Zeitung Heute : Wolziger See: Die Schule der Freizeitkapitäne

Claus-Dieter Steyer

Die Vorfreude der jungen Frau auf eine fröhliche Segelpartie dauerte nur bis zum ersten Schritt auf das Boot. Denn mit zuviel Schwung war sie auf die Bordwand gesprungen, hatte das Gleichgewicht verloren und war rückwärts ins Wasser gefallen. Ihrer Freundin erging es nicht viel besser. Sie konnte zwar ihr Gleichgewicht ausbalancieren, verhedderte sich aber an dem aus dem Schiffsboden ragenden Ruderschwert und ging ebenfalls schon im Hafenbecken baden. "Bei unseren neuen Booten wäre das nicht passiert", sagt Michael Haufe vom größten ostdeutschen Wassersportzentrum Blossin am Wolziger See bei Königs Wusterhausen. Die aus den Niederlanden stammenden Schiffe vom Typ Valken seien äußerst stabil.

Die bis zu sechs Personen Platz bietenden und für Anfänger offensichtlich idealen Segelboote teilen sich auf dem weitläufigen Gelände den Platz mit fast 200 Wasserfahrzeugen. Da liegen Kanus und Ruderboote neben 12-Mann-Canadiern, Drachenbooten, Yachten, Katamaranen, Jollen und Motorbooten. In den Hallen am Ufer stehen 50 Fahrräder und 40 Surfbretter. Alles kann ausgeliehen und ausprobiert werden.

Nur noch wenig erinnert in diesem elf Hektar großen Jugendbildungszentrum, das von einem gemeinnützigem Verein geleitet wird, an die noch gar nicht so lange zurückliegende Vergangenheit. Die Deutsche Hochschule für Körperkultur und Sport in Leipzig (DHfK) unterhielt hier bis 1989 ihre Außenstelle für Rudern und Segeln. Der oft missbräuchlich gebrauchte Begriff "Kaderschmiede" hatte in Blossin durchaus seine Berechtigung. Viele, später erfolgreiche, Leistungssportler holten sich auf dem See und in den Krafträumen die notwendige Kondition.

Das Gelände ging nach der Wende in das Eigentum des Landes Brandenburg über, das es an das neu gegründete Jugendbildungszentrum verpachtete. In gemütlichen Holzhütten oder Bungalows kann man inzwischen eine Reihe von Einzel-, Doppel-, oder Dreibettzimmern mieten. Die Übernachtungspreise (bis 35 Euro) richten sich nach dem jeweils gebotenen Komfort.

Vielleicht könnte der Name "Jugendbildungszentrum" ältere Besucher abschrecken. Michael Haufe, Chef des Erlebnissektors, beugt deshalb gleich vor. "Bei uns ist jeder Wassersportfreund willkommen", sagt er. Eine "Vorbildung" sei nicht erforderlich, Anmeldungen für die angebotenen Kurse - zum Beispiel für den Bootsführerschein - jedoch empfehlenswert. Segelkurse kann man hier auch an den Wochenenden (Freitag bis Sonntag) absolvieren. "Danach können Sie noch nicht jedes Segelboot steuern", aber die Grundregeln habe man da intus, versichert Haufe. "98 Prozent aller Schüler bestehen die Prüfungen zum Grundschein oder amtlichen Motorbootführerschein beim ersten Mal", heißt es im Werbeprospekt.

Alle Alterklassen sind hier vertreten. Schüler ab zehn Jahren amüsieren sich mit ihrer Klasse in der "Funsporthalle" vor allem beim Skaten. An der Kletterwand üben dagegen eher ältere Semester. Eine Abteilung aus der Führungsetage eines Berliner Unternehmens macht sich da - schweißtreibend - fit. Ein Workshop, dessen Lernziele Organisation und Kooperation heißen. Drei Männer versuchen den Gipfel zu ersteigen, bleiben aber in der Mitte der Strecke hängen. Die Kollegen schauen von unten zu, spotten über die Kletterer und geben nutzlose Ratschläge. "Der Teamgeist liegt hier ziemlich am Boden", kommentiert der Trainer das Geschehen. Die drei an der Kletterwand kämen eben nur mit Hilfe der Beobachter am Boden weiter. Am Ende der Woche werde es ganz anders aussehen, verspricht der erfahrene Psychologe.

Schon am nächsten Tag, beim Kutterfahren, warten neue Aufgaben. Die Verteilung der Plätze im Boot muss geplant und akzeptiert werden. Einer übernimmt das Kommando, andere ordnen sich unter. Die Teamarbeit beginnt und wird beim Hangeln über Gewässer und eine Schlucht, einer mehrtägigen Kanutour oder beim Segeln fortgesetzt. Am Ende steht das Gespräch am Lagerfeuer.

Neben leitenden Angestellten und Managern mittelständischer Unternehmen richten sich die Angebote an Lehrer, Mitarbeiter in Jugendclubs, Berufsschulen und andere Interessierte. Finanziell beteiligt sich das Jugendministerium an Anti-Gewalt-Kursen.

Touristen stechen derweil mit großen und kleinen Booten in See. Schließlich liegen viele attraktive Ziele in verlockender Nähe. Von Blossin geht es entweder zum Scharmützelsee nach Bad Saarow oder nach Berlin und sogar bis hinaus in die Ostsee. Wem die Strecken zu weit sind, kreuzt einfach auf dem Wolziger See. Dessen Umrundung schaffen Radfahrer auf den meist gut ausgebauten Wegen in einer guten Stunde. Lauschige Plätze am Ufer laden ebenso wie kleine Ausflugsrestaurants zu ausgiebigen Zwischenstopps ein. Die Badewiese in Wolzig merken wir uns - für wärmere Tage.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben