Zeitung Heute : Wulff mag sein Telefonat nicht lesen

06.01.2012 00:00 UhrVon F. Jansen, H. Monath, S. Pohlmann

„Bild“ wollte Abschrift der Mailbox-Nachricht drucken / Ex-Richter Di Fabio verteidigt den Präsidenten.

Berlin - Einen Tag nach seinem Fernsehauftritt sieht sich Bundespräsident Christian Wulff mit dem Vorwurf konfrontiert, er habe falsche Angaben zu seinem Anruf bei der „Bild“-Zeitung gemacht. Wulff widersetzte sich am Donnerstag der Aufforderung zur Veröffentlichung jener Nachricht, die er im Zusammenhang mit Recherchen zu seinem Hauskredit Mitte Dezember auf der Mailbox des Chefredakteurs Kai Diekmann hinterlassen hatte. Die „in einer außergewöhnlich emotionalen Situation gesprochenen Worte“ seien nur für Diekmann „und für sonst niemanden“ bestimmt gewesen, schrieb Wulff an den Chefredakteur. Dieser hatte ihn um Zustimmung zur Veröffentlichung des Textes gebeten.

In dem TV-Interview vom Mittwoch hatte Wulff volle Transparenz in allen strittigen Fragen versprochen. Ziel des Anrufs bei Diekmann sei nicht die Verhinderung des Berichts über seinen Hauskredit, sondern lediglich ein Aufschub gewesen, sagte er.

Dieser Darstellung widersprach die „Bild“-Zeitung. „Es war ein Anruf, der ganz klar das Ziel hatte, die Berichterstattung zu unterbinden“, sagte der stellvertretende Chefredakteur der Zeitung, Nikolaus Blome, dem Deutschlandfunk. Die Redaktion bedauerte die Entscheidung Wulffs gegen eine Veröffentlichung der Nachricht. Damit könnten die entstandenen „Unstimmigkeiten“ nicht im Sinne der versprochenen Transparenz geklärt werden, erklärte die Zeitung.

Die SPD forderte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Einschreiten auf. Wenn die Kanzlerin ein Interesse habe, „dieses scheinheilige Schauspiel zu beenden“, dann solle sie Wulff davon überzeugen, der Veröffentlichung der Mailbox-Nachricht zuzustimmen, sagte SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann.

CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe warf der Opposition vor, sie betreibe mit ihren Attacken auf Wulff „ein schäbiges Spiel“. Sie versuche, „die Debatte künstlich zu verlängern, um politisches Kapital daraus zu schlagen“. Allerdings kritisierte Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) das Krisenmanagement von Wulff. Dieser hätte besser sofort „reinen Tisch“ machen sollen, sagte Kauder der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. In einer Umfrage „ARD-Deutschlandtrend extra“ vom Donnerstag vertraten derweil 60 Prozent derjenigen, die das Fernsehinterview gesehen hatten, die Ansicht, Wulff habe „jetzt eine zweite Chance verdient“.

Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio mahnte die Kritiker Wulffs zur Zurückhaltung. Wer in der Demokratie ein Amt bekleide, „darf kritisiert werden“, sagte er dem Tagesspiegel. „Wenn er aber fast nur durch Worte und Symbole das Gemeinwesen repräsentiert, sollte er nicht mit derselben Elle gemessen werden, wie Kanzler und Minister, die über politische Macht verfügen.“ Zugleich meldete Di Fabio Zweifel an, ob der Anruf Wulffs beim Chefredakteur als Attacke auf die Pressefreiheit zu werten sei. „Der Bundespräsident verfügt über keine echte eigene Macht. Er kann nicht wirklich drohen“, sagte Di Fabio.

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