Zeitung Heute : Wozu Tränen gut sind
10.11.2003 00:00 UhrGerhard Schröder hat es getan, Peter Lohmeyer hat es getan und mit ihnen viele Deutsche: Sie haben geweint. Nicht zu Hause, heimlich und für sich, sondern öffentlich im Kino. Und: Keiner von ihnen schämte sich seiner Tränen. Der Grund: „Das Wunder von Bern“. Der Film über das legendäre Endspiel der Fußballweltmeisterschaft von 1954 rührt Deutschland; wer diesen Film gesehen hat, erinnert sich entweder selbst an Momente, in denen die Augen zu schwimmen begannen oder kann von übermannten Nebensitzern berichten, denen angesichts der Geschichte rund um den Titelgewinn, um tot geglaubte Väter und die langsam einsetzende Hoffnung in den eher düsteren Tagen Nachkriegsdeutschlands die Tränen über die Wangen liefen.
„Ein deutscher Junge weint nicht“, ruft der Vater im Film seinem Sohn hinterher – und weint am Ende selbst doch am bitterlichsten. Wie kommt das? Warum werden aus groben Klötzen übermannte Heulsusen? Was ist es, das den Vater im Film und uns in den Kinos zum Weinen bringt? Und wie kommt es, dass manch einer auf die im Sprichwort beschworene Tränendrüse drückt?
Tränen reinigen nicht
Erste Erkenntnis: Wir weinen, weil wir müssen. Weinen kostet den Menschen viel emotionale Kraft und setzt ihn für eine gewisse Zeit außer Kraft – diese psychische wie physische Anstrengung will gerechtfertigt sein, kein Mensch setzt sich ihr grundlos aus. Nicht die scheinbar harten Jungs, nicht die tragisch verliebten Teenager und erst recht nicht neugeborene Säuglinge.
Zweite Erkenntnis: Wir weinen nicht, um unseren Körper zu reinigen. Diese so genannte „Katharsis“-Theorie dominierte zwar seit den Tagen Platons und Aristoteles die Ansichten über das Weinen – und auch heute verbreiten verschiedene laienmedizinischen Ratgeber noch diese These –, doch die Argumente sprechen mehrheitlich dagegen. In der Tränenflüssigkeit finden sich, im Gegensatz zu Urin oder Schweiß, kaum überflüssige Hormone oder gar Schadstoffe. Außerdem fließt ein nicht unbeträchtlicher Teil der Tränen durch den Tränen-Nasen-Gang und die Nasenhöhle in den Rachen, werden also nicht ausgeschieden, was einer effektiven Reinigung widerspricht.
In anderen Punkten irrten sich Platon und Aristoteles jedoch nicht: Sie wussten, dass das Denken aussetzt, wenn das Weinen einsetzt. Sie waren sich nur uneins, wie das zu beurteilen wäre. Platon nämlich beklagte, dass der von seinen Gefühlen übermannte Theater-Zuschauer seinen Verstand nicht mehr ausreichend gebrauche. Aristoteles hingegen befand, das Weinen sei wichtig, da die Zuschauer dabei ihre im Alltag aufgestaute Erregung abbauen könnten. Immerhin, bleibt die dritte Erkenntnis: In Momenten emotionaler Überforderung, im Guten wie im Schlechten, kommen uns die Tränen. Sei es bei einem Streit, sei es in einer bedrohlichen Situation, aus Wut oder grenzenloser Freude – wir weinen, weil es uns als Ventil erscheint: Entweder, weil wir nicht mehr in der Lage oder auch gewillt sind, uns mit der Situation auseinanderzusetzen oder weil wir uns, wenigstens unterbewusst, quasi eine „Auszeit“ verschaffen.
Vierte Erkenntnis: Jungs weinen so viel wie Mädchen, Männer aber weniger als Frauen. An diesem Punkt spielen nun Hormone die entscheidende Rolle. Das Hormon Prolaktin, eigentlich für die weibliche Milchproduktion zuständig, spiele nämlich – so neuere Hypothesen – auch in der Haupttränendrüse eine entscheidende Rolle. Während dieses Hormon bei Kindern beider Geschlechter gleichermaßen produziert wird und Jungs wie Mädchen gleichermaßen „nah am Wasser gebaut“ sind, ändert die Pubertät dies.
Fünfte Erkenntnis: Deutsche Jungs weinen möglicherweise weniger als andere. Denn neben der biologischen Komponente spielt auch der kulturelle Aspekt eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Je nach Kultur wird Weinen entweder als Ausdruck von Stärke oder wie in Mitteleuropa in Folge der Industrialisierung, die zunächst vor allem die Männer zwang, im Berufsleben zu „funktionieren“, als Ausdruck von Schwäche gedeutet. Gerade in Bereichen, die heute noch als Männerdomänen gelten – in der Fabrikarbeit etwa oder auf der Baustelle – ist öffentliches Weinen verpönt. Etwas komplizierter ist die Sache auf dem Fußballplatz. Andy Möller, heute bei Schalke 04, hat den Beinamen „Heulsuse“ nie ablegen können; wer dagegen nach großem Kampf unterliegt, der darf sich schon mal sensibel zeigen.
Sechste Erkenntnis: Im Kino weinen gilt nicht. Zumindest nicht als emotional bedingtes Weinen im eigentlichen Sinne. Weinen im Kino, wie auch im Fußballstadion, gilt als rituelles Weinen, das zwar auch emotional entspannend wirkt, doch nicht wirklich auf persönliche Betroffenheit zurückzuführen ist. Es gleicht eher dem Weinen in rituellen, fernöstlichen Zeremonien, in denen in der Gruppe eine Atmosphäre geschaffen wird, in der geweint werden darf, teilweise geweint werden muss.
Taktik oder nicht?
In diesen Zeremonien zeigen politische wie religiöse Führer Mitgefühl und somit Verbundenheit mit ihrer Gruppe. Das heißt nicht, dass Schröder oder jene religiösen Führer nur vorgeben zu weinen oder taktische Tränen vergießen. Im Gegenteil: Sie sind genauso emotional involviert wie jeder normale Zuschauer – doch sie spüren wie alle anderen auch, dass ihre Tränen hier erlaubt, ja erwünscht sind. Tränen, die sie sich an anderer Stelle mit Sicherheit verbieten würden. Denn normalerweise weinen starke Führungspersönlichkeiten nicht. Ein bisschen so, wie all die gerührten Zuschauer in den Kinos. Ein bisschen so, wie normale deutsche Jungs. Oder?








