Zeitung Heute : Wortwolken statt eines roten Fadens

THOMAS KRÖTER

BONN .Das "Talent der guten Rede", bemerkte Dolf Sternberger, der große Sprachdiagnostiker, wachse "aus einem aufgeräumten Kopf, einem fühlenden Herzen und eigener Überzeugung".Gerhard Schröder Herz oder Überzeugung abzusprechen, gälte zu recht als unfair.Bleibt der Ordnungszustand seines Hirnstüberls, um zu erklären, warum die erste Regierungserklärung des neuen Bundeskanzlers in Text und Vortrag so ausgefallen ist, wie sie ausgefallen ist: Ziemlich lang, ziemlich angestrengt, ziemlich anstrengend - unziemlich wenig anregend.Ein Arbeitspapier im Rohzustand, das nach einiger Überarbeitung, gedanklicher wie sprachlicher Präzisierung, das Zeug zu einem mittleren Exempel jener "parlamentarischen Beredsamkeit" gehabt hätte, deren Verfall Sternberger schon Anfang der 50er Jahre beklagte.Die nächsten Kanzlerreden lassen reichlich Raum zur Nachbesserung.

Schröders unaufgeräumte Inaugurationsrhetorik bringt die innere Verfassung seiner Regierung zu Tage, von der die rekordbesessene Geschwindigkeit ihrer Bildung nur unzulänglich abzulenken imstande war: Bis heute hat die rot-grüne Koalition sich von der Überraschung nicht erholt, daß die grausamen Wähler ausgerechnet sie zur Macht verurteilt haben.Das gilt zumal für die SPD.Mehr noch als die dramatisch abgewählte Kanzlerpartei CDU hatte sie auf die Gnade einer großen Koalition gehofft.Der Schock der plötzlichen Verantwortung sitzt mindestens so tief wie der des totalen Machtverlusts.Zwar ist die ideologisch aufgeladene Vision eines "rot-grünen Projektes" längst im Alltag diverser Landesregierungen zu Grabe getragen.Aber als gelte es, den Verlust höherer Sinnstiftung durch eine Reifeprüfung in technokratischer Zuverlässigkeit zu kompensieren, stürzt das neue Bonner Bündnis sich in eine Vielzahl komplizierter Einzelprojekte - um prompt erste Überforderungssymptome zu zeitigen.

Mit Visionen im nachvisionären Zeitalter ist es so eine Sache.Doch einen rot-grünen Faden durch das Labyrinth der Textbausteine aus den frischgewendeten Ministerien durfte man erwarten.Ein Begriff mit Potential zur orientierenden Kraft wäre zur Hand: "Republik der neuen Mitte".Die rechtzeitige Ausmusterung des politisch überforderten Computer-Gurus Jost Stollmann gibt Gelegenheit, unter Beweis zu stellen, daß es keineswegs bloß um die Einbindung der ökonomischen Interessen einer bislang sozialdemokratie-fernen Klientel von Modernisierungsgewinnern geht.Neue Mitte - das heißt auch: Die Republik muß ihre Mitte neu definieren.Da geht es (eine unvollständige Auswahl) um neue Arbeitsplätze und die gerechtere Verteilung der vorhandenen; um das Austarieren des Sozialstaates zwischen Gerechtigkeitsanspruch und haushaltspolitischen Zwängen; um das rechte Maß des außenpolitischen Auftretens.Da geht es schließlich darum, in der Gesellschaft eine politische Diskussionen anzuzetteln, wie die notwendigen Reformen zu bewerkstelligen und wie jenes Band neu zu knüpfen sei, das die Gesellschaft im Innersten zusammenhält.

All dies und noch mehr hat Gerhard Schröder mehr oder weniger und irgendwie angesprochen.Aber hat er es so getan, daß man den Eindruck gewinnen konnte: Da spricht einer mit Herz und Überzeugung? Gegenüber dem byzantinischen Personenkult, dem angemufften Repräsentationsstil, dem Diskurs verhindernden Kungelritual des "Systems Kohl" wirkt die neue Sachlichkeit der neuen Regierung als ein Befreiungsakt.Doch bar der Illusionen ihrer stürmischen Jugend scheint der 68er Generation, erwartungsgemäß in die Jahre und wider Erwarten an die Macht gekommen, auf dem langen Marsch die Phantasie abhanden gekommen zu sein.Das erfahrungsgesättigt selbstauferlegte Ideologie-Verbot droht die Frage nach dem Zusammenhang und dem Sinn zu verschütten.Politische Führung als "modernes Chancen-Management", ökonomische Leistungsfähigkeit als "Anfang von allem" - wer so redet, muß aufpassen, daß er nicht bloß IKEA an die Stelle von Oggersheimer Barock setzt.Erheblich weniger Plüsch, dafür ein wenig kühler.Wie ihre Mitte muß diese Regierung auch ihre Sprache noch finden.Sonst werden die Bürger das Verständnis für die Ziele (und Probleme) von Schröder und Co.schneller verlieren, als diese ihre Stimmen gewonnen haben.

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