Zeitung Heute : „Würde Nordkorea Nuklearwaffen entwickeln, wäre es eine schmutzige Bombe“

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Nordkorea droht mit Atomwaffen, USVizepräsident Cheney beschimpft Kim Jong Il, trotzdem halten beide über ihre UN-Vertretungen Kontakt. Wie deuten Sie diese Signale, Herr Kwon?

Dieses widersprüchliche Verhalten ist typisch für Nordkorea. Aus der Sicht ihrer Regierung können sie nicht anders. Die Bevölkerung hungert, die Wirtschaft funktioniert nicht – es gibt nichts, was Pjöngjang neben militärischen Drohungen bei Verhandlungen mit den USA strategisch einsetzen könnte. Deshalb ist es für Nordkorea auch so wichtig, dass es als Nuklearmacht wahrgenommen wird.

Und besitzt Nordkorea die Bombe?

Ich weiß es nicht. Nordkorea hat in der Vergangenheit seine Militärindustrie immer an die erste Stelle gestellt, genau so wie früher die Sowjetunion. Mit dem Erfolg, dass andere Wirtschaftszweige total unterentwickelt sind. Gehen wir also mal davon aus, dass sie einen atomaren Sprengkopf herstellen können. Können sie dann auch Sprengköpfe produzieren, um damit Raketen zu bestücken? Hier haben alle Beobachter Zweifel. Denn wenn die Nordkoreaner mit der Technik und dem Material, das ihnen zur Verfügung stehen könnte, Nuklearwaffen entwickelt haben sollten, kämen dabei sicher keine kleinen, modernen Gefechtsköpfe heraus. Das Ergebnis wäre eine schmutzige Bombe von immenser Größe.

Was bedeutet das?

Sie bräuchten für den Transport ein Flugzeug. Wenn man sich aber den Luftraum über Nordkorea ansieht, ist das Radar absolut schwarz. Ab und zu wandert ein kleiner Punkt über den Schirm, das ist die reguläre Flugverbindung zwischen Peking und Pjöngjang. Die Amerikaner kennen den nordkoreanischen Luftraum wie ihre eigene Handfläche. Würde irgendeine andere Maschine starten, wäre sie ganz einfach zu identifizieren.

Besteht eine Chance, dass Nordkorea demnächst wieder an den so genannten Sechsergesprächen teilnehmen wird?

Pjöngjang hat Washington darüber informiert, dass sie zu den Gesprächen zurückkehren würden, was unserer Ansicht nach auch der einzige Weg ist, um die Nuklearkrise zu lösen. Südkorea würde weitere Wirtschaftshilfe leisten, wenn Nordkorea die Gespräche wieder aufnimmt. Nur hat Pjöngjang nicht gesagt, wann das der Fall sein wird. Auch das gehört zur typischen Taktik – sich nie festzulegen. Aber das Wichtigste, wenn wir mit Nordkorea verhandeln, ist eben Geduld.

Wie groß ist die Gefahr, dass Mitglieder der US-Regierung diese Geduld verlieren?

Die US-Regierung ist geübt in einer, ich nenne es mal, Zuckerbrot-und-Peitsche-Diplomatie. Und die halten sie bei Nordkorea eben für notwendig. Einige Regierungsmitglieder äußern sich zwar manchmal sehr harsch gegenüber Pjöngjang. Aber sie kennen alle die Fakten. Deshalb sage ich, was Nordkorea betrifft, gibt es keine divergierenden Ansichten zwischen Seoul und Washington.

Ein anderer schwieriger Nachbar Südkoreas ist Japan. Hat die gemeinsame WM 2002 das Verhältnis nicht verbessert?

Wir hatten eigentlich gehofft, dass dies der Fall sein würde. Und die WM hat auf jeden Fall die jungen Leute beider Länder näher zusammengebracht. Aber problematisch bleibt, dass Japan, anders als Deutschland, gerade was den Zweiten Weltkrieg betrifft, seine Vergangenheit nie aufgearbeitet hat. Schon dass sie nach dem Krieg den Kaiser behalten haben, war ein entscheidendes historisches Signal. Auch die politische Führung hat nicht wirklich gewechselt. Inzwischen sitzen viele Nachkommen von Kriegsverbrechern an entscheidenden Positionen. So ist der jetzige japanische Botschafter in China der jüngste Sohn des Kriegsministers aus dem Zweiten Weltkrieg.

In China hat der Protest gegen japanische Geschichtsbücher sogar zu gewalttätigen Protesten geführt.

Solche Bücher werden von Wissenschaftlern geschrieben und drücken zum Teil auch Minderheitenmeinungen aus. Aber die Regierung müsste Stellung beziehen. Warum verklärt sie Schandtaten aus der Vergangenheit? Schon beim russisch-japanischen Krieg zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts spricht man zum Beispiel immer über den japanischen Sieg, erwähnt aber nie, dass dieser Krieg auch auf koreanischem Boden ausgetragen worden ist.

Deshalb ist Südkorea gegen das Modell des Sicherheitsrats, das Deutschland, Japan, Indien und Brasilien als ständige Mitglieder vorsieht?

Dass ein Land, das sich so verhält wie Japan, zu den wichtigsten Nationen der Welt im UN-Sicherheitsrat gehören soll, dazu können wir nicht ja sagen. Wenn Deutschland aber ohne Japan individuell versucht, in den Sicherheitsrat zu kommen, dann ist ihm die aktive Unterstützung meines Landes sicher.

Young Min Kwon war bis zum Wochenende der Botschafter Südkoreas in Berlin.

Vor seiner Rückkehr nach Korea sprach Ruth Ciesinger mit ihm.

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