Zeitung Heute : Wunder oder Wahrheit

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Warum die Deutschen noch vier Jahre warten sollen

Von Moritz Rinke

Guten Abend, Deutschland! Hallo Yokohama! Noch einmal schlafen! Finale! Welch ein Glück, welch eine Freude, Ja, Götterfunken! Darum hier noch einmal schnell die Stationen, wie wir ins große Finale kamen:

1) Glanzvoller historischer 8:0 Sieg gegen die absoluten Fußballzwerge aus Saudi-Arabien, die leider kein einziges Tor bei dieser WM erzielen können. Ein Star ns Klose wird geboren. 2) Solides und eigentlich glückliches 1:1 gegen das in der Zentrale ersatzgeschwächte Irland. Ein Spiel, das aus 20 starken offensiven Minuten besteht und aus 74 Minuten Defensivarbeit, die ja fast zufrieden stellend absolviert wird. Man bedankt sich abschließend bei Kahn. 3) Überraschend deutliches 2:0 gegen Kamerun. 20 überdurchschnittliche Minuten reichen gegen den Afrikameister, der leider auf ganzer Linie enttäuscht und noch defensiver als die Deutschen agiert.

4) Durch Kamerun lernen! Das schlechteste WM-Spiel der Deutschen seit 1978. Drei Sekunden-Lichtmoment vom Zuwanderer Neuville. 1:0 gegen Paraguay. Erneuter Dank an Kahn. 5) Das schlechteste WM-Spiel der Deutschen aller Zeiten gegen die USA. Drei Sekunden Licht durch Ballack. Wiederholter Dank an Kahn und bei Frings, der den Ball locker mit der Hand vor der Torlinie abwehrt, während der Schiedsrichter die Augen schließt. Und was ist mit Klose? 6) Große Laufleistung gegen Südkorea, die nach zwei Verlängerungen gegen Italien und Spanien ziemlich müde sind. Das Spiel der Deutschen – die sich von den Namen der Gegner her ja eher durch ein DFB-Jubiläumsturnier als durch eine WM gekickt haben – ist nicht alles andere als schön, aber immerhin einen Tick besser. Ballack gelingt das obligatorische 1:0. Finale! Bier! Sogar Netzer verlässt sein analytischer Geist. Erneut obligatorischer Dank an Kahn.

7) Tja. Also, entweder ein Wunder oder die Wahrheit. Aber viel schöner und anständiger wäre es doch morgen, gerecht zu verlieren, den Samba und die schönen tanzenden Frauen zu bewundern, einen Caipirinha auf den süßen, ewig lachenden Gaucho Ronaldinho zu trinken und vier Jahre Geduld zu üben, um dann im eigenen Land mit einer neuen ronaldinhohaften, vom alten Netzergeist durchdrungenen neuen deutschen „Fohlenelf“ die Herzen der Welt zu erobern, oder? Darauf ein deutsches Bier!

Mein Tipp: 0:1

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