Wulff-Debatte : Ich baue dir ein Schloss

Ein Klinkerbau in Burgwedel erregt die Republik. Dabei ist der Traum vom Eigenheim einfach nur typisch deutsch. Schon Heintje hat ihn besungen. Unser Autor sagt: zu Recht!

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Dieses Backsteinhaus zieht Bundespräsident Christian Wulff dem Schloss Bellevue vor.
Dieses Backsteinhaus zieht Bundespräsident Christian Wulff dem Schloss Bellevue vor.Foto: picture alliance / dpa

Das lustigste Politikerhaus, und vermutlich eines der teuersten, hat Oskar Lafontaine in der Nähe von Saarbrücken errichten lassen. Es ist im toskanisch-spätrömischen Dekadenzstil erbaut und gestattet, vermutlich, ohne dass sein Besitzer es beabsichtigt, aller Welt einen Blick in die Lafontaine’sche Seele. Der Betrachter erkennt eine sympathische Sehnsucht nach der Lebenskunst des Südens, aber auch einen Hang zu imperialer Größe und ein Selbstbewusstsein, das sich vor keinem Kaiser oder Zaren verstecken muss. Seltsamerweise verzeihen die Linken ihrem Oskar seinen Palazzo, während an der – gemieteten! – Berghütte von Genosse Klaus Ernst viel herumgemosert wurde: eine Hütte, die noch nicht einmal Strom hat.

Die Tür einer Etagenwohnung kann jeder hinter sich zumachen. Ein Haus aber steht frei in der Landschaft herum und verrät einiges über den Eigentümer. Das zur Zeit bekannteste deutsche Eigenheim steht in Burgwedel bei Hannover, es ist ein schlichter Ziegelsteinbau mit ausgebauter Dachgaube, Pergola und kleinem Vorgarten.

Das Haus des amtierenden Bundespräsidenten wurde schon zu Beginn der Präsidentenaffäre vielerorts einer Stilkritik unterzogen. Und alles, was über das Haus gesagt wurde, schien immer auch ein bisschen auf Christian Wulff als Person zuzutreffen. Dieser Bauherr, sagte der Architekt Philipp Dittrich in der „taz“, habe sich „wenige oder gar keine Gedanken gemacht“, er besitze keinen „Gestaltungswillen“. In der „Welt“ schrieb ein Architekturkritiker, das Haus ducke sich ab in Durchschnittlichkeit. Es sei, in einem Wort, „eine Aufbewahrungsdose“. Der Preis von 415 000 Euro wurde allseits mit Erstaunen registriert, er wirkt überhöht für eine Aufbewahrungsdose. Hat der naive Präsident seinen fragwürdigen Kredit aufgenommen, mit all dem Ärger, nur, um sich von einem cleveren Verkäufer übers Ohr hauen zu lassen?

Boris Becker hat sich mit seinem Eigenheimtraum auf Mallorca auch Ärger zugezogen. Bei ihm geht es stilistisch mehr in die marokkanisch-arabische Richtung. In seiner nicht sehr langlebigen Fernsehsendung „Boris-Becker-TV“ hat er einmal erzählt, dass allein an dem offenen Kamin sechs echte Marokkaner tagelang gearbeitet haben. Auf den fast 300 000 Quadratmetern Grund befindet sich sogar ein Amphitheater, in dem Boris Becker bei seinem Sommerfest die Band U2 aufspielen lassen wollte.

Dazu wird es nicht mehr kommen. Becker hat mit dem sogar für ihn etwas zu teuren Haus viel Ärger gehabt. Im Juli vergangenen Jahres berichteten Medien von einer Pfändung des Anwesens, weil Gärtnerrechnungen von rund 300 000 Euro unbezahlt geblieben sind. Becker selbst sprach nur von „gerichtlichen Auseinandersetzungen“. Seit 2007 sucht er einen Käufer. Bei einem Preis von 15 Millionen Euro ist so eine Person nicht leicht zu finden.

Bundeskanzler Schröder hatte sich, so schien es, für die volksnähere Lebensform „Reihenendhaus“ entschieden. Inzwischen geht es ihm, als Ex-Kanzler, finanziell besser, und er ist kürzlich in ein repräsentativeres Anwesen umgezogen. Schönstes Hannover, freistehend. Im selben Zeitungsladen wie er kaufen angeblich der Produzent Mousse T. und sogar die Spieler von Hannover 96. Die neuen Nachbarn, heißt es in einer Lokalzeitung, machten sich ein bisschen Sorgen, weil Schröders doch sicher oft Besuch bekämen, vielleicht auch von seinem umstrittenen Freund und Förderer Wladimir Putin. Schröder hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Mit seinem Haus kann ein bekannter Mensch es natürlich immer nur falsch machen. Ist es konventionell, gilt er als Spießer. Ist es Avantgarde, will er Eindruck schinden. Ist es teuer, dann will er angeben. Ein billiges, schlichtes Haus aber lässt auf eine gewisse Kleinkariertheit im Charakter schließen.

In Deutschland leben vergleichsweise wenige Personen im eigenen Haus oder einer Eigentumswohnung, 43 Prozent, die zweitniedrigste Zahl in Westeuropa. In Spanien sind es 87 Prozent. Für den deutschen Sonderweg gibt es mehrere Ursachen, zum Beispiel die hohe Zahl der Großstadtbewohner und die vergleichsweise hohen Kosten. Erst neuerdings gelten deutsche Immobilien weltweit als günstig, lange war es anders. Bauland war meistens teuer in Deutschland, Handwerker sind teuer, Nebenkosten und Steuern sind beträchtlich, und man braucht viel Eigenkapital. 20 Prozent des Kaufpreises gelten als wünschenswert. In den USA reichen, auch nach der Immobilienkrise, sechs bis acht Prozent.

Mentalitäten und Traditionen spielen auch eine Rolle. In den USA oder in Südafrika kauft und verkauft man ein Eigenheim so routiniert wie einen Gebrauchtwagen. In Deutschland dagegen hat der Eigenheimerbauer oft das Gefühl, den Bund fürs Leben einzugehen. Das schwer zu erwerbende deutsche Haus und seine Menschen, eine romantische Beziehung.

Diese Gefühlsbeziehung entstand in der Nachkriegszeit. Das eigene Haus, ein reines Wohnhaus, das man gern „Villa“ nannte, war lange ein Privileg des Adels und der Großbürger. Für Handwerker und Bauern war ihr Haus gleichzeitig Arbeitsplatz, für das Proletariat gab es die Mietskaserne. Die großbürgerliche Stadtwohnung war ein Spezialfall von Metropolen wie Berlin. In der Ära von Konrad Adenauer und Ludwig Erhard ist das Eigenheim zum Symbol für Wohlstand, sozialen Aufstieg und soziale Gleichheit geworden. Mit Steuervorteilen und Eigenheimzulage verhalf der westdeutsche Staat auch vielen Durchschnittsverdienern zum Häuschen.

Das Häuschen, die Villa des kleinen Mannes, war einerseits der öffentliche Beweis dafür, es auf der sozialen Leiter in die obere Hälfte geschafft zu haben. Gleichzeitig schien es eine Versicherung gegen Inflation und Krisen zu sein, beides Urängste. Es war ein Statussymbol, das vielen vernünftiger vorkam als ein dickes Auto. Und es war, mit 90 oder 120 Quadratmetern, der ideale Schauplatz für die Kleinfamilie. Zwei Kinder, wie es sich gehörte, die anfangs auf dem Rasen spielten und später, wenn sie brav waren, das Ganze mal erben durften. Die Hymne dieser Lebenseinstellung hat der holländische Kinderstar Heintje gesungen, in den 60er Jahren: „Ich bau dir ein Schloß, wenn ich erst groß bin. Da kannst du dann froh und glücklich sein.“ Adressatin des Songs ist ein hübsches blondes Mädchen, natürlich ohne Tattoo.

Für so viel Sicherheit, auch emotionale, nimmt man traditionell gewisse Bankrisiken in Kauf. Allerdings gibt es heute häuschenfeindliche Phänomene, die 1960 kaum eine Rolle spielten: Langzeitarbeitslosigkeit, unsichere Jobs, stagnierende Einkommen, eine hohe Scheidungsrate. Eine Umfrage bei Schuldnerberatungsstellen ergab, dass 20 Prozent aller finanziellen Zusammenbrüche in Deutschland mit dem Kauf einer Immobilie zusammenhängen, die sich für diesen speziellen Käufer als zu teuer herausgestellt hat. Und wenn erst einmal wieder die Zinsen steigen, dann wird es ein Heulen und Zähneklappern geben unter all den Häuschenbauern, die keine echten Freunde haben.

Kurz nach einer Scheidung ist der Mensch sowieso finanziell extrem verwundbar. Der Christian-Wulff-Wunsch, sich trotz ungünstiger Rahmenbedingungen ein Haus zu leisten, das man sich eigentlich nicht leisten kann, ein typisch deutscher Wunsch, ein alter Adenauer-CDU-Wunsch, ist auch der ehemaligen ZDF-Moderatorin Ramona Leiß zum Verhängnis geworden. Ihr Haus, 350 Quadratmeter Wohnfläche, mit Pool, hat ihr, weil ihre Kreditbedingungen nicht so angenehm waren wie die des Bundespräsidenten, statt neidischer Blicke nur Schulden von 1,5 Millionen Euro eingebracht. Die Ursache der Krise war klassisch, eine Kündigung durch das ZDF. Jetzt wohnt sie wieder normal, in drei Zimmern, und tritt momentan in der Dschungelshow bei RTL auf. Dafür, dass unserem Bundespräsidenten wenigstens diese Schmach erspart bleibt, muss man seinen Freunden trotz allem ein wenig dankbar sein. Unkündbar ist er ja sowieso.

Wulff war frisch geschieden, trotzdem musste ein Häuschen sein. Karl-Theodor zu Guttenberg hatte, wie Ramona Leiß, gerade den Job verloren, und genau wie der spätere Bundespräsident hat er auf eine aktuelle Lebenskrise mit dem sofortigen Kauf eines Häuschens reagiert, also im Heintje-Stil. Es steht in der Nähe von New York, die Nachbarn, laut „Spiegel“, sind Hedgefonds und Investmentfirmen. Drei Millionen soll es gekostet haben, und in einem Interview, kurz nach dem Kauf, sagte Guttenberg: „Wir sind Deutsche. Mit ganzem Herzen.“

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