Vermögen zu verteidigen, will er den Juristen kurz vor Ende der Frist erschießen. Er findet ihn schlafend in seiner Zelle. Vor ihm liegt ein Brief, in dem er schreibt, dass er sein Gefängnis einen Tag vor Ablauf der Wette verlassen wolle. In den Jahren der Lektüre hat er den Reichtum verachten gelernt. Beschämt verlässt der Bankier die Zelle.

Mord ist ein eher seltenes Mittel beim Wettbetrug, doch die Geschichte der Manipulation ist ebenso lang wie die der Wette selbst. Selbst dem Igel gelang es, den ehrgeizigen Hasen beim Wettlauf im Kohlfeld zu betrügen. Bekanntlich verlor der arrogante Hase einen Golddukaten und eine Flasche Wein beim Rennen in der Ackerfurche: Der Igel hatte sich von seiner Frau doubeln lassen, so dass ein Igel dem Hasen am Start und am Zielpunkt immer ein fröhliches „Ich bin schon da!“ entgegenschleudern konnte. Nach 94 Versuchen brach der Hase zusammen. Die Gebrüder Grimm zogen daraus die Lehre, dass man ein Tier nie unterschätzen dürfe.

Dies gilt wohl auch für eines der wenigen Rennen weltweit, bei dem nicht mit Schiebung und Betrug zu rechnen ist. Die prächtigen Tiere, die im britischen Städtchen Augher vor einigen Jahren erstmals einen Hindernisparcour bewältigten, tragen mindestens so klingende Namen wie adlige Rassepferde: etwa den des britischen Landwirtschaftsministers oder den eines berühmten Jockeys. Das äußerst erfolgreiche Rennen unterscheidet sich aber in zwei Punkten vom traditionellen Pferderennen: Es sind erstens keine Pferde, die da im Schweinsgalopp mit dampfenden Flanken aus den Boxen stürmen. Und zweitens ist das Wetten beim Schweinerennen von Augher strikt verboten.

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