Zeitung Heute : Wowereits Marmelade

MEIN KLASSISCHES LEBEN

Christine Lemke-Matwey

Dass man selber ein Wurm ist und in höchstem Maße verwirrt, wenn man mal ganz plötzlich einem wahnsinnig tollen, berühmten Künstler gegenübersteht – okay. Auch okay, dass einem in diesen Momenten nur die peinlichst möglichen Sätze über die Lippen wollen. Wie verwirrt jene berühmten Künstler aber selber sind, davon macht sich der normale Mensch keinen Begriff. So nahm ich eines Tages an einem Dinner zu Ehren eines legendären Maestros teil und durfte, nun ja, besser als nix, am Katzentisch neben der Küchenklappe sitzen. Auch die portugiesische Pianistin Maria Joao Pires war geladen, ein Inbild der Schüchternheit, und äußerte zu vorgerückter Stunde den Wunsch, den Maestro in aller Schüchternheit ihrer grenzenlosen Bewunderung zu versichern. Kein Problem, posaunte der Sponsor, der all die vielen Krebsschwänzlein und Lammnüsschen bezahlt hatte, packte die Zarte an ihrem zarten Handgelenk und zerrte sie vor des Meisters Tafel.

Darf ich vorstellen: Il maestro! Darf ich vorstellen: La Pires! Mit einem Schlag hörte der ganze Saal auf zu kauen. Die beiden Berühmten aber reichten sich die Hände, versanken in tiefes Schweigen – und ließen, zarte Knickse knicksend und feine Bücklinge machend, 21, 22, 23, erst nach einer Ewigkeit wieder voneinander ab. Geblendet vom gegenseitigen Glanz. Gerührt, berührt für immer.

Ich weiß nicht, warum mir ausgerechnet diese Episode in den Sinn kam, als ich mit dem Regierenden Bürgermeister dieser Stadt jüngst ein Podium teilte. Schließlich sind Politiker keine Künstler und insofern niemals richtig toll. Ich denke, es war der Marmeladenfleck. Kultur sei total wichtig und das Land total pleite, erklärte der Regierende, ohne damit wirklich Neues zu verkünden. Dass Berlin allerdings so pleite ist, dass die Sessel, in denen wir saßen, nicht etwa dem Möbelfundus des Roten Rathauses entstammten, sondern dem Wohnzimmer des Veranstalters, der sie überdies in aller Herrgottsfrühe eigenrädrig herbeigekarrt hatte, war selbst mir nicht klar. Und so prangte denn neben Klaus Wowereits rechtem Nadelstreifenknie von der ersten bis zur letzten Podiumsminute ein süßer, saftiger Erdbeermarmeladenfleck. Das Land!, erregte sich der Regierende und schlug ein Bein übers andere, und ach, die Kultur!

Ich dachte an Loriots Nudel, und wie herrlich es wäre, wenn jetzt etwas so wahnsinnig Peinliches über meine Lippen käme, dass vor Empörung das ganze Rathaus erzitterte, woraufhin durch das ganze Land und die ganze Kultur, endlich, ach, der Ruck … Doch nichts davon. Mal wieder hübsch brav in der Spur geblieben und die Façon gewahrt. Selber schuld. Denn so wird man todsicher nie berühmt.

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

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